Kurz vor dem Übertritt von der „Hölle des Nordens“ in den Radsport-Himmel standen Franziska Koch zwei Frauen in gelben Trikots im Weg. Die deutsche Straßenradsportmeisterin war bei Paris–Roubaix ein überragendes Rennen gefahren, hatte sich auf den Kopfsteinpflasterpassagen eine gute Ausgangsposition verschafft. Doch nun drohte ihr im Velodrome von Roubaix ein möglicher Sieg mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit vor der Nase weggeschnappt zu werden.
Zwei gegen eine – das geht selten gut im Radsport. Vor allem, wenn im anderen Trikot Marianne Vos steckt, die sprintstarke Olympiasiegerin und dreimalige Weltmeisterin. Doch dann trat Koch an, fuhr aus dem Schatten ins Licht und ließ ihre Gegnerinnen staunend zurück. „Sie ist ein Monster“, sagte die geschlagene Tour-de-France-Siegerin Pauline Ferrand-Prévot im Ziel.
Der Anfang von etwas Größerem
Das war als Kompliment zu verstehen, und so fasste es Koch auch auf, als sie später darauf angesprochen wurde und von ihrem Traum berichtete, der in Erfüllung gegangen war. Paris–Roubaix ist auch bei den Frauen inzwischen das prestigeträchtigste Eintagesrennen. In diesem Jahr rasten sie zum sechsten Mal über das ruppige Kopfsteinpflaster im Norden Frankreichs. Koch ist die erste Deutsche, die hier triumphierte. Bei den Männern gelang das nur Josef Fischer bei der Erstaustragung 1896 und John Degenkolb 2015. Schon deshalb wird Koch so lange in Erinnerung bleiben, wie es den Radsport gibt. Doch der Triumph ist womöglich ohnehin erst der Anfang von etwas Größerem.
Die Konkurrenz ist in jedem Fall von nun an gewarnt. Schon eine Woche zuvor bei der Flandern-Rundfahrt hatte Koch ihrer Kapitänin Demi Vollering mit einem starken Rennen zum Sieg verholfen. Überrascht war Vos deshalb nicht, dass sie im Sprint geschlagen wurde. „Sie ist einfach sehr, sehr stark. Jetzt, wo sie das herausgefunden hat, ist sie eine, auf die man in jedem Rennen achten muss“, sagte die Niederländerin. Für die breitere Öffentlichkeit sei Koch vielleicht noch kein großer Name. Aber das, legte Vos nahe, wird sich ändern.
Koch selbst wollte nach dem Rennen noch keine Ansprüche für die Zukunft aus ihrer Darbietung ableiten, stellte als Teamplayerin die Interessen der eigenen Mannschaft in den Vordergrund. Selbst über eine Teilnahme bei der Tour de France sei noch nicht entschieden worden, sagte sie. Doch es scheint ziemlich ausgeschlossen, dass ihr französischer Rennstall FDJ United-Suez im Sommer auf eine Fahrerin wie sie verzichten wird, wenn Vollering ihren zweiten Tour-de-France-Sieg nach 2023 jagen soll. Was Koch leisten kann, hatte sie schon in der vergangenen Saison angedeutet. Seit Jahresbeginn ist die Deutsche noch mal stärker geworden, was sie auch auf ihren Teamwechsel, ihren neuen Trainer und das Umfeld zurückführt: „Eine glückliche Athletin ist eine gute Athletin“, sagt Koch: „Ich bin gerade in der Form meines Lebens.“
Der Weg zu mehr Aufmerksamkeit bleibt steinig
Dieses Leben war schon immer eng mit dem Radsport verbunden. Kochs Großeltern saßen bereits im Sattel. Auch ihre Eltern und ihre drei älteren Geschwister fuhren Rennen. Also wurde auch Koch als Jüngste schon im Alter von zwei Jahren erstmals aufs Rad gesetzt, erzählt die Fünfundzwanzigjährige am Sonntagabend in Roubaix. Als Kind fuhr sie viel Mountainbike, was ihr beim Ritt über das Pavé entgegenkommt, weil sie ihr Rad deshalb besser beherrschen kann als andere Konkurrentinnen im Peloton. Seit 2020 fährt sie in der höchsten Frauen-Liga des Radsports. Nun scheint sie den schwierigsten Karriereschritt vollzogen zu haben: Sie ist von einer sehr guten Helferin zu einer Siegfahrerin geworden.
Vorangekommen auf ihrem Weg ist aber nicht nur Koch. Auch der Frauen-Radsport hat zuletzt Fortschritte erzielt. „Die Entwicklung war sehr gut über die letzten Jahre. Natürlich müssen wir noch weiterwachsen“, sagt Koch. Aber die Teams würden immer professioneller. Vier der fünf sogenannten „Monumente“ gibt es bereits für die Frauen. Als letztes großes Eintagesrennen fehlt im Kalender aktuell nur noch die Lombardeirundfahrt. Doch auch in Italien gibt es Überlegungen, sie ins Programm aufzunehmen.
Dass die Flandern-Rundfahrt und Paris–Roubaix in diesem Jahr vom Samstag auf den Sonntag hinter das Männerrennen verlegt wurden, spaltet die Szene. Auch Koch kann darin Positives und Negatives erkennen: „Man hat schon gesehen, dass viel mehr Zuschauer am Ende neben den Kopfsteinpflasterpassagen standen“, sagte sie zur Aufmerksamkeit am Streckenrand: „Aber schade war, dass der Livestream erst so spät gestartet ist. Ich denke, dass unser Rennen auch schon von Anfang an spannend ist.“
Der Weg zu mehr Aufmerksamkeit bleibt steinig. Doch die Frauen haben Rückenwind: Schon jetzt kommt es regelmäßig zu packenden Duellen wie dem der Deutschen gegen die beiden Fahrerinnen von Visma-Lease a Bike am Sonntag bei Paris–Roubaix. Dabei profitieren die weiblichen Profis auch davon, dass es nicht den einen übermächtigen Fahrer wie Tadej Pogačar bei den Männern gibt. Die Rennen sind abwechslungsreich. „Es ist schön zu sehen, wie stark die Spitze ist“, sagt Koch. Sie gehört nun dazu.
