Das Paar: Ingrid (64) und Walter Gläßer (66) erfuhren aus dem Fernsehen vom „World’s Toughest Row“, dem angeblich härtesten Rennen der Ruderwelt. Durch die Teilnahme unter dem Teamnamen „Hänsel&Gretel“ wurden sie zum ältesten Paar, das je an den Start ging. Walter Gläßer rudert seit 50 Jahren und hat seiner Frau das Wichtigste beigebracht, um den Atlantik zu überqueren. Drei Jahre bereiteten sich die beiden, die nahe Heilbronn eine Firma haben, vor: auf dem Neckar, an Wochenenden und in den Ferien auf der Ostsee, der Adria und in England.
Frau Gläßer, Sie und Ihr Mann sind neulich beim „härtesten Rennen der Welt“ 60 Tage über den Atlantik gerudert, heute tragen Sie einen Verband am rechten Mittelfinger. Warum?
Ingrid Gläßer: Ich habe das Gelenk verloren. Die Ärzte haben mir die Fingerkuppe ein Stück nach unten gesetzt, sodass mein Mittelfinger jetzt unterhalb des Zeigefingers endet. Ich habe jetzt noch einen Fixator, damit alles zusammenheilen kann.
Ingrid Gläßer: Wir haben in der ersten Nacht nach dem Start in La Gomera unseren Para-Anker ins Wasser gelassen. Am nächsten Morgen verhedderten sich Einholleine und Ankerleine, und als eine Welle kam, wickelte sich eine Leine um meinen Finger und zerquetschte das Gelenk.
Wie haben Sie es geschafft, die 4800 Kilometer lange Strecke bis Antigua noch 58 Tage lang weiterzurudern?
Ingrid Gläßer: Ich habe mir selbst eine Art Schiene gemacht. Und mit Ibu 800 und vier Fingern geht alles.
Wie viele Schmerztabletten hatten Sie denn dabei?
Ingrid Gläßer: Es war vom Rennarzt vorgeschrieben, dass für jeden Tag drei Schmerztabletten dabei sein mussten. Dem Arzt hatte ich auch jeden Tag Fotos meines Fingers geschickt.
Haben Sie nicht ans Aufgeben gedacht?
Walter Gläßer: Wenn man aufhört, bleibt das Boot auf dem Atlantik, das wird nicht geholt. Dann sind 100.000 Euro fort.
Wie haben Sie sich denn auf „World’s toughest Row“ vorbereitet?
Ingrid Gläßer: Wir haben in England unser Boot gekauft und hauptsächlich auf dem Neckar trainiert, morgens um fünf vor der Arbeit. Im Sommer waren wir jeweils zweimal für rund eine Woche an der Ostsee und der Adria. Bevor man an dem Rennen teilnehmen darf, muss man nachweisen, dass man mindestens 120 Stunden auf offener See im Salzwasser unterwegs war, davon mindestens 30 Stunden in der Nacht.
Wie groß war dann der Unterschied zwischen Adria und Atlantik?
Walter Gläßer: Auf dem Atlantik hatten wir in den ersten zwei Tagen die Hosen voll. Da kommt seitlich eine Riesenwelle und legt das Boot fast quer, und im nächsten Augenblick kommt von der anderen Seite eine Welle und schlägt ein. Da haut es dich aus dem Sitz, mal zur einen, mal zur anderen Seite. Und es reißt einem manchmal schier den Arm raus, wenn du in eine Welle reinkommst. Wenn der Wind mit 20 Knoten (etwa 37 Kilometer pro Stunde/d. Red.) bläst, versucht er immer, die breiteste Stelle des Bootes zu nehmen. Dann drückt er dich schräg, und du musst gucken, dass du wieder auf Kurs kommst. Und dann noch die Algenteppiche! Die waren manchmal so dick, dass wir das Boot fast gar nicht mehr rausbekommen haben. Für alles braucht man viel Kraft, das ist das Wichtigste.
