War (Ur-)Opa ein Nazi? Und was ist mit (Ur-)Oma und anderen Familienmitgliedern? Wer diesen Fragen nachgehen will, hat eine neue Möglichkeit, nach Antworten zu suchen. Jüngst hat das amerikanische Nationalarchiv die noch erhaltenen Mitgliederkarteien der NSDAP auf seiner Website veröffentlicht. Dort stehen rund 16 Millionen Objekte zu NSDAP-Mitgliedern auf mehr als 5.000 digitalisierten Mikrofilmrollen frei zur Verfügung. Seit einigen Tagen können Privatpersonen und Forscher sie online durchforsten. Die Karteikarten im Archiv zeigen unter anderem Namen, Geburtsdatum und -ort, Eintrittsdatum und Mitgliedsnummer, teilweise auch Adressen und Porträtfotos.
Wegen der großen Nachfrage sei die Website des US-Archivs am Dienstagabend offenbar zusammengebrochen, sagt der Historiker Martin Clemens Winter von der Universität Leipzig, der die Datenbank für seine Forschung nutzt. „Ich hätte eigentlich nicht erwartet, dass es so eine Aufmerksamkeit gibt. Das gesellschaftliche Interesse daran ist groß.“ Die Tools seien gut, findet er. Die Volltextsuche ermögliche es etwa, gezielt bestimmte Orte herauszufiltern. Und mit einem guten Zeichen- und Texterkennungssystem (OCR) lassen sich auch Handschriften besser lesen.
Ein Mann rettete die Mitgliederkartei vor der Vernichtung
Laut Angaben des Deutschen Historischen Museums waren etwa 8,5 Millionen Deutsche bis 1945 Mitglied in der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP). Das war etwa jeder fünfte erwachsene Deutsche. Für jedes Mitglied wurden mehrere Karteikarten mit persönlichen Daten angelegt.
Der Kern der Dokumentensammlung aus dem US-Archiv ist das „Master-File“, das mehrere Karteien vereint: zunächst die Ortsgruppenkartei mit rund 6,6 Millionen Mitgliedskarten, die Angaben wie Name, Geburtsdatum, Beruf, Parteieintritt und Wohnort enthalten. Dann die Zentralkartei mit etwa 4,3 Millionen Karten, die zwischen 1929 und 1943 angelegt wurden und führende NS-Funktionäre wie Adolf Hitler, Heinrich Himmler und Rudolf Heß erfassen. Hinzu kommen mehr als 200.000 Fragebögen von NSDAP-Mitgliedern im Großraum Berlin und Materialien zu angeschlossenen Organisationen wie dem Nationalsozialistischen Lehrerbund oder der Reichsärztekammer.
Dass die von den Nationalsozialisten angefertigten Karteien noch überliefert sind, ist einem Mann zu verdanken: Hanns Huber. Der Geschäftsführer einer Papierfabrik in München-Freimann widersetzte sich kurz vor Kriegsende dem Befehl, die Karteikarten zu vernichten – und versteckte sie stattdessen unter einem Berg von Altpapier. Im Herbst 1945 beschlagnahmte das amerikanische Militär das Beweismaterial und brachte es nach Westberlin. Dort wurde es in einem neuen Archiv, dem Berlin Document Center (BDC), untergebracht.

Weitere Dokumente beim Bundesarchiv anfordern
Das Bundesarchiv hat die Dokumente 1994 übernommen. Hier liegt die NSDAP-Mitgliederkartei im Original und digitalisiert vor. Bei den Amerikanern sind Kopien auf Mikrofilm verblieben. Jedoch kann man online über das hiesige Archiv nicht auf die 12,7 Millionen Mitgliederkarteikarten zugreifen. Grund dafür seien noch bestehende personenbezogene Schutzfristen, teilte das Bundesarchiv auf Anfrage der F.A.Z. mit. In Deutschland gelten diese Schutzfristen hundert Jahre nach Geburt beziehungsweise zehn Jahre nach dem Tod einer Person. „Unser Ziel ist es, die Mitgliederkartei insgesamt online zu stellen, wenn die Fristen in den kommenden Jahren abgelaufen sein werden“, hieß es weiter. Das soll für die jüngsten NSDAP-Mitglieder im Jahr 2028 sein.
