In der Ostsee hängt ein Buckelwal fest, strandet auf Sandbänken, kommt wieder frei. Menschen helfen ihm mit technischem Gerät. Der Rummel ist beträchtlich, Liveticker zu Kriegen werden zurückgestellt, Schaulustige reisen an. Fernsehteams kommen aus Frankreich oder Russland, bei Bürgermeistern ruft die „New York Times“ an.
Das Drama hat zwei Seiten: Da wäre der Kreislauf der Natur, in dem ein Meeressäuger falsch abbiegt und vermutlich in der Ostsee verendet. Und: Er war in Stricke gefesselt, trägt Netzreste im Maul. Er atme, heißt es, weniger, dazu kamen Laute, die Menschen als Klage interpretierten. Zum natürlichen Fortgang würde nun gehören, dass sich tausende Organismen von einem toten Tier ernähren könnten. Wenn nicht Behörden eine Gefahrenquelle lieber räumen wollen: Die Ostsee scheint in vielem zuallererst eine Infrastruktur.
Wie Walrettung wirklich geht, das wissen viele
Es gibt auch einen Kreislauf, von dem sich ganz andere Organismen ernähren und der hier im Zentrum stehen soll: Dabei geht es um Identifikation und Empörung, Willen zum Heldentum und verdrängte Schuld. Vielleicht stürzt besonders Letztere gern in kräftige Rechthaberei. Will man ergründen, wie sehr ein Meeressäuger auch ein Zeichen ist für Diskussionskultur und Zustände im Land, muss man mit Bürgermeistern sprechen, mit Helfern, die sich in den letzten Tagen um den Wal kümmerten. Sie erzählen von vielen Zuschauern voller Empathie und Sorge. Fischbrötchen hätten sie trotzdem gegessen.
Die Helfer bekamen reichlich Tipps. Ein Bürgermeister, Sven Partheil-Böhnke aus der Gemeinde Timmendorfer Strand, hatte Anrufer aus Bayern am Telefon: Die Lösung sei ein Bettlaken unter das Tier, das Paket dann mit dem Helikopter in die Nordsee. Partheil-Böhnke lacht. Vorschläge mit Seilen habe es überhaupt viele gegeben, und sie waren ernst gemeint. Der Bürgermeister vergleicht es mit der Zahl inoffizieller deutscher Bundestrainer bei einer Fußballweltmeisterschaft. Das ist der heitere Teil der Unterhaltung.
Helfer werden auch mal mit Steinen beworfen
Aber es gab eben auch Gaffer. An dieser Stelle verdüstert sich der Ton aller, mit denen man spricht: Sie erzählen von Menschen, die sofort durchgelassen werden wollten, die gepöbelt und gekreischt hätten, auch mal Helfer mit Steinen bewarfen. In der Nacht versuchten etliche mit Booten und Schwimmgeräten durch Polizeisperren zu kommen. Bürgermeisterliches Befremden: Partheil-Böhnke hat auf sehr engem Raum Interesse, Zuspruch und eine garstige Dosis Verachtung für staatliche Institutionen eingesammelt.
Um dem Zorn auf die Spur zu kommen, kann man kurz auf Wale selbst schauen. Und zwar mit Uta Jürgens, sie ist Psychologin und forscht zu Mensch-Tier-Verhältnissen. Jedes Wildtier, sagt sie, sei eine Projektionsfläche für menschliche Gefühle. Wale eigneten sich besonders, weil sie groß und selten seien. Außerdem bewohnten sie eine für Menschen nur mit Hilfsmitteln ergründbare Tiefe. Der Wal navigiere einen unbestimmten Raum. Eine derart große Leerstelle muss mit Zuschreibungen der Beobachter gefüllt werden. Das können Sehnsüchte sein, Ängste, Vorstellungen von Reinheit, Stille oder Freiheit. Dazu, erklärt Uta Jürgens, verkörpere ein Wal relative Harmlosigkeit. Selbst der biblische Jona kam wieder zum Vorschein.
Brennender wird alles, weil der harmlose Wal in einer Geschichte der Verdrängung schwimmt. Uta Jürgens vermutet, dass uns grundsätzlich klar ist, dass wir die Natur verwüsten. Meeren geht es schlecht, sie verkommen um Fischfarmen zum Pfuhl, die Ostsee ist stellenweise tot. Wir leiten Dünger ein, lassen Kabel und Rohre durch Schutzgebiete legen, fahren mit Freizeitbooten darüber. Vieles davon entspringt Routinen, Ansprüchen, Mustern – vor der Dimension der Probleme flüchten wir in Fatalismus: Die nächste Kreuzfahrt fällt dann auch nicht mehr ins Gewicht.
Im gestrandeten Wal bündelten sich Empfindungen von Schuld
Wenn aus all dem aber ein Wal auftaucht, fliegen ihm auch Herzen von Menschen zu, die sonst vielleicht kein Problem damit haben, Säugetiere schlachten zu lassen, um sie zu essen. Im gestrandeten Wal bündelten sich Empfindungen von Schuld. Ihn retten zu können, beruhigt: Klimawandel und Artensterben scheinen übergroß, aber beim Wal sind wir noch wirkmächtig.
