
Während Cem Özdemir seine Freude am frühen Wahlabend noch zurückhielt, feierte die Bundesspitze schon seinen Wahlsieg. „Einen besseren Start in dieses Superwahljahr 2026 hätte es für die Grünen gar nicht geben können“, sagte Ko-Parteichef Felix Banaszak, nachdem die erste Prognose den knappen Sieg der Grünen andeutete. Für die nächsten vier Landtagswahlen und die Grünen im Bund bringe dieses Ergebnis „so einen Rückenwind“.
Den hatte sich auch die CDU erhofft. Und weil der äußerst beliebte Grünen-Ministerpräsident Winfried Kretschmann nach 15 Jahren Amtszeit nicht mehr kandidierte und die Bundesgrünen in Umfragen seit Monaten kaum über 12 Prozent hinauskommen, gab man sich in der CDU früh siegesgewiss. Umso bitterer die Niederlage am Sonntagabend: 29,7 Prozent, ein knapper zweiter Platz, wieder hinter den Grünen.
„Wir haben nicht das gewonnen, was wir gewinnen wollten. Und da gibt es auch nichts drumherumzureden“, sagte CDU-Spitzenkandidat Manuel Hagel am Abend. Noch im Oktober lag seine Partei in Umfragen etwa zehn Prozentpunkte vorn. Dass die Grünen im Endspurt an ihnen vorbeizogen und schließlich bei 30,2 Prozent ankamen, hat zwei Gründe: Sie schöpften das Potential ihres populären Kandidaten aus. Und sie setzten auf eine konsequente Abgrenzung zur Bundespartei.
Cem Özdemir hatte zwar keinen Amtsbonus, aber doch so etwas wie einen Exekutiv-Bonus. Als früherer Landwirtschaftsminister trat er in den Wahlkampf deutlich bekannter und beliebter ein als sein Gegenkandidat Hagel. Dabei blieb es bis zum Wahltag. In einer Direktwahl hätten 45 Prozent der Baden-Württemberger Özdemir ihre Stimme gegeben, wie eine Nachwahlbefragung des Wahlforschungsinstituts Infratest Dimap ergab. Seine Partei wusste diesen Vorteil zu nutzen und führte einen stark auf Özdemir zugeschnittenen Wahlkampf.
Mit Erfolg: Nachwahlbefragungen zeigen, dass die Hälfte der Grünen-Wähler die Partei wegen Özdemir wählte. Diesen Wert erreichte selbst Kretschmann zuletzt nicht. Und auch mit Blick auf vergangene Landtags- und Bundestagswahlen wird deutlich, dass kaum ein anderer Kandidat bei der Entscheidung der Wähler so stark ins Gewicht fiel wie Özdemir in Baden-Württemberg.
Mit dem starken Fokus auf Özdemir rückte man die Bundespartei im Wahlkampf bewusst in den Hintergrund. Özdemir, der wie Kretschmann dem Realo-Flügel seiner Partei angehört, verfolgt einen strikten Kurs der Mitte. Seinen Landesverband bezeichnete er in Abgrenzung zum Rest der Partei als „schon immer ein bisschen anders“, auf Wahlplakaten tauchte der Parteiname gar nicht erst auf.
Die Botschaft ist bei den Wählern im Südwesten angekommen. 73 Prozent der Grünen-Wähler stimmten laut der Forschungsgruppe Wahlen der Aussage zu, dass die Landespartei für eine andere Politik als die Bundespartei steht.
In einer Wählergruppe zeigt sich der Erfolg dieser Abgrenzung besonders deutlich: In höheren Altersgruppen sind die Südwest-Grünen abermals auffallend stark. Üblicherweise punkten die Grünen vor allem bei jungen Menschen. In Baden-Württemberg aber werden sie seit Kretschmanns erster Amtsperiode zunehmend von älteren Wählern gewählt – eigentlich ein klassisch konservatives Wählermilieu.
Dass sich dieses Wahlverhalten nun fortsetzt, spricht dafür, dass Özdemir viele konservative Wähler halten konnte, die Kretschmann einst gewann.
Dabei hatte die CDU in diesem Jahr eigentlich die Themen auf ihrer Seite. Inhaltlich war die Wahl stark von der Autokrise im Land geprägt. Die Sorgen, die der Stellenabbau bei großen Automobilzulieferern im Land hervorrief, nahmen in den vergangenen Monaten noch einmal zu. In Umfragen gab zuletzt knapp ein Drittel aller Wähler an, dass die Wirtschaft thematisch die größte Rolle für ihre Wahlentscheidung spielt.
