Eigentlich war Max Koterba im Vietnam-Urlaub gewesen – dreieinhalb Wochen im Warmen, Jetski-Fahren an der Küste, Minibike-Fahren im Park einer Touristenstadt. Weil es günstiger war, hatte er den Rückflug nach Europa über Qatar gebucht – mit anderthalb Tagen Stopover. Genug für ein bisschen Sightseeing und eine Wüstentour.
Koterba ist Journalist beim Mitteldeutschen Rundfunk, aber im Urlaub hängen auch Journalisten der Nachrichtenlage mal hinterher. Es war schon Samstagvormittag, Koterba hatte sich für einen Spaziergang in den Straßen Dohas entschieden, als er einen Alarm auf sein Handy bekam. „Halten Sie sich von Militärstützpunkten fern, gehen Sie nach Hause“, stand dort – grob aus dem Arabischen übersetzt. Koterba eilte ins Hotel, checkte das erste Mal an diesem Tag die Nachrichten und verstand: Er war in einer Kriegsregion. „Ich glaube, ich brauche noch ein bisschen, um das Ganze zu verarbeiten“, sagt er fünf Tage später am Telefon.
Zwischenzeitlich kam er ganz schön ins Schwitzen
Koterba gehört zu den wenigen Deutschen, die sich praktisch sofort nach Beginn des Irankriegs entschieden haben, auf eigene Faust aus der Krisenregion auszureisen. Seine nervenaufreibende Tour hat er auf Instagram dokumentiert. Die Videos, sagt er, hätten inzwischen 100.000 Aufrufe, eines sogar eine Million. Dabei waren sie eigentlich nur für seine Freunde gedacht gewesen, um nicht jedem einzeln schreiben zu müssen: Hey, mir geht’s gut beziehungsweise den Umständen entsprechend okay. Auch wenn er an den Grenzübergängen und im Taxi mit Fremden zwischenzeitlich ganz schön ins Schwitzen kam.
Aber zurück zum Samstag: Koterba war also in Doha, bald würde er die ersten Raketen am Himmel fliegen sehen. Er dachte nach: Wo bin ich am sichersten? Im Hotel hatte er das Gefühl, auf dem Präsentierteller zu sitzen, „auch wenn das wahrscheinlich irrational ist“. Er ging zur Küstenpromenade Corniche, mietete sich ein Lime-Fahrrad und fuhr zwischen dem Museum für Islamische Kunst und einer Moschee hin und her. Iran werde wohl keine islamischen Institutionen angreifen, dachte er sich. Der Nachmittag brach an, die Promenade leerte sich, irgendwann warfen ihn Sicherheitsmänner aus dem Museumspark.
„Da war dieser Krieg auf einmal sehr real“
Koterba fühlte sich unwohl, aber dachte noch: Vielleicht ist das Ganze ja schnell wieder vorbei. Er entschied sich, die Wüstentour trotzdem zu machen, raste mit anderen lachenden Touristen und dem ebenso lachenden Fahrer über die Dünen außerhalb der Stadt. „Ich glaube, in diesem Moment hatten alle im Auto das Bedürfnis, die Anspannung des Tages einfach mal loszulassen“, erzählt Koterba. Beim Fastenbrechen im Wüsten-Camp sahen sie, wie die Raketen über Doha abgeschossen wurden.
Am nächsten Morgen, am Sonntag, hätte Koterba nach Hause fliegen sollen. Aber der Luftraum war nun geschlossen, der Flug gestrichen. „Es war ein Hadern mit mir: Soll ich gehen oder nicht?“, sagt der Dreiunddreißigjährige über seine Entscheidung, ohne Hilfe von Reiseveranstaltern oder vom Auswärtigen Amt eine alternative Rückreiseroute zu versuchen. „Aber ich dachte mir dann: Wenn ich noch länger warte, komme ich vielleicht gar nicht mehr aus dem Land raus.“ Er sah die Raketen aus dem Fenster seines Hotelzimmers. Kein schönes Gefühl.
Also buchte Koterba einen Flug: von Riad über Istanbul nach Leipzig, wo er wohnt. Montagmorgen sollte das Flugzeug abheben. Sonntagmittag machte er sich in Doha – fast 600 Kilometer entfernt – auf den Weg. Er fand einen Bus zum Grenzübergang bei Abu Samra, dem einzigen nach Saudi-Arabien. Der Bus war menschenleer, das WLAN schnell. Koterba postete ein Video: „Wenn ich in Saudi-Arabien bin, ist ja noch die Frage, ob sie mich überhaupt reinlassen.“
Da kommst du nicht einfach so durch, schrieben die Menschen
Zwischen der Grenze in Qatar und der Grenze in Saudi-Arabien liegen 16 Kilometer Straße durch die Wüste. Da kommst du nicht so einfach durch, schrieben ihm die Menschen auf Instagram. Koterba las die Nachrichten und Kommentare nicht. Er fand ein Taxi, das ihn zur Grenze in Saudi-Arabien brachte. Im Auto saß auch ein Eritreer, Arabisch sprechend und mit demselben Ziel: Riad. Er brachte Koterba über die saudi-arabische Grenze, obwohl der Journalist in der Hektik eine Ziffer im Visumantrag vergessen hatte und die Grenzbeamten gar nicht glücklich darüber waren. „Der hat mir den ganzen Trip über den Arsch gerettet“, sagt Koterba in einem seiner Videos über den Eritreer. „Das war alles sehr nervenaufreibend.“
Mit einem weiteren Taxi, mehreren Mitfahrern und einem Nachtbus kam Koterba schließlich tatsächlich um zwei Uhr nachts in Riad an. An den Grenzübergängen war es fast menschenleer gewesen. „Vermutlich, weil ich so schnell weg war“, sagt Koterba. „Jetzt, habe ich gehört, fahren viele Leute von Doha nach Riad.“ Angeblich zu horrenden Preisen. Koterba hat für seine Fahrten insgesamt kaum mehr als 150 Euro gezahlt.
Er schlief anderthalb Stunden in einem Hotel. Am Flughafen standen 14 Flüge auf der Abflugtafel, sechs waren abgesagt. Koterbas Flug hatte nur das Gate gewechselt. Frauen in Burkas nahmen seine Bordkarte entgegen. „Das Gefühl gerade ist so geil. Oh Gott, jetzt müssen wir nur noch in die Luft, und dann bin ich bald zu Hause“, sagt Koterba in seinem letzten Video.
Nun ist er seit Montagabend tatsächlich wieder in Leipzig. Pünktlich für seine ersten MDR-Drehs nach dem Urlaub und deutlich früher, als er es mit einem etwaigen Evakuierungsflug gewesen wäre. „Ob es die rational richtige Entscheidung war, wage ich noch nicht zu beurteilen“, sagt er, leicht außer Atem, am Telefon. „Aber es hat sich besser angefühlt.“
