
Rüstungsfragen sind heute weniger denn je nationale Fragen. Wie ein Land mit der überlebenswichtigen Verteidigungsbranche umgeht, geht auch alle seine Partner an, vor allem in Europa. Denn Allianzen und Fusionen über die Grenzen hinweg sollten die europäische Zukunft sein. Dass sich die Mittelmächte noch viel Zerstückelung und Doppelung leisten, ist im Angesicht weltweiter Bedrohungen nichts als schädlicher Luxus.
Vor diesem Hintergrund muss es beunruhigen, wie die italienische Regierung mit ihrem führenden Rüstungskonzern Leonardo umspringt. Die Ministerpräsidentin Giorgia Meloni hat den erfolgreichen Vorstandsvorsitzenden Roberto Cingolani entlassen – einfach so.
Das muss man so beschreiben, denn es gibt keinen vernünftigen Grund, seinen Vertrag nach dreijähriger Tätigkeit auslaufen zu lassen. Das Unternehmen, das früher Finmeccanica hieß, ist unter dem 64-jährigen Manager zu einem ehrgeizigen Generalanbieter aufgestiegen. Cingolani hat den Konzern auf Expansionsmodus umgestellt. Auf einer breiteren Produktbasis fand Leonardo zu neuem Selbstbewusstsein – als klassischer Militärlieferant, als Cybersicherheitsanbieter und als Weltraumakteur.
Unter Cingolani wurde Leonardo europäischer
Der überzeugte Europäer Cingolani war jenseits der italienischen Grenzen ein willkommener Kooperationspartner. Früher hatte sich Leonardo noch stärker auf die Vereinigten Staaten ausgerichtet, schraubt daher als einziger europäischer Hersteller wesentlich am amerikanischen Kampfjet F-35 mit. Unter Cingolani aber wurde der Konzern europäischer.
Im Satellitenbau wollte er die italienischen Industrieanteile in ein geplantes Gemeinschaftsunternehmen mit Airbus und Thales einbringen. Das Panzergeschäft hat Cingolani, anders als von seinem Vorgänger Alessandro Profumo geplant, nicht verkauft, sondern in einer Allianz mit Rheinmetall ausgebaut. Dabei gelang es ihm, erhebliche Wertschöpfungsanteile nach Italien zu ziehen. Auch beim Kampfflugzeug der sechsten Generation namens GCAP ging es in Zusammenarbeit mit Großbritannien und Japan voran, womit ein mögliche Alternative zur Verfügung steht, wenn das deutsch-französisch-spanische FCAS-Projekt scheitert.
Meloni kumpelt mit Trump
Seinen Ehrgeiz unterstrich der Topmanager zudem mit der Entwicklung eines italienischen Militärschutzschirmes, einer „Sicherheitskuppel“ namens Michelangelo in Form der Verknüpfung verschiedener Verteidigungssysteme an Land, in der Luft und im All.
Das war kein nationaler Größenwahn, denn der „Dome“ soll mit anderen Entwicklungen in Europa kompatibel sein. In diesem Jahr sollten die Tests in der Ukraine starten. Doch nach übereinstimmenden Berichten ist diese Initiative den Amerikanern ein Dorn im Auge. Hier kommen die Motive für Cingolanis Rausschmiss ins Spiel. Offenbar spielte Melonis Nähe zu Donald Trump eine Rolle. Schon als Oppositionspolitikerin reiste sie in die Vereinigten Staaten, um ihm zu huldigen. Jetzt will sie Trump und der amerikanischen Verteidigungsindustrie nicht zu sehr auf die Füße treten.
Meloni hatte Cingolani noch vor drei Jahren gegen verschiedene Widerstände auf den Chefposten bei Leonardo gehoben. Doch in jüngerer Zeit überwarfen sich die beiden offenbar. Cingolani stand der Politik schon immer fern. Der Physikprofessor kommt aus der Wissenschaft und wurde dann zum Pragmatiker der Industrie. Als Energie- und Umweltminister unter Mario Draghi gab er nur ein kurzes Gastspiel in der Politik.
So fehlte ihm in den Hinterzimmern der Macht der Rückhalt. Auch mit seiner unkonventionellen Art war der Mann offenbar bei einigen italienischen Traditionalisten angestoßen. Sie sehen die Chefposten der teilstaatlichen Unternehmen als ihren Vorhof. Der italienische Staat ist mit 30 Prozent der größte Einzelaktionär. Wie Cingolanis Abberufung bei den übrigen Anteilseignern ankommt, zeigt der Kursverlust der Leonardo-Aktie von fast 9 Prozent in dieser Woche. Sie schätzten die kräftigen Pluszeichen hinter den betriebswirtschaftlichen Kennziffern. Doch das ließ die Regierung kalt. Sie setzt sich damit über das Gebot hinweg, dass die Verteidigungsbranche profitable Unternehmen mit fähigen Spitzenmanagern braucht.
Führungsfragen politischen Freund-Feind-Schemata zu unterziehen, ist ein gefährlicher Irrweg. Das gilt besonders für Italien, das mit seinen geringen Verteidigungsausgaben kein Vorbild ist. In der heiklen Gegenwart braucht die Rüstungsbranche Stabilität. Die Entlassung von Cingolani ist eine Machtdemonstration, die in Wirklichkeit mangelnde Souveränität widerspiegelt.