Frau Gläßer, wie haben Sie das Boot mit verletztem Finger gerade gezogen?
Ingrid Gläßer: Ich hatte zum Teil beide Hände am Skull. Gegen 20 oder 30 Knoten Wind bin ich fast nicht angekommen, zum Teil hing ich eine halbe Stunde drin. Aber ich konnte ja meinen Mann auch nicht gleich wieder zu Hilfe rufen, wenn er seine zwei Stunden Pause gemacht hat.

Wie kamen Sie bei rauer See zur Ruhe?
Walter Gläßer: Jeder rudert zwei Stunden, und der andere braucht die zwei Stunden Pause, um mal abzuschalten. Von den fünf Stunden Ruhe in der Nacht habe ich vielleicht zwei Stunden geschlafen. Das schlechte Wetter am Anfang war schlimm. Schlafsack, Kabine, Klamotten, alles war nass. Es war ein Horror. Aber das Gewackel war das Schlimmste.
Ingrid Gläßer: Für dich war’s schlimmer als für mich, weil du rudern wolltest wie sonst immer auf dem Fluss oder im Rennboot. Das ging auf dem Atlantik nicht. Das hat meinen Mann so was von verrückt gemacht, dass er unausstehlich wurde. Bis es bei ihm klick gemacht hat, dass das so nicht geht.
Walter Gläßer: Man kann ja nicht sagen, mich nervt alles, ich höre jetzt auf und steige in den Besenwagen. Du musst da durch, auch wenn es dir noch so dreckig geht. Es war schlimmer, als ich es mir vorgestellt habe.
Haben Sie sich gegenseitig Vorwürfe gemacht, wer auf diese blöde Idee gekommen ist?
Ingrid Gläßer: Genau das hat mein Mann gesagt: Komm mir nie mehr auf so doofe Ideen!
Walter Gläßer: Im Normalfall siehst du nichts. Nur Wasser, Wasser, Wasser. Und nachts ist es schwarz. Aber was willst du machen? Wenn du schier zusammenbrichst und einen Weinkrampf kriegst, musst du zwei, drei Minuten später wieder funktionieren, sonst geht es nicht weiter.
Ingrid Gläßer: Dreimal wollten wir uns unterwegs scheiden lassen. Ich habe Wörter gebraucht, die man normalerweise nicht gebraucht.
Die Ehe hat das Rennen offenbar überstanden.
Ingrid Gläßer: Wir sind seit 42 Jahren verheiratet, arbeiten seit vierzig Jahren zusammen und sind sieben Tage die Woche 24 Stunden zusammen. Aber auf hoher See in einem Boot ist alles anders. Wir haben mehr gestritten als sonst, haben laut geschrien, damit es der andere gegen den Wind hört.
Es hat ja niemand mitbekommen.
Ingrid Gläßer: Als unsere Kinder auf Antigua gewartet haben, hat mein Sohn später gesagt: ‚Erst als ihr euch auf dem Boot einen Kuss gegeben habt, war für mich klar, dass ihr noch zusammen seid.‘ Unsere Kinder waren beide skeptisch, ob das funktioniert.

Weshalb lagen Ihre Nerven blank?
Walter Gläßer: Die Nerven liegen immer blank. Schon, wenn man einen Kaffee machen will. Es könnte passieren, dass der Gaskocher zwischen den Füßen umfällt und man sich verbrüht. Oder du willst deinen Kaffee in die Tasse kippen und die nächste Welle schüttet alles wieder um. Da dreht man durch und fängt an zu plärren.
Aber bis auf den Finger Ihrer Frau blieb alles heil?
Walter Gläßer: Ungefähr auf halber Strecke sind wir gekentert. Alles, was nicht angebunden war, ist über Bord gegangen.