Eigentlich war das die Chance für die CDU. Denn ihr traut der Südwesten in der Wirtschaftspolitik traditionell mehr zu als den Grünen. 38 Prozent sprachen ihnen in Nachwahlbefragungen die größte Wirtschaftskompetenz zu, den Grünen dagegen nur 13 Prozent. Die CDU versuchte das zu nutzen, indem sie die Wirtschaft in den Mittelpunkt ihrer Wahlkampagne stellte. Dass es der Partei nicht gelang, inmitten der Autokrise zu alter Stärke zurückzukommen, liefert einen weiteren Hinweis darauf, dass diese Wahl vor allem über Personen entschieden wurde.
Dabei konnte sich die Landes-CDU auch nicht auf Rückenwind aus Berlin verlassen. CDU-Generalsekretär Carsten Linnemann sprach am Wahlabend von einem „erheblichen Rückenwind“, den man im Bund gegeben habe. Die Zahlen künden eher vom Gegenteil: In Nachwahlbefragungen von Infratest Dimap gaben 74 Prozent der Wähler an, unzufrieden mit der Bundesregierung zu sein. Vor allem die Bundes-CDU kommt schlecht weg: 78 Prozent der baden-württembergischen Wähler sind der Meinung, dass die CDU vor der Bundestagswahl viel versprochen, aber wenig gehalten hat.
Und für die Landespartei um Hagel kam mit der AfD ein weiteres Problem hinzu. An sie verlor die CDU genauso viele Wähler, wie sie in der durch die Corona-Pandemie geprägten Landtagswahl 2021 von ihr gewonnen hatte. Die AfD konnte ihr Ergebnis hingegen fast verdoppeln. Vor allem im Arbeitermilieu gewann sie noch einmal deutlich dazu – überwiegend zulasten der SPD.
Trotzdem wurde die AfD nicht primär gewählt, weil man ihr Wirtschaftskompetenz zusprach. Wahlentscheidend waren für AfD-Wähler – ähnlich wie 2021 – die Themen innere Sicherheit und Zuwanderung. Wie auch schon bei anderen Wahlen gelang es der AfD auch in Baden-Württemberg, viele Nichtwähler zu mobilisieren. Die Wahlbeteiligung war mit 69,6 Prozent fast sechs Prozentpunkte höher als 2021.
FDP und SPD litten wohl unter dem Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Grünen und CDU. „Es ging nur noch um die Frage: Cem Özdemir oder Manuel Hagel“, formulierte es SPD-Chef Lars Klingbeil am Sonntagabend. Seine Partei erlitt mit 5,5 Prozent ihr historisch schlechtestes Ergebnis, die meisten Stimmen verlor sie an die Grünen. Die FDP verpasste den Einzug in den Stuttgarter Landtag. Die FDP hatte die Wahl zuvor als Schicksalswahl ausgerufen, Landeschef Hans-Ulrich Rülke sagte, er übernehme die Verantwortung für das schlechte Wahlergebnis – noch am Abend kündigte er seinen Rücktritt vom Landesvorsitz an. Auch der sozialdemokratische Landespartei- und Fraktionschef Andreas Stoch erklärte, seine Ämter niederlegen zu wollen.
Wie die FDP scheiterte auch die Linke an der Fünfprozenthürde. Noch im Januar hatte die Partei in Umfragen um die sieben Prozent gelegen – auch sie dürfte im sich zuspitzenden Duell zwischen Hagel und Özdemir potentielle Wähler an die Grünen verloren haben. Bei Erstwählern lag sie mit 14 Prozent nur knapp hinter AfD und CDU, auch hier blieben die Grünen stärkste Kraft. In diesem Jahr waren erstmals auch 16 und 17 Jahre alte Jugendliche wahlberechtigt. Sieben neue Jahrgänge durften dementsprechend mitwählen. Ihr Anteil an den Gesamtwahlberechtigten betrug etwa 8,4 Prozent, das bedeutete einen um fast ein Viertel höheren Anteil an Erstwahlberechtigten als bei der vorherigen Wahl. Vom neuen Wahlrecht haben die Grünen also vor allem deswegen profitiert, weil die CDU in der jungen Wählergruppe besonders schwach abschnitt.
Für ihren Spitzenkandidaten wird es nun darum gehen, eine stabile Koalition mit der CDU zu bilden. Beide Parteien holten jeweils 56 Mandate, damit verfügen sie im Landtag über eine Zweidrittelmehrheit. Noch am Wahlabend ging Özdemir einen Schritt auf die CDU zu. Den Wahlkampf müsse man nun hinter sich lassen, in einem künftigen Koalitionsvertrag sollten sich beide Parteien wiedererkennen, so Özdemir: „Das ist dann nicht rein Grün, rein Schwarz, das ist Baden-Württemberg.“
