Orne Mayinga steht im Kaffee-Karree von Gießen. Mit der Starbucks-Filiale im Rücken blickt der Sohn kongolesischer Eltern über eine rötlich gepflasterte Kreuzung auf den lokalen Anbieter Coffee-Bay mit Dunkin’ Donuts und Tchibo nebenan. Als drei Abiturientinnen vorübergehen, spricht er sie an. Er führe ein Interview, ob sie mitmachen wollten. Sie wollen. Die Mädchen kennen den jungen Mann von Tiktok. Und nicht nur sie. Auf der Social-Media-Plattform hat sich Orne Mayinga mit Modetipps für junge Leute fast eine halbe Million Follower erarbeitet. Auf Instagram kommen 160.000 hinzu.
In dem Video in der Gießener Innenstadt geht es aber um das virtuelle Lebenselixier nicht nur junger Menschen, den Mobilfunk. Der Influencer fragt die Mädchen zum Beispiel, wo sie einen besseren Empfang haben, in der Stadt oder auf dem Land. Diese Frage ist weniger banal, als sie erscheint. Auch in der Stadt knarzt es bisweilen aus dem Smartphone, je nach Standort und Netzbetreiber öffnet sich unvermittelt ein Funkloch. Orne Mayinga dreht das Video in Nachbarschaft der zentralen Johanneskirche als Werbepartner des Anbieters O2. Es ist beileibe nicht der erste Auftrag aus einem großen Unternehmen.
Glitzersteinchen auf den Zähnen und an Ohrsteckern
Für das Gespräch über seinen Einstieg in die Welt der Social Media und seinen Aufstieg als Influencer lädt der 27 Jahre alte Wahlgießener aus Dillenburg in seine Wohnung ein. Das Flussstraßenviertel genannte Sanierungsgebiet Nordstadt mit seiner internationalen Anwohnerschaft liegt gleich nebenan. Dort hat vor Jahrzehnten einmal Thorsten Schäfer-Gümbel gewohnt, der frühere SPD-Vorsitzende. An seine Eingangstür hat Mayinga ein Schild mit der nicht zu überlesenden Bitte geklebt, keine Pakete davor abzustellen. Als er die Tür öffnet, folgt ein herzlicher Händedruck und ein freundliches Lachen. Auf jedem Frontzahn klebt ein Glitzersteinchen, auch an beiden Ohrläppchen glitzert es. Um den Hals trägt er drei Goldkettchen, zudem zwei am rechten Handgelenk. Die sportliche Uhr am linken Handgelenk leuchtet gülden.
Auf die Glitzersteinchen auf den Zähnen angesprochen, lächelt Orne Mayinga ein bisschen verlegen. Und meint, er vergesse bisweilen schon, was er so alles am Körper trage. Mit der schwarzen Strickmütze, der nachtblauen, tief sitzenden Baggy-Jeans mit den weiten Beinen und den Tattoos am Hals sieht er wie ein Rapper aus. Da passen Schmuck und Glitzersteinchen goldrichtig.

Gleich hinter der Eingangstür stehen 35 Paar Schuhe in Reih und Glied in einem Regal, weitere Schuhe stehen paarweise davor. Einen Schritt weiter hängen Kleidungsstücke an einer Stange. Aus dem Wohnzimmer nebenan zieht ein angenehm warmer Duft zum Eingang. Der Blick fällt auf ein Spiderman-Poster an der Wand mit drei fein säuberlich nebeneinander platzierten Basecaps darüber. Die Glasplatte des Wohnzimmertischs gibt den Blick frei auf mehrere, leicht fächerartig übereinandergelegte Illustrierte, in denen Männer unter anderem etwas über Gesundheit und Sport erfahren. So gut wie nichts liegt einfach so herum. Eine heruntergezogene weiße Jalousie schützt vor ungebetenen Blicken der Passanten, die auf dem Gehweg das Haus passieren. Der erste Eindruck legt nahe: Hier wohnt ein ziemlich sortierter Typ.
