In der entscheidenden Szene des Films fliegt eine Träne durch die Schwerelosigkeit, und zwei Männer schauen ihr dabei zu. Der eine ist der, der sie vergossen hat, ein italienischer Astronaut, der seit einem Jahr in einer Kapsel die Erde umkreist und sich nichts sehnlicher wünscht, als nach Hause zu kommen. Der andere ist der italienische Staatspräsident Mariano De Santis.
De Santis steht vor einem wandgroßen Bildschirm, auf dem der Astronaut, dem er Mut zusprechen soll, zu sehen, aber nicht zu hören ist. Die reale Verbindung klappt also nicht, aber die symbolische funktioniert. Die Träne des Astronauten fliegt auf De Santis zu, und er streckt vergeblich die Hand nach ihr aus. Auch der Staatspräsident steckt in einer Kapsel, auch wenn sie viel größer ist als die des Mannes im All. Er wäre gern schwerelos, doch das Gewicht seines Amts drückt ihn immer wieder auf die Erde zurück. Die Tränen, die er nicht weint, überfluten seinen Kopf. Die Verbindung, die nicht zustande kommt, ist sein Verhältnis zur Welt.
Paolo Sorrentino dachte an Krzysztof Kieślowski
„La grazia“ bedeutet auf Deutsch drei Dinge: die Gnade; die Grazie; die Begnadigung. Alle drei haben in Paolo Sorrentinos Film ihren Auftritt, wenn auch nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Die Grazie ist das, was De Santis (Toni Servillo) ständig in Gestalt seiner Tochter Dorotea (Anna Ferzetti) umgibt, die ihm als Assistentin dient – aber in dieser täglichen Begegnung mit der Anmut steckt zugleich ein Verlust, denn Dorotea kann De Santis nicht seine Frau ersetzen, die vor Jahren, noch vor seiner Berufung zum Staatspräsidenten, gestorben ist. Und auch hinter den beiden Begnadigungsgesuchen, die Dorotea ihm vorlegt, stehen keine bloßen juristischen Fälle, sondern Schicksale, in denen sich seine eigene Geschichte und die seiner Tochter spiegeln.
Das erste Gesuch betrifft einen Lehrer, der seine an Alzheimer erkrankte Ehefrau mit einem Kissen erstickt hat. De Santis besucht ihn im Gefängnis in Turin, aber er kehrt unschlüssig aus dem Gespräch zurück: Der Mann, für den eine ganze Kleinstadt Unterschriften gesammelt hat, kann seine Bedenken gegen eine vorzeitige Entlassung nicht zerstreuen. Den zweiten Antrag hat eine Frau gestellt, die ihren gewalttätigen und paranoiden Ehemann im Schlaf erstochen hat, und hier wird die Begegnung mit der Täterin zum Schlüsselerlebnis. Denn Dorotea, die ihr gegenübersitzt, erkennt, dass ihrem Leben ebenjene Liebe fehlt, von der die andere selbst hinter Gittern noch erfüllt ist, und sie zieht daraus für sich die Konsequenz.
Mit Erstaunen liest man, dass Paolo Sorrentino, der Zeremonienmeister des italienischen Kunstfilms, beim Schreiben und Drehen von „La Grazia“ an den „Dekalog“ des polnischen Kinomoralisten Krzysztof Kieślowski gedacht hat. Denn natürlich ist auch dieser Film wieder voll von erlesenen Sorrentino-Momenten: ein Papst mit dunkler Haut und Rastalocken, der auf einem Motorrad durch die vatikanischen Gärten rast; ein Staatsgast aus Portugal, der auf dem roten Teppich von einer Sturmbö erfasst wird und vor der Ehrengarde zu Boden geht; ein Roboterhund, der auf seinen stählernen Beinchen die Prozession des in den Ruhestand schreitenden Präsidenten und seiner Leibwächter auf der Via Condotti anführt. Aber je länger „La Grazia“ dauert – der mit seinen gut zwei Stunden einer der kürzeren Sorrentino-Filme ist –, desto klarer wird, dass die Verbeugung vor Kieślowski mehr ist als eine cineastische Spielerei. Diesmal meint Paolo Sorrentino es ernst, so ernst, wie es bei ihm eben geht.
