
Am Börsenplatz 5 dreht „Unilever“ weiterhin seine Dauerschleife. Das Unternehmen zieht von rechts nach links auf dem LED-Band über dem Eingang zur Amsterdamer Börse : Name, Börsenkürzel und aktueller Kurs erscheinen – wie jene der anderen Aktien im 30 Werte umfassenden Leitindex AEX. Viele Jahre lang führte der Konsumgüterkonzern zusammen mit Shell die Liste der teuersten Unternehmen an. Inzwischen sind beide vom Chipmaschinenhersteller ASML aus Veldhoven überholt, dem Kometen am niederländischen Unternehmenshimmel, der im Börsenwert jetzt alle AEX-Mitglieder weit hinter sich lässt.
Aber Platz zwei und drei belegen immer noch die beiden anderen Schwergewichte: jene Unternehmen, die bis vor wenigen Jahren sowohl in den Niederlanden als auch in Großbritannien saßen. Beide gaben kurz nacheinander ihr binationales Dasein auf, ließen den Niederlandeteil ihrer Doppelzentralen wegfallen – und bestehen nun als rein britische Unternehmen mit Zentrale in London fort. Ihr binationales Dasein an der Börse geht hingegen weiter, denn die Aktien sind unverändert in Amsterdam in der ersten Liga geführt.
Beide werden auch immer noch als Teil der niederländischen Identität wahrgenommen. Unilever unternimmt jetzt aber einen drastischen Schritt, mit dem es seinen niederländischen Zweig weitestgehend beschneidet. Das Unternehmen fusioniert die noch verbliebenen Lebensmittelgeschäfte rund um die zentrale Marke Knorr mit dem amerikanischen Gewürzhersteller McCormick. Beide Seiten gaben diese Woche eine entsprechende Vereinbarung bekannt. Unilever wird damit zu einem reinen Anbieter von Haushalts- und Körperpflegeprodukten – mit dem Waschmittel „Omo“, dem Deo „Rexona“, der Seife „Dove“ und vielen anderen.
Mit Margarine fing es 1930 an
Unilever erhält in der Transaktion 15,7 Milliarden Dollar und knapp zehn Prozent am neuen fusionierten Unternehmen. Seine Lebensmittelsparte wird dabei mit 44,8 Milliarden Dollar bewertet. Die Fusion soll als „Reverse Morris Trust“ strukturiert werden, was steuerliche Vorteile bietet. Dabei soll Unilever die Sparte abspalten und sie anschließend in McCormick einbringen. Das Geschäft, zu dem auch noch Marken wie Hellmann’s-Mayonnaise und Marmite gehören, erlöste im vergangenen Jahr rund 10,7 Milliarden Euro Umsatz – etwa zwei Drittel mehr als McCormick. „Für Unilever ist diese Transaktion ein weiterer entscheidender Schritt, um unser Portfolio zu schärfen und unsere Strategie auf wachstumsstarke Kategorien auszurichten“, sagte der Vorstandsvorsitzende Fernando Fernandez.
Aus Produktsicht ist es der letzte Schritt im Ausstieg aus dem Lebensmittelgeschäft – aus niederländischer Sicht ist es der Abschied vom hiesigen Unternehmenszweig. Unilever entstand 1930 aus der Fusion der niederländischen Margarine Unie mit der britischen Lever Brothers. Die Konstruktion mit dem Doppelsitz endete im Jahr 2020, als sich das Unternehmen für London als einzigen Zentralstandort entschied. Die Lebensmittelsparte behielt ihren Sitz in Rotterdam.
Nach der neuesten Vereinbarung soll es in den Niederlanden zwar eine zusätzliche „internationale Zentrale“ geben – der Hauptsitz aber wird für den McCormick-Sitz in Maryland festgelegt. Den Niederlanden bleibt noch das Forschungszentrum in Wageningen. Die Indizien für eine Abtrennung der Lebensmittelsparte hatten sich zuletzt immer weiter verdichtet: Fernandez richtet Unilever auf die Körperpflege und Waschmittel aus, die mit Produkten unter anderem von Henkel konkurrieren. Branchenübergreifend passt der Plan in den großen Trend kapitalmarktorientierter Unternehmen zur Entflechtung. Analysten befürworten solche Transaktionen daher in der Regel – zeigten sich in diesem Fall aber skeptisch über die gewählte Art.
„Das hier erscheint uns nicht als geschmeidiger Weg, das umzusetzen“, urteilten etwa Fachleute von Bernstein. Die neue Gesellschaft werde hoch verschuldet sein und zunächst nur eine Primärnotiz in New York haben, was Verkaufsdruck durch europäische Unilever-Investoren nach sich ziehen könne. Die Unilever-Aktie verlor nach Bekanntwerden der Entscheidung deutlich an Wert.
Politisch pikant: Geschichte einer Zusage
Politisch pikant ist die Entwicklung wegen der Vorgänge rund um den Abschied aus den Niederlanden vor gut einem halben Jahrzehnt: Die Regierung in Den Haag hatte sich damals angeschickt, das Steuerrecht zu ändern, um dieses Aushängeschild der niederländischen Unternehmenswelt im Lande zu behalten. Der damalige Ministerpräsident Mark Rutte hatte zu Beginn seiner Berufslaufbahn selbst einmal für Unilever gearbeitet. Der Konzern entschied sich tatsächlich zunächst dafür, Rotterdam als Zentrale zu behalten – und London aufzugeben. Doch angelsächsische Großinvestoren protestierten, das Management drehte den Beschluss zurück und gab London den Zuschlag.
Um zu beschwichtigen, gab das Unternehmen eine Zusage an die Regierung. Wenn Unilever sich aufspalten sollte, würde die Lebensmittelsparte den Sitz in den Niederlanden einnehmen und dort auch börsennotiert sein. Das schrieben der Vorstand und der Aufsichtsrat in einem Brief an den damaligen Wirtschaftsminister Eric Wiebes und Finanzminister Wopke Hoekstra. Eine Hintertür war von vornherein eingebaut: Das Land müsse weiterhin ein günstiger Standort für eine Unternehmenszentrale sein, hieß es in dem Brief.
Alles geht raus: Margarine, Tee, Eiscreme
Was folgte, war aber keine reine Aufspaltung, sondern ein Ausverkauf des Lebensmittelzweigs in mehreren Schritten. Einen Vorboten dafür hatte es schon unter dem alten Management und noch unter der binationalen Struktur gegeben: Unilever verkaufte 2018 das Margarinegeschäft („Rama“, „Flora“, „Becel“) an den Finanzinvestor KKR und kappte damit die Wurzeln des niederländischen Teils, der über die Fusion von 1930 in Form der Margarine Unie hineingekommen war.
Die Teesparte (Lipton, PG) ging später an die Beteiligungsgesellschaft CVC. Im Jahr 2022 schließlich löste Unilever die Eissparte aus dem Lebensmittelgeschäft heraus, Ende vergangenen Jahres ging sie an die Börse. Unilever hält noch einen Anteil von knapp einem Fünftel an dem neuen Konstrukt mit dem Namen The Magnum Ice Cream Company. Es hat den Sitz in Amsterdam eingenommen – und ist damit der einzige Teil, der tatsächlich börsennotiert im Land bleibt.
