Wir wissen nicht, wie alles anfing. Wir können nur raten, was geschah, weil niemand es für uns aufgeschrieben hat. Denn die Schrift, das Medium der Überlieferung, entstand erst mit den Städten, die im vierten Jahrtausend vor Christus aus dem Boden des Schwemmlands am Unterlauf von Euphrat und Tigris im heutigen Irak wuchsen: Uruk und Ur, Kisch und Lagasch – die Archetypen unserer industriellen Zivilisation, die ersten Großsiedlungen mit Tempeln und Palästen, Mauern und Straßen, Arbeitsteilung und sozialen Schichten, Wirtschaft, Krieg und Politik.
Davor aber, gut achttausend Jahre lang, war die Menschheit unterwegs zu diesen Urstädten und -staaten gewesen, sie hatte ihre eiszeitlichen Wohnhöhlen verlassen und die Ebenen erobert, die Flusstäler und Auenwälder, und irgendwann auf diesem Weg hatte sie die zwei entscheidenden Schritte vollzogen, die von den Höhlen in die Häuser der Städte führten: Die Menschheit war sesshaft geworden, und sie hatte angefangen, Ackerbau und Viehzucht zu treiben. Sie hatte Wildgetreide ausgesät und durch Veredlung in Nutzgetreide verwandelt, und sie hatte Ziegen, Schafe, Rinder und Schweine zu Haustieren gemacht. Aber wann war das? Und wo? Wie ereignete sich der Sprung von der Vorzeit in die Geschichte? Wo fing alles an?
2018 wurde der Ort zum Weltkulturerbe erklärt
Genau hier. Im Südosten der Türkei, ein paar Kilometer nördlich der Millionenstadt Şanlıurfa, dort, wo die hügeligen Ausläufer des Zagros-Gebirges auf die fruchtbare Ebene von Harran stoßen, am Übergang zwischen Steppe und Flusslandschaft. Das wissen wir, seit der deutsche Archäologe Klaus Schmidt vor gut dreißig Jahren anfing, einen Hügel zu untersuchen, der wie eine Aussichtsplattform über dem flachen Land aufragt. Was er und seine Nachfolger dort fanden, hat das Bild der frühen Menschheit so sehr verändert, dass der Ort, an dem sie gruben, 2018 zum Weltkulturerbe erklärt wurde. Inzwischen ist er, zusammen mit weiteren Fundstätten, die in den vergangenen Jahren entdeckt und erforscht wurden, zum Leitbegriff für eine ganze Epoche der Kulturgeschichte geworden: Göbekli Tepe.
Das Erste, was man sieht, wenn man die Ausstellung „Gebaute Gemeinschaft“ auf der Berliner Museumsinsel betritt, sind Säulen. Hohe, T-förmige, mit Tiermotiven bedruckte, leicht angeschrägte Pfeiler aus transparentem Kunststoff, die im Kreis um zwei noch höhere T-Stelen in der Mitte des Eingangsraums stehen und so eine Art Kuppelgebäude andeuten, einen Rundbau mitten im lang gezogenen Rechteck der James-Simon-Galerie. Tatsächlich waren die Stelen, deren Überreste teilweise aus dem Boden ragten, das Erste, was die Ausgräber von Göbekli Tepe auf den Gedanken brachte, dass sie hier keine Spuren aus griechischer, römischer oder islamischer Zeit vor sich hatten, sondern etwas viel Älteres.

Ähnliche Gebilde waren zuvor in der Steinzeitsiedlung von Nevalı Çori einige Kilometer weiter nördlich aufgetaucht, die inzwischen in den Fluten des Atatürk-Stausees versunken ist. Seit 1994 haben die Archäologen nun vier von T-Stelen gestützte Rundgebäude mit bis zu dreißig Meter Durchmesser in Göbekli Tepe freigelegt, sechzehn weitere werden noch unter der Erde des Hügels vermutet. Es sind die ältesten bislang gefundenen steinernen Gemeinschaftsbauten der Menschheit – und die Zeugnisse eines entscheidenden Moments ihrer historischen Entwicklung.
