Dass wir in Zeiten der Pandemie auf den Händedruck verzichteten und auf andere Gesten der Begrüßung auswichen, war natürlich der Vorsicht geschuldet. Es beraubte uns aber zugleich eines wichtigen Mittels zwischenmenschlicher Kommunikation. Denn der handshake ist mehr als nur ein formelles Begrüßungsritual; er vermittelt eine Beziehung unter den Beteiligten – auf die man, so man die Regeln kennt, sogar Einfluss nehmen kann.
Das Reichen, Drücken und Schütteln der Hände hat hierzulande eine lange Tradition, die bis ins Frühmittelalter reicht. Durch den Händedruck versicherte man einander anschaulich, dass man keine Waffe trug; man bezeugte Friedfertigkeit. Im 19. Jahrhundert wurde das Händeschütteln in der deutschen Arbeiterbewegung zum Zeichen der Solidarität.
Doch es gibt einiges zu beachten: Wer streckt zuerst die Hand aus? Wie lang dauert der perfekte Handschlag? Macht man eine Schüttelbewegung, wenn ja – wie oft? Soll man Blickkontakt halten? Und natürlich am wichtigsten: Wie kräftig drückt man zu? Denn viele ziehen, zu Recht oder nicht, bewusst oder unbewusst, aus dem Händedruck Rückschlüsse auf Haltung, Charakter und Gemütslage ihres Gegenübers.
Auch der Verzicht auf den Handshake ist ein Signal
Die Verweigerung des Händedrucks ist ein überdeutliches Signal, was man wirklich vom Gegenüber hält; legendär, wie Hillary Clinton und Donald Trump bei ihrer zweiten Präsidentschaftsdebatte 2016 die Geste vermieden.
Nicht erst durch Trump wurde der Handschlag auch zum Seismographen politischer Stimmung: Ein Händedruck mit Frankreichs Präsident Emmanuel Macron 2017 erregte Aufsehen, weil Trump so kräftig zugriff, dass die Fingerknöchel des französischen Staatsoberhauptes weiß wurden; bei der nächsten Begegnung der beiden dauerte das Ritual fast 30 Sekunden. Überhaupt lieben Politiker den Händedruck, gern auch mit beiden Händen, um Nähe und Freundlichkeit zu zeigen.
Ein Meister dieser Disziplin war Bill Clinton; ein Foto des handshake zwischen einem 16-jährigen Clinton und John F. Kennedy 1963 in Washington wurde später zum Moment der Fackelübergabe an eine neue Generation verklärt. 1993 vermittelte Clinton als Präsident dann einen gleich zweifachen Handschlag zwischen Yitzhak Rabin und Yassir Arafat bei einer Zeremonie auf dem Rasen des Weißen Hauses; die erhoffte Friedfertigkeit allerdings hielt nicht lange vor.
Augenkontakt und fest zudrücken
Der Händedruck gehört also eigentlich in die formelle Welt von Wirtschaft und Diplomatie; vertraute Menschen umarmt man (meistens) lieber. Mein Onkel und ich allerdings begrüßen und verabschieden uns immer mit einem Händeschütteln, ich kenne das nicht anders. Bis vor einigen Jahren gab er mir nach jedem Händedruck Rückmeldung: längerer Augenkontakt, Schultern zurück, fester zudrücken.
Seiner Meinung nach glich meine Hand in seiner einem toten Fisch. Dennoch überraschte es mich, als er mir einmal zum Geburtstag ein Paar Fingerhanteln überreichte, zum Üben. Immerhin in meiner Lieblingsfarbe Blau. Fortan wurde bei jedem Besuch die Entwicklung meiner Gestik untersucht und kommentiert. Meinem Onkel zufolge machte ich rege Fortschritte.
Dann kam die Corona-Pandemie samt Abstandsregeln und lehrte uns neue Grußformen per Ellenbogen, Faust oder durch das Aneinandertippen der Füße. Die Geste der Friedfertigkeit barg nun die Bedrohung einer potentiellen Virenübertragung. Allein aus hygienischer Sicht scheint es also ratsam, vom Händedruck abzusehen. Brauchen wir die Geste überhaupt noch? Nun, die Begrüßung mit der Faust erinnert eher an halbstarkes Checker-Gehabe, und beim Einsatz des Ellenbogens denke ich unweigerlich an den kindlichen Ententanz; da fehlt die Ernsthaftigkeit.
Denn keine dieser Gesten erlaubt wie der Handschlag das individuelle Austarieren von Nähe und Distanz, das doch recht intime Berühren der empfindlichen Handflächen. So albern es klingt: Inzwischen fühle ich mich beim Händedruck selbstsicherer. Dem Onkel und den „Fingerhanteln“ sei Dank.
