Profisportler sind es gewohnt, für den Erfolg viel aufs Spiel zu setzen. Das ist Teil der natürlichen Selektion auf dem Weg auf das höchste Level. Manche sind gar bereit, für die Chance auf Titel ihre Gesundheit zu verwetten. Was aber, wenn nicht die eigene auf dem Spiel steht, sondern die der Liebsten?
Kurz vor ihrem Viertelfinale beim WTA-Turnier in Antalya am vergangenen Wochenende erhält die ungarische Tennisspielerin Panna Udvardy eine Nachricht auf ihr Handy, Absender unbekannt. „Die Person drohte mir, meiner Familie etwas anzutun, falls ich mein heutiges Spiel nicht verlieren würde“, schreibt sie später bei Instagram. Diese Person habe behauptet, zu wissen, wo ihre Familienmitglieder wohnten, habe Fotos von ihnen geschickt. Und eines von einer Pistole. Udvardy spielt – unter Polizeischutz – und verliert. Es braucht nicht viel Phantasie, um zu erahnen, warum der Täter das wollte: Er hat darauf gewettet.
„Für die halbe Welt bin ich nur noch eine Wette“
Es gibt genügend Gründe, der fortschreitenden Symbiose von Sport und Glücksspiel mit Skepsis zu begegnen: Die enorme Suchtgefahr für Spieler zuallererst, die schneller in den finanziellen Ruin und häufiger in den Suizid führt als bei jeder anderen Sucht. Die Integrität des Sports, die durch die Summen, die mit jedem Fehlschuss verdient werden können, auf die Probe gestellt wird. Nun tritt ein weiteres Symptom der Wett-Epidemie zutage: die Gefahr für die (psychische) Gesundheit der Sportler.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Was Udvardy erlebt hat, ist nur ein extremes Beispiel für das, was für viele von ihnen längst Alltag ist. Etliche Tennisspielerinnen haben zuletzt von Drohungen und Beleidigungen von Wettenden berichtet. Seit die Wettmärkte in den USA von den Ketten befreit wurden, ist das für viele Sportler auch dort Teil ihres Jobs. „Für die halbe Welt bin ich nur noch eine Wette“, sagt NBA-Star Tyrese Haliburton. Von der Liga, die damit Hunderte Millionen kassiert, fühle er sich allein gelassen.
Der Sport scheint planlos. Immerhin hat die WTA ein Meldeportal für betroffene Spielerinnen errichtet. Nur durch Evaluation ließe sich das Ausmaß des Problems überhaupt erkennen. Sportler benötigen Hilfsangebote, müssen geschult werden im Umgang mit Drohungen und Bestechung. Das ist die neue Sportwelt im Zeitalter der Wetten. Ein Anfang wäre das Eingeständnis, das die zu einem Problem geworden sind, das der Sport nicht länger ignorieren kann. Sähe nur blöd aus, wenn dabei am Spielfeldrand die Logos der Wettanbieter prangen.
