Bei einem Abendessen in einer noblen Villa im Frankfurter Stadtteil Dornbusch wollte es ein gütiger Gastgeber, dass ich neben dem berühmtesten deutschen Philosophen der Gegenwart zu sitzen kam. Es war noch nicht allzu lange her, dass ich zusammen mit drei, vier Heidelberger Mitstudenten in zahlreichen zähen Sitzungen versucht hatte, aus der „Theorie des kommunikativen Handelns“ schlau zu werden, seinem zweibändigen Opus magnum, 1981 erschienen und bald, heute nicht mehr vorstellbar, 100.000 Mal verkauft.
Fragen über Fragen häuften sich auf, vor allem erwies es sich als schwierig, die Positionen von Jürgen Habermas aus einem Werk herauszufiltern, das eine Theorie nach der anderen referiert und den philosophischen sowie soziologischen Diskussionsstand seiner Zeit in einer Komplexität abbildet, die rasch ein Gefühl der Überforderung erzeugt. Jene „neue Unübersichtlichkeit“, die der Denker, gleichsam die Inkarnation der zweiten Generation der Frankfurter Schule, als wesentliches Symptom der Postmoderne diagnostizierte, schien in diesem Buch Gestalt angenommen zu haben.
Tatsächlich jedoch verlangt es zwar viel von seinen Lesern, aber nichts Unmögliches. Man kommt zu Ergebnissen. Das unterscheidet Habermas’ Großtexte von den undurchdringlichen „Rhizomen“ seiner poststrukturalistischen Zeitgenossen ebenso wie von Adornos Spät- und Hauptwerk, der „Ästhetischen Theorie“. Habermas arbeitete den diskreditierten Vernunftbegriff wieder auf. Er vertraute auf die Rationalität und eine Sprache, in der sie adäquat artikuliert wurde. Die ältere Kritische Theorie war in Aporien geraten, aus denen er herausfand, indem er einige Prämissen seines wichtigsten akademischen Lehrers über den Haufen warf. So gab er die Idee eines „universellen Verblendungszusammenhangs“ auf und zeigte, dass diese Idee in sich widersprüchlich ist, denn wie sollte überhaupt eine Erkenntnis aufscheinen, wenn die Möglichkeit, sie zu erlangen, vorab geleugnet wird. Und er verabschiedete sich von Adornos Einstellung, Wahrheit sei nur in der Kunst zu finden.
Der Philosoph amüsiert sich prächtig
Der hartnäckigen Lektüre offenbaren sich die Gedanken von Habermas sukzessive, und irgendwann wird auch der große Bogen sichtbar, der etwa die Gesellschaftslehre eines Max Weber mit der angelsächsischen Sprechakttheorie verknüpft, und die vielen Thesen und Theorien, die der Autor zitiert, dann doch berührt, verbindet, eint. Wem es gelungen ist, in einer Fußnote von Habermas vorzukommen, habe es im Wissenschaftsbetrieb geschafft, hieß es seinerzeit, und das war nicht wirklich ironisch gemeint.
Habermas saß über der Vorspeise und unterhielt sich prächtig mit seinem anderen Tischnachbarn, während mir der Appetit vergangen war, weil ich die ganze Zeit krampfhaft überlegte, was ich Habermas fragen könnte, etwas, das in der Arbeitsgruppe offengeblieben war, über das wir uns die Köpfe heißgeredet und auch gestritten hatten, jetzt war sie da, die Gelegenheit, in einer privaten Runde, wenn nicht hier, wo sonst ließe sich ein herrschaftsfreier Diskurs führen, zwischen Shrimpssalat und Hauptspeise.
Allein, mir fiel rein gar nichts sein. Keine Frage wollte sich in meinem Kopf formen. Nur eines war mir klar: Gleichgültig, was sich sagen würde, es wäre zu banal. Also schwieg ich, während ich der Konversation lauschte. Habermas sagte, er sei froh, in so interessanten Zeiten zu leben, es hätte ja auch anders kommen können, aber den Zusammenbruch der Sowjetunion zu erleben, den Fall der Mauer, die deutsche Wiedervereinigung, das sei doch großartig. Er lachte und brachte seine Freude zum Ausdruck, dass die Weltgeschichte zu seiner Kurzweil beitrage.