Ingrid Gläßer: Kanister, Löffel, alles über Bord. Die Suppe haben wir danach mit der Gabel gegessen. Ein Skull brach, eines hatten wir am Tag vorher schon verloren. Danach mussten wir improvisieren. Wir konnten ja nicht einkaufen gehen. Unser Internet fiel vorübergehend aus, wir konnten nichts mehr laden, weil die Elektronik nicht funktioniert hat.
Gingen Sie auch über Bord?
Walter Gläßer: Ob wir nur auf dem Kopf lagen oder uns einmal komplett gedreht haben, weiß ich nicht. Das ging zu schnell.
Ingrid Gläßer: Ich weiß noch, dass ich gedacht habe: Da oben ist es hell, da muss ich jetzt hin. Und auf einmal war ich wieder oben, da hat mich das Boot beim Drehen mitgenommen.
Das Boot kommt von selbst wieder an die Oberfläche?
Ingrid Gläßer: Es dreht sich im Normalfall automatisch. Bei einem Teilnehmer hatte sich das Boot nach dem Kentern aber nicht gedreht. Er hatte das Rettungsfloß noch rausnehmen und einen Notruf absetzen können. Er ist von einem Frachter aufgenommen worden, sein Boot treibt seither Richtung Amerika.
Sie hätten doch sagen können: 100.000 Euro hin oder her, wir halten Wind, Wetter und Wellengang nicht aus und hören auf.
Ingrid Gläßer: Das haben wir nie gesagt, auch nach dem Kentern nicht. Da haben wir nur geschaut, was kaputt ist, haben die Meldung rausgegeben, dass die Seenotrettung nicht kommen muss, obwohl automatisch ein Notruf gesendet wurde.
Walter Gläßer: Wir hatten aber verpennt, das Boot unten sauberzumachen. Das ganze Unterschiff war voller Seepocken und anderem Zeug, sodass wir nicht mehr richtig Kurs halten konnten und relativ langsam waren. Das hat uns wahnsinnig viel Zeit gekostet.
Ingrid Gläßer: Ja, aber da war halt auch der Hai.

Ingrid Gläßer: Ein Hai ist so lange hinter uns hergeschwommen, dass wir gesagt haben: Von uns geht keiner raus, um das Boot sauberzumachen. Nach zehn Minuten hatte er offenbar gemerkt, dass bei uns nichts zu holen ist, und ist abgedreht.
Walter Gläßer: Irgendwann musst du aber raus. Als Fluss- und Seeruderer überlegst du aber zweimal, bevor du dich das erste Mal in acht bis zehn Meter hohe Wellen stürzt. Aber was soll’s? No risk, no fun.
Sie mussten fürs Rennen auch Funkkurse und andere Lehrgänge absolvieren. Haben Sie das Wissen benötigt?
Ingrid Gläßer: Ja. Wir hatten nachts mal drei Schiffe angefunkt, die uns ziemlich nahe gekommen waren. Der Erste hat geantwortet, dass er den Kurs ändert, und ist seitlich an uns vorbei. Der Zweite hat gesagt, er spreche nur Spanisch, ist aber auch an uns vorbei. Der Dritte ist gar nicht an sein Funkgerät gegangen.
Wurde Ihnen nicht mulmig?
Ingrid Gläßer: Mir war schon mulmig. Man wartet jede Minute, ob das Schiff nicht doch vielleicht näherkommt.
Walter Gläßer: Außerdem fahren wir ja rückwärts. Wir haben zwar einen Spiegel, aber darauf sieht man fast nichts, was vorne passiert. Einmal schlug das Automatische Identifikationssystem an – da fuhr 200 Meter vor uns ein ziemlich großes Schiff.
In Ihrem Onlinetagebuch hatten Sie geschrieben, „der Verstand spielt üble Streiche“. Wie zeigte sich das?
Walter Gläßer: Ich habe von einer Schlachtplatte geträumt, mit einem Extrastück Bauch, einer doppelten Portion Würstchen und dafür weniger Sauerkraut.