Und so kommt etwas in Schwung, braucht aber auch handelnde Personen. Der Kultursoziologe Ulrich Bröckling hat in seinem klugen Büchlein „Postheroische Helden“ bemerkt, wie ungebrochen fortdauernd unser „Heldenhunger“ sei. Immer noch soll jemand aus unserer Mitte erlösende Taten vollbringen. In diesem Fall, so Uta Jürgens, uns ein Gefühl von Erleichterung, eine frohe Nachricht in düsteren Zeiten verschaffen.

Die Heldenrolle der Gegenwart entspricht auffällig einer politischen Grammatik. Gerade tun sich Menschen hervor, die sich vor allem selbst attestieren, staatlichen Instanzen oder offiziöser Kompetenz zu misstrauen. Sie zelebrieren mit großer Geste, auch gegen Regeln zu tun, was nottäte. Auftritt Robert Marc Lehmann, Umweltschützer, Youtuber, Meeresbiologe. In Timmendorf stand er über Stunden vor dem Wal, erzählte hinterher, er habe mit ihm kommuniziert. Dann sagt er so einen Satz, der viel von ihm verrät, ganz Deutschland nämlich habe gesehen, was man erreichen könne, wenn man zusammenarbeite. Er unterbricht sich, nein, sagt er, die ganze Welt hat das gesehen.
Einiges wirkt ziemlich großspurig, was Robert Marc Lehmann erzählt, das Ozeaneum Stralsund mühte sich vor ein paar Jahren, einige „unzutreffende Darstellungen“ und „Halbwahrheiten“, mit denen Lehmann handelte, presseöffentlich geradezurücken: Demnach sei er kein „Abteilungsleiter“ bei ihnen gewesen, sondern nur Teamleiter. Und auch für sie nicht „viel um die Welt“ gereist, aber dreimal nach Norwegen. Das Ozeaneum stellte Lehmann frei, verlängerte seinen Vertrag nicht.
Lehmann lädt sich Widerspruch auch selbst ein – auf seiner Website ist er „studierter Diplom-Meeresbiologe“, nur bietet den Studiengang keine Universität in Deutschland an. Mit einer Diplomarbeit über Süßwasserkrebse sei man eher kein Meeresbiologe, sagen berufene Stellen. Alles Interessen, die ihn kompromittieren wollten, kontert er genervt am Telefon und weist auf weitere Forschungsarbeiten hin, seine Gegner wollten ihn inkompetent aussehen lassen. Lehmann sieht sich in einem langwierigen Kampf gegen Industrie, Zoowirtschaft, Wissenschaftler, Politik. Er sei, wieder so ein turmhoher Satz, ihr größter Feind in Europa. Seinen Furor muss man Lehmann glauben. Nur rüttelt er kräftig am Pathosbaum, rettet Tiere stets vor ihrem sicheren Tod, alles ist immer mindestens „krass“.
Die Experten kommen ins Visier
Die Folgen spüren Menschen wie Lisa Klemens. An einem kühlen Märzmorgen steht sie in einem Sektionsraum auf der Insel Dänholm vor Rügen. In ihr treffen sich gewissermaßen die Kreisläufe der Natur und der Empörung. Sie überschneiden sich in dem, was Klemens tut. Sie ist Meeresbiologin, arbeitet im Deutschen Meeresmuseum. Ihr Fachgebiet sind Schweinswale. Sie hält Wissenschaft für aktiven Naturschutz.
Nach langen Minuten, in denen Lehmann in einem Video den Begriff „Experten“ immer abschätziger verwendete, blendete er ihren Lebenslauf ein. Lisa Klemens trug ein Bereitschaftstelefon bei sich, in wenigen Stunden bekam sie fast hundert Anrufe und Nachrichten, Drohungen, wüste Beschimpfungen. Klemens zuckt mit den Schultern, den gestrandeten Wal bedauert sie zutiefst. Die Empörung macht sie fassungslos. Sie lässt prüfen, wo Anzeigen sinnvoll scheinen. In Timmendorf meldete sich Lehmann selbst, um bei der Walrettung anzufassen. Als man ihm die Leitung des Vorhabens verwehrte, sei er abgereist. Wütend, sagen Menschen, die dabei waren.
Nun steckt der Wal wieder fest, keine Erleichterung in Sicht. Wissenschaftler wollen ihn in Ruhe lassen. Aber der Druck aus dem beiseitegeschobenen Wissen über Klimawandel und Artensterben will sich entladen, Enttäuschung über die fehlende Erleichterung trifft Experten, deren Handeln zu sensationsfern scheint.
All das macht viele Menschen empfänglich für schlichte Erzählungen: Unser handelnder Stellvertreter, die Antwort auf unseren Heldenhunger, muss behindert worden sein. Das Institut für Terrestrische und Aquatische Wildtierforschung an der Tierärztlichen Hochschule Hannover etwa, eine der ersten Adressen im Land, wird im Netz beschimpft, als hätte ihr Personal höchstselbst den Wal in die Irre geleitet. In Foren wird Wissenschaftlern vorgeworfen, dem Sterben zuschauen zu wollen. Eine Petition fordert Lehmann zurück. Über 40.000 Menschen haben unterschrieben. Außerdem ist Wahlkampf in der Region, Politiker wollen frohe Nachrichten.
Eine beinahe kindliche Wut schäumt in all dem auf, dabei verschiebt sich die Identifikation: Wir fühlen uns oft genug selbst als Wal in trister Lage.
