
Nach Milliardenverlusten hat der Opel-Mutterkonzern Stellantis den Abbau von 650 Stellen am Opel-Stammsitz in Rüsselsheim angekündigt. Von den 1650 Ingenieuren, die im dortigen Entwicklungszentrum arbeiten, sollen nur 1000 bleiben, wie Stellantis Deutschland am Freitag mitteilte. Die Ankündigung wurde unter der Überschrift „Rüsselsheimer Entwicklungszentrum wird effizientes Tech Center“ veröffentlicht. Sie erfolgte wenige Tage vor der Hauptversammlung des Stellantis-Konzerns, die für Dienstag in Amsterdam geplant ist.
Stellantis argumentierte, man wolle die Wettbewerbsfähigkeit des Entwicklungszentrums stärken. Es werde damit „fest im Entwicklungsnetzwerk von Stellantis verankert“. Zu dem multinationalen Konzern gehören außer Opel ein Dutzend weitere Marken, darunter Fiat, Citroën, Peugeot, Chrysler und Jeep.
Der Direktor des Center of Automotive Management, Stefan Bratzel, sagte der F.A.Z. auf Anfrage, grundsätzlich sei das von Stellantis seit Jahren praktizierte „Baukasten-Prinzip“, nach dem Fahrzeuge verschiedener Marken auf einem gemeinsamen Grundgerüst (Plattform) gebaut werden, sinnvoll und richtig. Doch „mit der weiteren Reduzierung der Entwicklungskompetenz nimmt die Rolle von Opel innerhalb des Konzerns ab“.
Stellantis ist angeschlagen
Stellantis hatte im Februar für das Jahr 2025 einen Verlust von 22 Milliarden Euro bekannt gegeben, verursacht durch „Sonderausgaben“. Sie gingen hauptsächlich darauf zurück, dass Stellantis besonders in den USA wieder verstärkt Fahrzeuge mit Verbrennermotoren produzieren will. US-Präsident Donald Trump hatte im vergangenen Jahr Steuererleichterungen für Käufer von E-Autos abgeschafft. Stellantis-Chef Antonio Filosa begründete die Abkehr von der E-Auto-Strategie seines Vorgängers Carlos Tavares aber auch mit „Kundenpräferenzen“ für Benziner.
In Deutschland hat der Verkauf batteriebetriebener Fahrzeuge in den vergangenen Monaten laut Kraftfahrzeugbundesamt stark zugelegt, im März lag die Zahl neu zugelassener E-Autos sogar um 66 Prozent höher als im März 2024. Opel steigerte die Neuzulassungen über alle Antriebsarten hinweg im ersten Quartal um 39 Prozent.
Für die Belegschaft in Rüsselsheim ist der jetzt angekündigte Stellenabbau die nächste Etappe eines seit Jahren währenden Schrumpfprozesses. Als der deutsche Autobauer 2017 vom amerikanischen Konzern General Motors an die französische Groupe PSA verkauft wurde, arbeiteten am Opel-Stammsitz noch 14.000 Beschäftigte, etwa die Hälfte davon im Entwicklungszentrum. Aktuell sind am Standort insgesamt nach Unternehmensangaben nur noch etwa 7000 Mitarbeiter beschäftigt.
Der nun geplante Stellenabbau solle sozialverträglich erfolgen, über die Einzelheiten müsse noch mit dem Betriebsrat verhandelt werden. Die Arbeitnehmervertretung wurde am Freitag von Opel-Arbeitsdirektor Ralph Wangemann, der auch Personalchef von Stellantis Deutschland ist, über die Pläne informiert.
Wangemann teilte mit: „Unser Ziel ist es, ein starkes deutsches Tech Center mit nachhaltigen Aufgaben und einer klar definierten Zielsetzung innerhalb des globalen Entwicklungsnetzwerks im Konzern zu etablieren.“ Außer der Fahrzeug-Entwicklung für Opel und die Schwestermarke Vauxhall soll das Tech Center auch Aufgaben für den Gesamtkonzern verantworten. Dazu gehören der Stellantis-Mitteilung zufolge Zukunftsthemen wie fortgeschrittene Fahrerassistenzsysteme (ADAS), Künstliche Intelligenz, Batterieentwicklung oder Software-Modulentwicklung.
Oberbürgermeister fordert Bekenntnis zum Standort
Auto-Fachmann Bratzel mahnte, es dürfe im deutschen Tech Center nicht nur um „Anpassungen für Opel-Fahrzeuge“ gehen. Das Ausmaß der Stellenstreichungen in den Entwicklungsabteilungen auch anderer Autobauer und Zulieferer sei riskant: „Je mehr Stellen man abbaut, desto größer das Risiko, dass man am Ende nicht zu den Gewinnern der Transformation in der Branche zählt.“
Auch der Rüsselsheimer Oberbürgermeister Patrick Burghardt (CDU) übte Kritik. Stellantis müsse der besonderen Verantwortung gegenüber den Beschäftigten und dem Standort gerecht werden. „Darüber hinaus fordere ich ein klares Bekenntnis des Unternehmens, auch über das Jahr 2029 hinaus die Produktion in Rüsselsheim verstetigen zu wollen“, schrieb Burghardt in einer Stellungnahme.