Ich sagte bis zum Dessert kein einziges Wort, Habermas stand auf, um sich anderen Gästen zuzuwenden, meine Chance war vertan. Es war wohl doch die falsche Gelegenheit, um Grundlegendes zu klären. Habermas, so schien es mir, pflegte Smalltalk und amüsierte sich. Dabei hätte mir klar sein müssen, dass Politik, Geschichte und Lebenswelt stets in seine Theorie hineinspielen. Womöglich kam er wie Adorno gar nicht umhin, die meiste Zeit im Meisterdenkermodus zu zirkulieren.
Habermas charakterisierte Adorno am Ende eines Vortrags, den er anlässlich seines 90. Geburtstag im überfüllten Hörsaal 1 auf dem Westend-Campus der Frankfurter Goethe-Universität hielt: „Ich habe im Frankfurter Milieu drei glückliche Phasen meines akademischen Lebens erfahren. Zwei Jahre nach meiner Promotion habe ich hier den Lehrer gefunden, den ich während meines Studiums vergeblich gesucht hatte. Der Umgang mit dem täglich gelebten Exerzitium seines Denkens hat mir eine neue Welt erschlossen. Adorno konnte nicht nicht denken. Die Atemluft der Trivialität, in wir anderen leben, war ihm völlig fremd.“ In der zweiten Hälfte der Fünfzigerjahre sei Adorno auch erst zu dem geworden, der er dann für die Bundesrepublik gewesen sei. „Sie war noch nicht das liberale Gemeinwesen, zu dem sie bis 1989 sehr, sehr langsam herangereift ist“, sagte Habermas. „Die damals herrschende politische Mentalität war vielmehr so, dass man sich im Institut für Sozialforschung oft wie in einer belagerten Festung fühlte.“

Als ausgerechnet der damalige Institutsdirektor Max Horkheimer, der ihn für einen linksradikalen, prosowjetischen Aktivisten mit dem Hang hielt, aus der Theorie auszubrechen, ihm Steine in den Weg legte und ihm höhere akademische Weihen in Frankfurt verweigerte, war sich Habermas unschlüssig, ob er statt die wissenschaftliche Laufbahn weiterzuverfolgen nicht doch lieber Journalist werden sollte: Seinen ersten Artikel, er handelte von Gottfried Benn, hatte er 1952 in der F.A.Z. veröffentlicht. Aber auch als klar war, dass sein gleichsam natürlicher Ort nur an einer Universität sein konnte, blieb er publizistisch tätig. Er hat sich in zahlreiche Debatten eingemischt und immer wieder tagespolitisch Stellung bezogen. Erst Ende 2025 hatte er sich zur zeitgenössischen Theologie geäußert, die „inhaltlich merkwürdig unbestimmt“ sei.
Habermas hat seinen Vorlass seit 2011 nach Frankfurt gegeben
Der international renommierteste deutsche Philosoph seiner Zeit war auch ein Intellektueller, der unmissverständlich seine Ansichten artikulierte, sei es im „Historikerstreit“, als er sich vehement gegen eine Relativierung der nationalsozialistischen Verbrechen wandte, oder in seinen proeuropäischen Essays, in denen er eine Überwindung der Nationalstaatlichkeit forderte. Dass seine grundlegenden philosophischen Einsichten auch seine Zeitungsbeiträge grundieren, ist unverkennbar. Entsprechend äußerte er sich etwa zum Ukraine-Krieg: Er sprach sich nicht etwa generell gegen Waffenlieferungen aus, sondern für eine begrenzte militärische Hilfe und parallel dazu diplomatische Verhandlungen.