Dabei hilft ihm, mehr als je zuvor, sein Lieblingsschauspieler Toni Servillo. Wäre Servillo nicht schon als Lebemann Jep Gambardella in „La Grande Bellezza“ unsterblich geworden, müsste man sagen, der alternde Staatspräsident in „La Grazia“ sei die Rolle seines Lebens. Der Minimalismus, mit dem er De Santis verkörpert – hier ein Heben der Brauen, dort ein nervöser Zug an der Zigarette, ein Zucken der Mundwinkel, ein Spitzen der Lippen –, bildet das Gegengift zum Maximalismus der Kulissen, der Tonspur und der Kamerabewegungen, der zum Gepränge des Sorrentino-Kinos gehört. Aber anders als in „La Grande Bellezza“ ist Servillos Pokerface kein bloßes Ornament, sondern ein Mittel der Erzählung. Schönheit bekommt man geschenkt, Moral muss erkämpft werden, und diesen Kampf trägt De Santis täglich in sich aus. Dabei ist er in sieben Dienstjahren versteinert: „Stahlbeton“ lautet sein Spitzname im Quirinalspalast, dem Regierungssitz in Rom. „La Grazia“ handelt davon, wie er sich aus seiner Erstarrung befreit, ohne dabei die Form zu verlieren. Herr Stahlbeton macht sich auf den Weg, und wir entdecken mit seinen Augen noch einmal die Welt.
Von alten Männern und jungen Frauen
Den motivischen Rahmen dieser Entdeckungsreise bilden ein Ehebruch und ein Gesetzesprojekt. Die Trauer des Witwers De Santis wird von dem Wissen getrübt, dass ihn seine Frau vor vierzig Jahren betrogen hat. Sein bester Freund Ugo, der auch sein Nachfolger werden will, zählt zu den Verdächtigen, seine beste Freundin Coco, eine Modejournalistin, weiß, wer es war. Der Regisseur Sorrentino könnte das Rätsel ganz einfach in einer Rückblende auflösen; aber es lässt es in der Schwebe und macht uns so zu Komplizen der Eifersucht seines Helden. Etwas Ähnliches gilt für das Euthanasiegesetz, dessen Unterzeichnung De Santis seit Jahren verschleppt: Wir erfahren nicht, was darin steht, aber wir sehen, wie sich das Lieblingspferd des Präsidenten im Todeskampf auf dem Boden wälzt, ohne dass er den Befehl gibt, es von seinen Qualen zu erlösen.
Wenn die Kamera weinen könnte, würde sie es in diesem Augenblick tun. Stattdessen zeigt sie das lateinische Motto auf der Wand der Reithalle – „virtus in periculis firmior“, „die Tugend steht fester in der Gefahr“ – und den Rücken von Dorotea, die aus dem Quirinalspalast flüchtet, um sich bei ihrem Bruder in Kanada von der Moral ihres Vaters zu erholen.
Alle Filme von Paolo Sorrentino handeln von alten Männern und jungen Frauen. Wenn er sich, wie zuletzt in „Parthenope“, zu sehr auf die Jugend kapriziert, wirkt sein Kino geschwätzig; richtet er seinen Blick auf das Alter, wird es beredt. In „La Grazia“ kann man selbst die wildesten Manierismen (wie die Songs des Gangsterrappers Guè, den De Santis verehrt) ertragen, weil der Film von etwas handelt, das mehr ist als ein Anlass für schöne Bilder. Was aber ist es? Der Astronaut hat es vorgemacht: Es geht darum, leicht zu werden, sich aus dem Stahlbeton des eigenen Ichs zu befreien. Das Gesetz zu unterschreiben, der Betrügerin zu verzeihen, die Mörderin zu begnadigen. Und so sehen wir Mariano De Santis am Ende in seiner eigenen Kapsel im Weltraum schweben. Diese Gnade hat er sich verdient. Und der Film gewährt sie ihm.
