
„Eine Gondel darf einfach nicht abstürzen.“ Mit diesen Worten drückte Norbert Platt seine Fassungslosigkeit darüber aus, was sich am Mittwoch im Skigebiet des schweizerischen Bergorts Engelberg ereignet hatte. In einer Pressekonferenz musste der sichtlich mitgenommene Leiter der Titlis Bergbahnen erklären, warum sich eine Gondel vom Tragseil gelöst hatte und zu Tal gefallen war. Eine 61 Jahre alte Frau aus der Region kam bei dem Absturz ums Leben. Sie war die einzige Person in der Kabine, die Platz für acht Passagiere bot. Wie Videoaufnahmen von Augenzeugen zeigen, überschlug sich die Gondel mehrfach, nachdem sie auf einen Steilhang geprallt war. Dabei wurde die Frau aus der Kabine geschleudert. Die Reanimationsversuche der Notfallärzte blieben erfolglos.
Wie konnte das passieren? Auf diese Frage, die sich Wintersportler und Bergurlauber weit über die Grenzen Engelbergs und der Schweiz hinaus stellen, hatte Platt noch keine Antwort. Der Bergbahnchef verwies auf die Ermittlungen der Kantonspolizei Nidwalden und der staatlichen Schweizerischen Sicherheitsuntersuchungsstelle (SUST). Bekannt ist, dass zum Zeitpunkt des Unglücks ein starker Wind blies. Auf den Gipfeln rund um den 3238 Meter hohen Titlis wehten Böen mit Geschwindigkeiten von 80 bis 100 Kilometern pro Stunde. Im Tal indes soll der Wind relativ schwach gewesen sein.
Bei 40 Kilometern pro Stunde wird Windalarm ausgelöst
Wie Platt erläuterte, wird bei Windgeschwindigkeiten von 40 Kilometern pro Stunde automatisch Windalarm ausgelöst. Bei 60 Kilometern pro Stunde erfolge eine Windwarnung, nach der die Seilbahn abgestellt werden müsse. Warum die Gondelbahn zur Unglückszeit lief und welche Windgeschwindigkeit auf Höhe der abgerissenen Gondel in diesem Moment herrschte, vermochte Platt nicht zu sagen. Die 150 bis 200 Passagiere in den übrigen Gondeln mussten drei Stunden ausharren, bevor sie in Langsamfahrt zur Bergstation befördert wurden.
Laut Platt ist die Gondelbahn des Schweizer Herstellers Garaventa, der zur österreichischen Doppelmayr-Gruppe gehört, seit 2015 in Betrieb und technisch auf dem neuesten Stand. Die letzte Revision der Anlage sei plangemäß im September erfolgt. Bei jeder Gondelausfahrt werde automatisch geprüft, ob die Klemme, die die Gondel am Förderseil hält, fest verschlossen ist. Ist dies nicht der Fall, stoppe die Bahn.
Falls es nicht an mangelnder Klemmkraft lag, könnte die Gondel durch die Kollision mit einem Seilbahnpfeiler abgerissen worden sein. Diese Theorie vertritt der Schweizer Seilbahningenieur Reto Canale, der viele Jahre Direktor der Sicherheitsaufsicht für die kantonal bewilligten Seilbahnen war. Eine Windbö könnte die Kabine so stark zum Pendeln gebracht haben, dass sie an einem Wartungspodest oder einem anderen Teil des Stützpfeilers hängen blieb und so aus dem Seil gerissen wurde, wie Canale dem Zürcher „Tages-Anzeiger“ sagte.
Die Titlis Bergbahnen befördern eine Million Menschen jährlich
Denkbar sei aber auch menschliches Versagen. Das wäre etwa der Fall, wenn der zur Unglückszeit zuständige Betriebsleiter Warnsignale übersehen oder nicht ausreichend ernst genommen hätte. „Bei Gondelbahnen sollte man früh genug keine Personen mehr einsteigen lassen, weil sich in der Zeit bis zur Beendigung der Fahrt die Windverhältnisse deutlich verschlechtern können.“ Nach Angaben des Herstellers Garaventa ist die Gondelbahn mit einem Rope Detection System ausgestattet. Mittels dieses Sicherheitsstandards werde die Lage des Förderseils überwacht und die Gefahr einer Entgleisung bedeutend verringert.
Die Titlis Bergbahnen befördern jährlich mehr als eine Million Menschen. Im Winter kommen vor allem Schweizer Gäste; im Sommer zieht es viele Touristen aus Asien auf den Gipfel des Titlis, wo die Bergbahn ihr Angebot stetig ausweitet. Die Bilder von der den Hang hinabstürzenden Gondelkabine laufen dem Image der Schweiz als sicherem Land zuwider und dürften den ehrgeizigen Wachstumszielen des Bergbahn-Unternehmens einen Dämpfer versetzen.
