Warum sind die wenigen Menschen, die Arbeitskraft kaufen, so viel mächtiger als die vielen, die sie verkaufen? Warum gäbe es allerhand Ansatzpunkte für Klassenbewusstsein, aber kaum Anzeichen, dass sich Arbeiter auf diese Weise gemeinsam sehen? Über diese Fragen hat die Soziologin Nicole Mayer-Ahuja ein Buch geschrieben, das man nicht lesen sollte, wenn man auf Marx, Engels oder Luxemburg allergisch reagiert.
Wenn man sich aber fragt, wie es sein kann, dass die wenigen die vielen in der Vielherrschaft, die die Demokratie zu sein verspricht, ökonomisch dominieren, lohnt zumindest die Auseinandersetzung mit der Frage, warum weit und breit keine selbstbewusste Arbeiterklasse zu sehen ist. Dieser Befund ist umso erstaunlicher, wenn man Mayer-Ahuja zustimmen wollte, die meint, der „Skandal der Klassengesellschaft“ sei heute allgegenwärtig (und sich mit der Vokabel vom „Skandal“ auch gleich politisch positioniert). Zu spüren sei die „Klassengesellschaft“ spätestens seit Mitte der 1980er-Jahre wieder, meint die Professorin, die in Göttingen lehrt. Die „Gräben zwischen Kapital und Arbeit sowie zwischen verschiedenen Gruppen von Beschäftigten“ seien nämlich wieder deutlich tiefer geworden als in der Nachkriegsepoche, die ihr immer wieder als Positivbeispiel dient.
Wenn die Klassengesellschaft auch für diejenigen, die dabei auf der Verliererseite stehen, aber wieder spürbarer wird, ist die Tatsache der politischen Folgenlosigkeit dieser Erkenntnis umso dringender. Mayer-Ahuja zählt dann in etlichen Kapiteln auch auf, was gegen kollektive Solidarisierung innerhalb der Klasse der Beschäftigten spricht: Unternehmen (oder besser: Unternehmer) versuchten dem vorzubeugen, indem sie die Arbeiterschaft systematisch spalteten. Vor allem sind aber, schreibt die Soziologin, die Interessen der Arbeitenden eben nicht alle gleich: Frauen haben andere als Männer, Zugewanderte haben mit anderen Benachteiligungen zu kämpfen als Deutsche; und nicht zuletzt mache es eben auch einen gehörigen Unterschied, wo und von wem und für wen man sich ausbeuten lässt: Im Reinigungsdienst mache man andere Klassenerfahrungen als als Lieferfahrer.

Bis zum dritten und letzten Teil ist das Buch in weiten Teilen ein analytischer Forschungsbericht früherer Forschungsarbeiten aus der Arbeitssoziologie. Der beginnt dann mit einem Eingeständnis: „Die aktuellen Dynamiken der Klassenformierung sind offenkundig zu komplex, als dass man sie mit einem einzigen Buch umfassend untersuchen könnte.“ Vor allem, meint die Soziologin, sei Klasse nun mal nichts Stabiles, Ahistorisches, Kategoriales, sondern in dem Maß dynamisch, wie es auch der Kapitalismus ist. In der Betrachtung solle man nicht eine konkrete historische Situation mit ihrer Klassenverteilung „schockfrosten“, die Autorin rät stattdessen dazu, die „Dynamiken der Klassenformierung“ zu beschreiben. Das ist die analytische Pointe dieses Buches. Die politischen Pointen folgen im Schlussteil, wobei man nicht zwingend von Pointen sprechen muss.
Einen Schlüssel zu mehr Klassenbewusstsein vermutet die Autorin in einer Praxis, die zum Wesen des Kapitalismus gehört: der Arbeitsteilung. „Man muss, aber man will auch zusammenarbeiten, um gute Ergebnisse zu erzielen“, konstatiert Mayer-Ahuja. Warum sollte das nur für Produkte gelten und nicht für politische Anliegen derer, die sie zusammen herstellen?
Vor allem aber setzt die Soziologin auf einen aktiveren Staat, der viel genauer regelt, was Unternehmen tun dürfen, wenn sie Arbeitskraft kaufen. Auch der Staat selbst soll stärker sein, Gesundheit, Bildungswesen, öffentlicher Nahverkehr, Bahn, Wasser- und Energieversorgung – all das gehört für Mayer-Ahuja „staatlich organisiert und gesellschaftlich finanziert“, übrigens auch angemessener und bezahlbarer Wohnraum. Was als Wohnraum angemessen ist, erklärt sie leider nicht, wohl aber, wer als Teil der Gesellschaft mehr zu bezahlen haben sollte: Unternehmer, Großerben, diejenigen, die Kapitalerträge haben durch „Maschinen, die menschliche Arbeitskraft ersetzen“.
Aber nicht jede altlinke Forderung hält Mayer-Ahuja für sinnvoll. Sie spricht sicht zum Beispiel dagegen aus, dass Gewerkschaften allgemein eine Verkürzung der Arbeitszeit fordern sollen. Denn die Spaltungslinien innerhalb der Arbeiterklasse durchzieht auch manche Lösungsvorschläge. Der Soziologin zufolge profitierten von einer kürzeren Arbeitszeit vor allem die (überwiegend) männlichen Vollzeitarbeiter, während viele Frauen, die weniger als 100 Prozent arbeiten, gerne mehr arbeiteten.
Die Hauptforderung Mayer-Ahujas ist aber, dass Beschäftigte sich kollektiv organisieren sollen, um ihre gemeinsamen Interessen zu vertreten. Das ist eine erstaunliche Pointe, nachdem sie über viele Seiten erklärt hat, warum das unwahrscheinlich ist. So braucht es am Ende einen Appell, sich an Che Guevara zu erinnern. Und man fragt sich, ob die kühlen soziologischen Passagen in einem eigenen Buch mit weniger linkem Lamento womöglich mehr dazu hätten beitragen können, den Skandal zu belegen, der die ungleiche Verteilung von Lebenschancen in einer Gesellschaft ist, die als Demokratie damit werben muss, dass sich Leistung lohnt.
Nicole Mayer-Ahuja: Klassengesellschaft akut. Warum Lohnarbeit spaltet – und wie es anders gehen kann.
C.H. Beck Verlag, München 2025. 279 S., 26,– €.