Ingrid Gläßer: Ich fing an, mit mir selbst zu sprechen. Damit man wach bleibt, erzählt man irgendwas. Nachts war es schlimm, vor allem nach dem Kentern. Ich habe mit einer Welle gesprochen und ihr gesagt: Dich hätte ich jetzt eigentlich nicht gebraucht.
Walter Gläßer: Und dann die fliegenden Fische! Die wurden vom Licht angezogen und ließen sich auf uns oder ins Boot plumpsen. Die stinken. Die meisten haben wir gleich über Bord geworfen, aber morgens lagen dann doch noch zwei, drei Leichen im Boot, die man entsorgen musste.

Wie haben Sie sich ernährt?
Ingrid Gläßer: Trockenfutter. Gefriergetrocknetes Outdooressen. Das macht man mit heißem Wasser, lässt es aufquellen. Davon hätte jeder von uns drei, vier Päckchen am Tag essen sollen.
Walter Gläßer: Das, was ich daheim nicht anrühren würde, war auf See das Highlight des Tages: die billigen Chinanudeln vom Lidl. Aber davon hatten wir zu wenig dabei.
Ingrid Gläßer: Weitere 2000 oder 3000 Kalorien sollten wir über Süßigkeiten zu uns nehmen: Gummibärchen, Müsliriegel, Kekse.
Walter Gläßer: Aber das Süße, das wir zu Hause essen, konnten wir nicht essen. Auf dem Atlantik hat man ein anderes Geschmacksgefühl, es hat nicht geschmeckt.
Nach der Atlantiküberquerung wurden Sie zum ältesten Paar, das das „härteste Rennen der Welt“ überstanden hat. Wie haben Sie sich gefühlt?
Ingrid Gläßer: Wir waren euphorisch. Es war ein unglaublicher Moment.
Walter Gläßer: Von dem Ältestenrekord hatten wir beim Start auf La Gomera zum ersten Mal gehört. Im Endeffekt kannst du nichts dafür, außer dass du überlebt hast und so alt geworden bist. Ob wir beim Rennen Erste würden, Dreißigste oder Vierzigste, das war uns irgendwann so was von wurscht. Ich konnte nach unserer Zielankunft nicht mehr stehen, weil meine Knie zitterten. 60 Tage hatten wir nur gesessen oder gelegen oder waren in die Koje gekrabbelt.
Ingrid Gläßer: Als wir abends auf Antigua Pizza essen gingen, brauchten wir jemanden, der uns stützt. In den ersten zwei Tagen wurden wir zur Toilette geführt, wie von zwei Pflegern links und rechts.
Was ist die wichtigste Erfahrung, die Sie mitgenommen haben?
Ingrid Gläßer: Für mich war es, über meine Grenzen hinausgehen zu können und mit zwei brennenden Fackeln im Ziel zu stehen.
Haben Sie jetzt das Gefühl, dass Sie abgehärteter sind und sagen können: Uns haut nichts mehr um?
Walter Gläßer: Es ist kein Lifechanger. Du bist kurz zufrieden, dann geht das Leben weiter.
Ingrid Gläßer: Wir sehen jetzt manches gelassener und lassen uns von außen nicht mehr so drängeln. Dass da jeder kommen kann und glaubt, er kann auf unseren Nerven rumtrampeln, das geht jetzt nicht mehr.
Werden Sie wieder gemeinsam ins Boot steigen?
Ingrid Gläßer: Zwischendurch habe ich gedacht: Meine Ruderkarriere mit ihm erkläre ich hiermit für beendet. Aber wenn mein Finger in acht Wochen ausgeheilt ist, geht es weiter. Wir haben zwei Veranstaltungen zugesagt: von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang auf dem Rhein rudern, soweit man kommt. Und ein Rheinmarathon über 42 Kilometer.
Walter Gläßer: Mit dem jetzigen Wissen und unseren Voraussetzungen wären wir beim nächsten Mal sicher fünf bis zehn Tage schneller. Aber es wird kein zweites Mal geben.