Denn die „Sonderbauten“, wie die Wissenschaftler sie vorsichtig nennen, dienten offensichtlich keinen Wohnzwecken. Ihre fensterlosen Räume waren mit Reliefs und Skulpturen geschmückt, einige der T-Stelen sind mit angedeuteten menschlichen Armen und Gesichtern versehen. An den Wänden standen Steinbänke, auf denen sich Zuschauer einer Zeremonie niederlassen konnten, und auf einem Ritzrelief, das im zentralen Raum der Ausstellung gezeigt wird, sind tanzende Körper zu erkennen.
Verbindung aus Stärke, Zeugungskraft und Naturbeherrschung
Die Errichtung solcher Großgebäude mit sozialen und kultischen Funktionen wurde lange Zeit mit den ersten ackerbauenden und viehzüchtenden Gesellschaften Kleinasiens und der Levante in Verbindung gebracht. Aber die Menschen, die in den Gemeinschaftsbauten von Göbekli Tepe, Nevalı Çori und einigen neueren Fundstätten wie Karahan Tepe saßen, blickten nicht auf Darstellungen von Kornfeldern und Weidevieh. Sie sahen Bilder von zähnefletschenden Löwen und Leoparden, von Auerochsen und Keilern, Wildeseln, Füchsen, Geiern und Schlangen im Fackellicht flackern, und wenn sie Menschen darstellten, waren es ausschließlich Männer mit eigens betonten Geschlechtsteilen.
Etwa der Urfa-Mann, der bei Bauarbeiten im Zentrum Şanlıurfas gefunden wurde: die lebensgroße Statue eines Anführers im Prunkgewand, der mit beiden Händen seinen Penis umgreift. Oder eine andere, kleinere Männerstatue aus Göbekli Tepe, die fast nur aus Kopf und erigiertem Phallus besteht. Schließlich, in einem Relief aus Sayburç, einer Steinzeitsiedlung, die erst 2021 entdeckt wurde, eine sitzende Gestalt mit der Hand am Glied zwischen zwei brüllenden Raubtieren: die endgültige symbolische Verbindung von Stärke, Zeugungskraft und Naturbeherrschung.

Nein, die Menschen, die die T-Pfeiler und Rundbauten von Göbekli Tepe errichteten, waren keine Bauern und Viehzüchter, sondern nach wie vor Jäger und Sammler – jedenfalls in ihrer Vorstellung von sich selbst. Zugleich lebten sie in festen Siedlungen mit Steinhäusern, die wie amerikanische Pueblos mosaikartig aneinandergefügt waren, und Wildgetreide gehörte zu ihrem Speiseplan. Allerdings war das Ernten und Zermahlen von Einkorn, Emmer und Gerste offenbar Frauenarbeit, wie Abnutzungsspuren an weiblichen Skeletten aus der Şanlıurfa-Region beweisen. Die Bilderwelt und die reale Macht in den Gemeinschaften am Saum der Ebene blieben in der Hand der mit Speer, Keule und Bogen jagenden Männer.
Aber das Zeitalter der Jäger neigte sich dem Ende zu. Das lag nicht an den klimatischen Bedingungen, die nach dem Abklingen der Jüngeren Dryas, der letzten längeren Kaltzeit der vergangenen 20.000 Jahre, von 9600 vor Christus an mehr als drei Jahrtausende lang ideal für Flora und Fauna waren und das Entstehen von Auenwäldern in den Flussebenen und saftigen Grassteppen auf den Hügeln begünstigten. Es lag an der Entwicklungslogik der Siedlungen selbst. Die bessere Verfügbarkeit von Nahrung sorgte für rasches Bevölkerungswachstum, das wiederum den Nahrungsbedarf erhöhte. Weil aber die Schweifgebiete der Jäger bald mit denen anderer Jagdgemeinschaften kollidierten, wie man an ausgegrabenen Knochen mit Zeichen von Gewalteinwirkung ablesen kann, wurden Pflanzen als Nahrungsergänzung immer wichtiger.