Wende-Bomberjacke zum „laut und leise tragen“
Für ein Foto geht es kurz auf die Straße. Zur Baggy-Jeans und einem weißen Langarm-Shirt mit kurzer Knopfleiste wählt der Influencer eine luftig geschnittene Wendejacke aus. „Reversible Bomberjacket“ nennt sich diese Variante. Die Kapuze darf nicht fehlen. Der Clou: Auf der einen Seite ist sie in schlichtem Schwarz gehalten, auf der anderen in einem recht kleinen schwarz-weißen Karomuster. „Je nachdem, ob man sie laut tragen will oder leise“, sagt Mayinga und erklärt damit die dahinterstehende Idee. Der Influencer hat noch eine andere Wendejacke in petto: auf der einen Seite weist sie ein Camouflage-Muster auf, die andere strahlt in Rosé. Was wohl der leise Auftritt in diesem Fall ist?
So oder so hat Orne Mayinga die Jacken gemeinsam mit seinem Designer entworfen. So wie die Baggy-Jeans, die er trägt. Er hat sie aus Raw Denim schneidern lassen, also weder vorgewaschenem noch geschrumpftem Jeansstoff. Rechts prangt das Markenzeichen OM. Darunter finden sich zwei leicht versetzt übereinander aufgenähte Gesäßtaschen, die beide benutzbar sind. Wer in beide Taschen etwas steckt, macht automatisch einen auf dicke Hose. Auf der linken Gesäßtasche hat Orne Mayinga mit weißem Garn den Schriftzug „We came to stay“ einsticken lassen. Das lässt sich als Hommage an die Menschen aus seiner Heimat lesen. Oder, politischer interpretiert, auch als selbstbewusster Fingerzeig an Rechtspopulisten, die nicht nur im Flussstraßenviertel der SPD den Rang abgelaufen haben.

Die Hose soll sich als „running product“ bewähren, wie der Influencer es ausdrückt. Als sich regelmäßig gut verkaufendes Produkt, das sich als Alltagshose ebenso eignet wie für den Besuch im Club am Abend. Wie viele Produkte er mittlerweile unter seiner Marke Ormay, einem Kürzel aus den ersten Buchstaben seines Vor- und Nachnamens, herausgebracht hat? Orne Mayinga überlegt kurz und zählt dann auf: „Vier Jeans, zwei Tanktops, ein Pullover, vier T-Shirts, eine Boxershorts, fünf Winterjacken.“ Über einen Mangel an Absatz klagt er nicht. Die Tanktops in Schwarz und Weiß sind ausverkauft, wie es in seinem Internetshop heißt. Gleiches gilt für die Boxershorts. Weitere Hosen hat er in Planung, dazu andere Textilien, wie er sagt. „Es kommt darauf an, das Timing richtig zu setzen.“
Wann er was wie via Tiktok und Instagram platzieren muss, hat der Influencer und Modeunternehmer fast im Schnelldurchgang gelernt. Vor gut fünf Jahren lebte er noch in Dillenburg, einer 23.000-Einwohner-Stadt im Lahn-Dill-Kreis in Mittelhessen. Nicht einmal jeder Zehnte dort hat ausländische Wurzeln, Gießen ist viel bunter. „Ich wollte raus von zu Hause“, sagt Orne Mayinga. „Dort war ich mit meiner Art etwas eingeschränkt. Mit meinem Look bin ich sehr aufgefallen.“ Er habe sich schon fast sein Leben lang für Mode interessiert und sich auf Social Media entsprechend gezeigt. Die Idee, sich selbständig zu machen, sei ihm erstmals mit 14 gekommen – „in einem Alter, in dem man sich überlegt, was man werden will“.