Wenn Privatpersonen die Karteikarte ihrer Vorfahren finden, müssten sie fragen, was das im konkreten Fall bedeute, sagt der Fachmann Winter. Dann müsse man sich einlesen, weitere Dokumente anfordern und sichten, um zu schauen, welche Mitgliedsnummer hinterlegt gewesen sei und welcher Rang dahinterstecke. „Hier sollten wir auf das Bundesarchiv oder spezialisierte Agenturen zurückgreifen, die bei der Familienrecherche gezielter helfen können.“
Das Bundesarchiv hebt hervor, dass nicht alle Dokumente den Krieg überstanden hätten. „Aus diesem Grund lässt sich die Mitgliedschaft einer Person in der NSDAP nicht immer allein anhand der NSDAP-Mitgliederkartei belegen.“ Oftmals sei es notwendig, auch andere Bestände des Bundesarchivs hinzuzuziehen, um weitere Informationen zu bekommen. Neben der zentralen NSDAP-Mitgliederkartei zählen laut der Behörde weitere Bestände dazu, die in Berlin-Lichterfelde liegen – wie die rund 1,3 Millionen Parteikorrespondenzen, rund 240.000 Personenakten des Rasse- und Siedlungshauptamtes-SS, rund 350.000 Personalunterlagen von SS-Angehörigen, rund 550.000 Personalunterlagen von SA-Angehörigen und Personalunterlagen von Umsiedlern (Einwandererzentralstelle Litzmannstadt) sowie Personenakten der Reichskulturkammer.
„Es ist keine Nazisuchmaschine“
Diese Dokumente sind nützlich, um die Bedeutung der Parteimitgliedschaft erfassen zu können. „Der Kontext ist wichtig“, betont Winter. „Aus welchen Gründen ist jemand der NSDAP beigetreten – aus Überzeugung, Opportunismus oder Mitläufertum? War die Person an NS-Verbrechen beteiligt?“ Auf diese Fragen gebe das US-Archiv keine eindeutigen Antworten: „Es ist keine Nazisuchmaschine. Das Archiv kann ein Einstieg in die Aufarbeitung von Familiengeschichten während der NS-Zeit sein. Jedoch folgt dann die Historikerarbeit: aufdröseln, einordnen, bewerten.“ Es sei, so Winter, ein langwieriger Prozess. „Ein Selbstläufer ist das nicht. Den Weg durch das Rohmaterial muss am Ende jeder selbst finden.“

Über die Suche in der Datenbank komme man an die „normalen Leute“ heran, sagt der Historiker Winter. „Dabei konzentrieren wir uns mal nicht auf die großen Täter wie Hitler, Himmler und Goebbels, um es grob auszudrücken“, sagt Winter. Es biete die Möglichkeit, die „NS-Gesellschaft in der Breite“ zu betrachten.
Grundsätzlich glaubt Winter, dass das Archiv ein „kleiner Baustein“ sein könne, die Erinnerung an die NS-Zeit aufrechtzuerhalten. Das „historische Material“ zeige, so Martin Winter, wie „wirkmächtig“ diese Quellen seien. Nach acht Jahrzehnten seien wir als Gesellschaft noch „wach“. „Offensichtlich wird nicht vergessen, wie sich Menschen in bestimmten historischen Situationen verhalten haben.“ Der Leipziger Historiker ist überzeugt: „Für die ältere Generation geht die Aufarbeitung weiter und für die Jüngeren erst los.“
So funktioniert die Suche:
Die Datenbank ist frei zugänglich. Über die Suchmaske auf der Website (Search within this Series) des Archivs erreicht man alle verfügbaren Mitgliederkarteien. Diese sind nach der Zentralkartei und Ortsgruppen- oder Gaukartei sortiert. Da die Karteien über die Texterkennungsfunktion (OCR) durchsucht werden, kann neben Namen auch nach Orten und Unternehmen gesucht werden. Um an genaue Angaben über bestimmte Personen zu gelangen, empfehlen sich die folgenden Schritte – allerdings ist zu beachten, dass die Suchanfragen nicht in allen Fällen funktionieren:
Namenssuche: Sucht man ohne Anführungszeichen, erhält man mehrere Tausend Ergebnisse. Eine Suchanfrage mit „Nachname Vorname“ liefert weniger und somit genauere Ergebnisse.
Direktklick: Findet man einen Treffer und klickt diesen an, öffnet sich meist ein Dokument mit mehr als 3000 Seiten. Rechts neben den Miniaturen wird eine Trefferliste angezeigt. Diese leitet direkt zur Seite mit dem Treffer weiter und ist zusätzlich grün hinterlegt.
Ortssuche: Zudem kann man die Suche durch eine Orts- oder Adressangabe ergänzen, um die Ergebnisse einzugrenzen.
Datumssuche: Auch nach Geburtstagen kann man in der Datenbank suchen. Das Datum ist hierbei in Zahlen zu schreiben – erst den Tag, dann Monat und Jahr.
Durchklicken: Findet man die gewünschte Person, hat man die Möglichkeit unterhalb des Dokuments eine Seite nach links oder rechts zu klicken. So lassen sich eventuell weitere Familienmitglieder finden, da die Einträge alphabetisch geordnet sind.
Weitere praktische Tipps und Anleitungen finden Sie auf der Plattform „reddit“ und in dem Blog des Historikers Martin Clemens Winter.