Im Lauf des neunten Jahrtausends vor Christus gelang die Kultivierung des in der Steppenlandschaft heimischen Einkorns. Gleichzeitig wuchs die Bedeutung domestizierbarer Tierrassen für die Deckung des Fleischbedarfs. Während sich die Bewohner der älteren Orte wie Göbekli Tepe und Nevalı Çori noch zu mehr als drei Vierteln von Gazellen und anderen Wildtieren ernährten, stieg der Anteil von Schafen und Ziegen am Speiseplan in später gegründeten Siedlungen wie Gürcütepe am Stadtrand von Şanlıurfa auf 95 Prozent.
Die gewachsene Bevölkerung war aber nicht nur auf verlässliche Nahrungsquellen angewiesen, sie sorgte auch für einen Wandel der symbolischen Ordnung. Mit dem Entstehen bäuerlicher Lebensformen tauchen erste weibliche Figurinen auf, die Fruchtbarkeit ersetzt das Idealbild männlicher Stärke. Zugleich bekommt der Familienverband als Urzelle der Gesellschaft einen neuen Zuschnitt. Während in den Rundbauten von Göbekli Tepe die Clans der Jäger im Schutz ihrer Wappentiere – Schlange, Fuchs, Geier, Leopard – mit rauschenden Gelagen ihre Beutezüge feierten, finden sich in jüngeren Siedlungsschichten nur noch kleinere, meist rechteckige Gebäude. Die Sippe spaltet sich in Familien auf. Auch die Vorratshaltung wird jetzt Privatsache, die Küchen und Trockenböden wandern aus den Großgebäuden in die Einzelhäuser. Die Siedlung bekommt dörfliche Züge.

Diesen zivilisatorischen Prozess, der sich über mindestens zweieinhalb Jahrtausende hinzog, kann man in einer Ausstellung kaum annähernd zeigen. Aber die Kuratoren des Vorderasiatischen Museums haben aus ihren räumlichen und inhaltlichen Beschränkungen – wichtige Großskulpturen blieben in Şanlıurfa und sind nur als Replik zu sehen – das Allerbeste gemacht. Schon die Lichtregie stellt klar, dass wir einen geschichtlichen Raum betreten, der uns auf atemberaubende Weise fremd ist. Und auch die Stücke in den Vitrinen buhlen nicht um unsere nachweltliche Empathie, sondern bleiben so unheimlich wie am ersten Tag ihrer Wiederentdeckung. Wenn dann ein Objekt die elftausendjährige Entfernung überwindet wie jener Froschanhänger, der ebenso gut aus einer Jugendstilwerkstatt von 1900 stammen könnte, ist die Wirkung umso stärker.
Der Clou der Ausstellung sind die Aufnahmen der spanischen Fotografin Isabel Muñoz. Sie hat die Fundstücke so ausgeleuchtet, als kämen sie aus der Dunkelheit der Zeiten auf uns zu. So treten wir für die Dauer eines Augenblicks in die Vorstellungswelt der ersten sesshaften Jäger ein, in eine Welt, in der Dämonen, Tiere, Mischwesen aus Mensch und Vogel, tote Ahnen und Naturgötter miteinander verbunden sind, einen magischen Kosmos vor der Trennung von Religion und Alltagswelt. Den Menschen, die den großen Sprung von der Jäger- zur Siedlergesellschaft vollzogen hatten, war dieser Kosmos, aus dem sie kamen, am Ende unheimlich. Um 8200 vor Christus wurden die Rundbauten von Göbekli, die man zuvor mit Stützmauern stabilisiert und verkleinert hatte, planmäßig verfüllt und zugeschüttet.
Mehr als tausend Jahre später wurden auch die letzten Siedlungen in den Hügeln bei Şanlıurfa aufgegeben. Ihre Bewohner zogen in die Ebenen des Zweistromlands, wo nach weiteren drei Jahrtausenden die ersten Städte der Menschheitsgeschichte entstanden. So fing wieder etwas an: die zweite Phase der Sesshaftigkeit, die Zeit, in der wir heute noch leben.