Mayinga hat für Puma gemodelt, Amazon und Tommy Hilfiger
Kurz vor der Corona-Pandemie wechselte er in eine WG in die Universitätsstadt an der Lahn. Ein Jahr zuvor hatte ihn auf einem Hip-Hop-Festival ein Fotograf angesprochen. „Die Fotos sind echt gut geworden“, schwärmt Mayinga. Der Fotograf habe ihm geraten, sich bei Model-Agenturen zu bewerben. Geraten, getan. Er hat erste Jobs bekommen – und gelernt, wie eine Plattform wie Tiktok eine Marke nach vorne bringen kann. Mit seinem Kumpel Ömer Pamukci drehte er zunächst Clips, in denen sie ihre Outfits präsentierten und Modetipps gaben. „Wir haben gezeigt, wie wir zum Friseur gehen oder uns neue Sachen kaufen“, berichtet er. Ihre Beiträge seien sehr schnell viral gegangen. Ein Clip sei eine Million Mal aufgerufen worden und habe 100.000 Likes gesammelt.
Dann sei es vor dreieinhalb Jahren sprichwörtlich Schlag auf Schlag gegangen. Bald klopften internationale Konzerne bei ihm an. Der Gießener hat mittlerweile für Puma gemodelt und für Amazon, für Tommy Hilfiger und Crocs, und er hat einen Rasierer von Philipps beworben – „den Oneblade“. Da habe er sich gefragt: „Oh, krass, was geht hier ab?“ Hilfiger habe ihm einen Betrag zugesagt, den er erst nach dem Zahlungseingang auf seinem Konto geglaubt habe. „Da habe ich realisiert: Das ist ein Sprungbrett für andere Träume.“ Die eigene Modemarke zum Beispiel. Er habe viele Monate lang dafür gespart, nur das Nötigste gekauft. Im Herbst 2024 war es dann so weit. Ormay kam auf den Markt, wobei seine Internetseite ormayclo.com heißt.
Er hat für eine mittlere fünfstellige Summe zwei Unternehmen gegründet, darunter eine Holding, sagt er und lacht. „Unternehmerfreunde haben mir geraten: Wenn du smart bist, gründest du eine Holding.“ In Gesprächen und online habe er sich darüber informiert, wie eine Firma geführt werden müsse. Die Holding sei als Plattform für weitere Unternehmungen gedacht. So liebäugelt er mit der Filmbranche und hat seinen ersten Kurzfilm abgedreht, wie er sagt. Einen Boxfilm.
Für das No-Budget-Projekt hat der Hobbyboxer demnach Mitstreiter gewonnen, die als Profis unterwegs sind und teils bei Olympischen Spielen gekämpft haben. So etwa Nelvie Tiafack, der 2004 in Paris eine Bronzemedaille im Superschwergewicht holte, und Frank Kilp, ein mehrfacher deutscher Meister bei den Junioren. Nachdem er das Vorhaben angekündigt habe, hätten sich Schauspieler und Produktionsfirmen gemeldet. Der Film befinde sich in der Endabnahme. Derweil lege er Geld auf seinen Konten zurück für mögliche Krisenzeiten. „Man weiß nie, was passiert.“
Mit seinen 27 Jahren wirkt er abgeklärt. Er meint: Wenn man mit Menschen seine Freizeit verbringe, die in den Tag hinein lebten, färbe das ab. Umgekehrt sporne es an, „sich mit strebsamen Typen zu umgeben“. Sie motivierten zu Arbeit und Unternehmergeist. Er orientiere sich an Menschen wie Lorenz Amend, dem Gründer der Streetwear-Marke LFDY, oder auch an den Multitalenten wie Will Smith und Denzel Washington. „Man darf niemals zu klein denken“, sagt er, verhehlt aber nicht die Risiken seines Geschäfts. „Das führt zu Druck, ein Projekt zum Fliegen zu bringen“ – zumal er Mitarbeiter hat und bezahlen muss. Und hat er Neider? Natürlich meine es nicht jeder gut mit ihm, bekennt Orne Mayinga freimütig. Aber in solchen Fällen gelte für ihn: Jetzt erst recht.
