Der Buckelwal in der Ostsee bewegt sich von Sandbank zu Sandbank, allen Versuchen zum Trotz, ihn in tieferes Wasser zu bewegen. Wie können wir ihn zurück in den Atlantik bringen?
Das können wir schon versuchen. Aber wollen wir wirklich eine alte Person aus dem Krankenbett runter auf die Straße zerren? Man müsste dem Tier Schmerzen zufügen, den gesamten weiten Weg. Wenn der Wal es in tiefes Wasser schafft, können wir hoffen, dass er irgendwie durchschwimmt. Aber ich glaube, dieses Tier wird sterben.
Wir haben sehr viel zu Buckelwalen in den vergangenen Jahren geforscht, haben die Tiere an ihren Nahrungs- und Fortpflanzungsplätzen markiert und untersucht, was ein normales Verhalten ist. Daher kenne ich die Spezies sehr gut. Ich habe das Tier in der Ostsee nicht gesehen. Aber den Fotos nach ist es kein gesundes Tier, das man retten sollte. Der Wal wirkt krank. Der Rücken sieht sehr schlecht aus. Das kann daran liegen, dass das Tier schon an anderen Orten im seichten Wasser lag und Sonne sowie Wind ausgesetzt war. Ich glaube nicht, dass der Wal gestrandet ist. Er sucht seichtes Wasser auf, um nicht zu ertrinken, weil er krank und am Sterben ist.
Buckelwale gelten als hervorragende Navigatoren. Kann es sein, dass das Tier den Weg raus gar nicht finden will?
Ja. Ich habe im Exmouth Golf in Australien mit Buckelwalen gearbeitet – dort ist das Wasser sehr flach, nur zwei bis acht Meter, genau wie in den inneren dänischen oder deutschen Gewässern. Buckelwale kommen normalerweise gut in flachem Wasser zurecht. Dieses Tier strandet, weil es krank, erschöpft und am Sterben ist.
In der Lübecker Bucht wurden mehrere Bagger, Taucher und Schiffe eingesetzt, ein Tierschutzaktivist berührte das Tier und versuchte, es hinaus zu bugsieren. Sogar mit der Baggerschaufel wurde es angestoßen. War das angemessen?
Ich glaube nicht. Ich habe großes Verständnis dafür, dass die Menschen versuchen, etwas zu tun. Aber meiner Meinung nach ist das nur Kosmetik an einem sterbenden Tier. Ich denke, das Beste wäre, es in Ruhe sterben zu lassen. Es herumzustoßen und zu bewegen, erzeugt jede Menge Lärm, und diese Tiere haben ein ausgezeichnetes Gehör. Ich denke, das stresst das Tier enorm. Bei einem jungen, gesunden Tier kann man argumentieren, dass ein Rettungsversuch sinnvoll ist – aber in diesem Fall nicht. Ich glaube nicht, dass man den Wal retten kann.

Offenbar können die Menschen es nicht ertragen, das Tier sterben zu sehen.
Ja, aber wen schützt man damit? Tut man damit etwas Gutes für das Tier, oder für die eigene Psyche? Alle Tiere sterben. Wale sterben, Rehe sterben, ein Fuchs stirbt, ein Wolf stirbt. Aber es werden deswegen keine Rettungsaktionen gestartet. Wenn ein Wildschwein sterbend im Wald liegt, holt man keinen Bagger, um es wieder auf die Beine zu bringen.
Zuletzt kamen vermehrt Buckelwale in die Ostsee. Warum?
Sie kehren zurück. Sie gehören hierher. Grauwale, Buckelwale, Glattwale – sie alle sollten in der Ostsee sein. Die waren früher hier. Aber diese Tiere wurden durch Menschen bis zur Ausrottung bejagt. In den sechziger Jahren waren Buckelwale fast ausgestorben. Die Tatsache, dass wir sie jetzt öfter sehen, spiegelt wider, dass sich der Buckelwal enorm erholt hat. In einigen Teilen der Welt hat die Walart wieder ihre natürliche Anzahl erreicht. Obwohl es natürlich traurig ist, ein gestrandetes Tier zu sehen, ist es also ein Zeichen von etwas Positivem: Die Zahl der Buckelwale steigt, und sie kehren in die Ostsee zurück.
Aber die Ostsee ist in keinem guten Zustand
Die Ostsee ist in einem schrecklichen Zustand. Es wäre schön, wenn das Meer den Walen genügend Nahrung bieten könnte – aber wegen des hohen Nährstoffeintrags und der Überfischung ist das nicht der Fall. Wenn wir Buckelwale in der Ostsee sehen und wollen, dass es ihnen dort gut geht, müssen wir also etwas für die Ostsee tun.