Mit Missbehagen nahm er in den letzten Jahren die Veränderung des öffentlichen Diskurses in Zeiten der Digitalisierung zur Kenntnis: Seine grundsätzliche Zuversicht in die Mechanismen der Öffentlichkeit wurde angesichts der Manipulationsmöglichkeiten auf den sozialen Internet-Plattformen erschüttert, was ihn veranlasste, im September 2022 ein Buch über den neuerlichen „Strukturwandel der Öffentlichkeit“ herauszubringen. Dies war der Titel seiner 1961 erschienenen Habilitationsschrift, die er in Marburg bei Wolfgang Abendroth eingereicht hatte, während er in Heidelberg als außerordentlicher Professor angestellt war. „Als Nachfolger Horkheimers bin ich in den frühen sechziger Jahren aus Heidelberg nach Frankfurt zurückgekehrt“, schaute Habermas auf den Beginn seiner zweiten Frankfurter Epoche zurück, „wo ich in einem ungewöhnlichen Kreis produktiver und ganz eigenständiger Mitarbeiter die intellektuell und politisch aufregendste Zeit der alten Bundesrepublik durchlebte. Wir fühlten und damals im Mittelpunkt des Geschehens – und waren wir es nicht?“
Es war die Zeit der Studentenbewegung, für deren Ziele er Verständnis aufbrachte, während er die Auffassung des Sozialistischen Deutschen Studentenbunds, man befinde sich in einer revolutionären Situation, nicht teilte. Für böses Blut sorgte sein Wort vom „linken Faschismus“, das ihn zum Feindbild der revoltierenden Jungakademiker machte. Das dritte Mal kam er in den frühen Achtzigerjahren nach Frankfurt, wo er sich von den Fesseln der organisierten Forschung am Starnberger Max-Planck-Institut befreit fühlte.

„Im Bewusstsein, mein Handwerk endlich gelernt zu haben, verbrachte ich die befriedigendste Zeit meines akademischen Lebens in der freien Luft der Goethe-Universität.“ Das intellektuelle Leben brauche seine sozialen Nischen, sagte Habermas in seinen kurzen autobiographischen Anmerkungen am Ende seines Vortrags, mit der sich im Juni 2019 endgültig von seiner einstigen Wirkungsstätte verabschiedet hat. Eine Universität sei mehr als seine „vom Wissenschaftsrat evaluierte Anstalt für Forschung und Lehre“. Der Vortrag fasste noch einmal wesentliche Motive seines Denkens zusammen. Und bezog sich mit Hegel, Kant und Marx auf eine kontinentaleuropäische Denktradition, der Habermas stets treu geblieben ist.
Mit Habermas zog die Ernüchterung in die Kritische Theorie ein und ein neuer Wahrheitsbegriff: Die Aufklärung des Menschen über sich selbst, Moral und Gesellschaftstheorie haben ihren Grund im idealerweise herrschaftsfreien Diskurs, in der Auseinandersetzung zwischen Menschen, die in einem „reziproken“ Verhältnis zueinander stehen, also auf Augenhöhe miteinander um die Sache streiten. Der „zwanglose Zwang des besseren Arguments“ fördert Erkenntnisse zutage und schafft ganze Weltbilder, an denen sich die „Söhne und Töchter der Moderne“ orientieren.
Kommunikation ist alles, und auch in einer zunächst verzerrten liegt der Keim zu einer gelingenden. Dieser idealistische Kern steckt in der oberflächlich betrachtet blutarmen Rede vom „Verfassungspatriotismus“ ebenso wie in der von der „unvollendeten Moderne“. Und ist letztlich dafür verantwortlich, dass auch die von Habermas modifizierte Kritische Theorie weit über den elfenbeinernen Turm hinaus eine eigentümliche Attraktivität entfaltete. In Frankfurt fand sie einen überaus fruchtbaren Nährboden, auf dem mit Verlagen, Buchmesse, liberal gesinnten Politikern und Großbürgern, aber auch weltoffenen und auf international Handel treibenden Kaufleuten eine nur vordergründig spröde Kultur des wirtschaftlichen und geistigen Austauschs gewachsen war.
Auch deshalb wohl hat Habermas der Universitätsbibliothek Johann Christian Senckenberg 2011 und ein weiteres Mal 2025 seinen Vorlass übergeben. Im jüngsten Konvolut befindet sich das, was Habermas aus der Zeit seit seiner Emeritierung 1994 an Schriftstücken und Korrespondenz verwahrt hatte, vieles davon auf seinem privaten Rechner. Der erste Teil des Vorlasses ist bereits erschlossen. Das neu hinzugekommene Material ist sehr umfangreich, es umfasst neben den Dateien allein 90 Aktenordner und Dokumente zu Habermas’ politischem Engagement, Briefwechsel unter anderem mit Suhrkamp-Verleger Siegfried Unseld und Hans-Ulrich Wehler. Die Erschließung erlebt Jürgen Habermas nicht mehr: Er ist am 14. März in Starnberg gestorben.
