An dem Frühwerk des britischen Konzeptkünstlers John Stezaker vorbei geht es in der Kölner Galerie direkt in das Büro von Gisela Capitain. Auf einer Einladungskarte ihrer Zweigstelle in Neapel scheint sie auf einem alten Foto etwas in Richtung Kamera zu rufen. Das junge Gesicht unter dem dunklen Kurzhaarschnitt wirkt befreit. „Das war Anfang der 1990er“, erinnert Gisela Capitain sich lachend, „heute sehe ich nicht mehr so aus.“ Und doch ist da immer noch das gleiche Strahlen und die Gewissheit, die richtige Entscheidung getroffen zu haben.
Vom „Büro Kippenberger“ zur eigenen Galerie
Gisela Capitain war verbeamtete Lehrerin für Deutsch und Mathematik mit Aussicht auf eine Laufbahn als Konrektorin, als sie 1986 ihre Galerie in Köln eröffnete. Der Grund für den Absprung war, dass sie über ihre Schwester 1977 den Exzentriker Martin Kippenberger kennenlernte. Damals lebte sie in West-Berlin und zog mit Kippenberger in eine Wohngemeinschaft. Gemeinsam betrieben sie sein legendäres „Büro Kippenberger“ in der Fabriketage eines Bauhauskomplexes von Max Taut. Gisela Capitain kümmerte sich neben der Organisation von Konzerten und Ausstellungen um die Finanzen. Es folgte 1983 eine Assistenz bei dem aus Stuttgart nach Köln gezogenen Galeristen Max Hetzler.

Drei Jahre später eröffnete sie eine eigene Galerie in der Domstadt. „Da war eine Energie und aufgeregte Stimmung spürbar“, sagt Gisela Capitain, „eine andere Haltung zu der ganzen Szene, auch dank des Wirkens des Kulturdezernenten Kurt Hackenberg. Es gab noch keine gigantischen Baustellen und keine Archive, die in eine Grube gefallen sind.“ Neben der Verwaltung des Nachlasses des 1997 verstorbenen Kippenberger integrierte sie in der Folge amerikanische Künstler in ihr Programm: Christopher Wools mit seinen Wortmalereien, Christopher Williams mit seiner Konzeptfotografie oder Wade Guyton mit seinen Tintenstrahldruckerarbeiten. Nach zehn Jahren hatte Gisela Capitain das Gefühl, dass es langsam aufwärts gehe. Mitte der Neunziger musste sie wieder eine Durststrecke überstehen, doch ans Aufgeben dachte sie nie.
Dem Sog nach Berlin hat sie lange widerstanden. Mit dem New Yorker Galeristen Friedrich Petzel eröffnete sie 2008 dann doch eine Dependance in der Karl-Marx-Allee, um „unsere Künstler auch dort platzieren zu können, was für sie sehr wichtig war“. Aus dem gleichen Grund ist sie seit 2023 in Neapel mit einem temporären Ausstellungsraum in der C. A. S. A. Palazzo Degas. „Das war Liebe auf den ersten Blick“, schwärmt sie. Den Spagat zwischen der Peripherie und der jährlichen Teilnahmen an der Großmesse Art Basel meistert Gisela Capitain mit souveräner Gelassenheit. Ihre aktuelle Kippenberger-Ausstellung in Neapel ist die erste von über das Jubiläumsjahr verteilten Schauen. Zum Abschluss gibt es im September eine Gruppenpräsentation neuer Arbeiten von Künstlern der Galerie am Stammsitz in Köln.

Auf die Frage, wie sich der Kunstmarkt in den vergangenen Jahrzehnten verändert habe, schüttelt Gisela Capitain beinahe ungläubig den Kopf. „Es ist anstrengender geworden. Wenn in das globale System in einem unfassbaren Tempo so viel Geld fließt, dreht sich das Kunstbetriebskarussell immer schneller.“ Früher hätten Sammler eigene Kriterien erarbeitet, nach denen sie kauften und sich dabei gegenseitig angespornten – auch abseits der Moden, die heute junge Sammler verunsicherten. Bei den Galerien zählte dazu zuletzt auch das Schielen auf die neuen Kunstmessen in den Emiraten des Nahen Ostens. „Das Konzept der Art Basel Qatar hat mich nicht überzeugt“, sagt Gisela Capitain. Und nun sei der Prozess kultureller Annäherung durch den Krieg der USA und Israels gegen Iran vorerst ausgebremst. Trumps erratische Zollpolitik habe ihr bisher nicht zugesetzt, doch sie stellt fest, dass Künstler aus den Vereinigten Staaten derzeit eher in Deckung gingen.
Als müsste man sich um Kultur nicht kümmern
Für Gisela Capitain selbst gilt das keineswegs. Auf die gegenwärtige Kölner Kulturpolitik angesprochen, sprudelt die Verärgerung meinungsstark aus ihr heraus. Es gebe in der Stadt noch eine beachtliche Anzahl von Museen und Kunstinstitutionen mit bürgerlicher Unterstützung. Doch man habe das Gefühl, „die Stadt nimmt das alles für selbstverständlich, und man braucht sich überhaupt nicht darum zu kümmern“. Das gelte auch für die Art Cologne. Mit 79 Prozent ist die Stadt Hauptgesellschafterin der Koelnmesse GmbH. Daniel Hug, seit 2008 Direktor der Art Cologne, sei anfangs voller Energie gewesen und habe neue Ideen gehabt. Später habe sie „eine Form des Sich-Rausziehens“ beobachtet. Inzwischen gebe es im Rheinland außerdem die Messe in Düsseldorf. Den bevorstehenden Abstecher der Art Cologne auf Mallorca sieht Gisela Capitain kritisch. „Warum soll ein Sammler, der zur Osterzeit auf Mallorca ein bisschen Unterhaltung geliefert bekommt und drei Kunstwerke charmant findet, im November zur Art Cologne kommen?“, fragt sie.

Ihre Künstler wie Meuser, Marcel Odenbach oder Charline von Heyl begleitet sie über weite Strecken, gewinnt aber auch Jüngere wie den aus Hongkong stammenden Installationskünstler Samson Young oder die Britin Jadé Fadojutimi hinzu. Entgegen dem in ihrer Liga herrschenden Trend zur Expansion ist Gisela Capitains Wirkungskreis vergleichsweise überschaubar geblieben, mit Messeteilnahmen an der TEFAF in New York, der Frieze in London, der Art Singapore – und natürlich immer wieder der Art Cologne. Kunst bleibt für sie grundlegend konstruktiv. „Ich weiß nicht genau, wie ich es ausdrücken soll“, sagte sie bei der Eröffnung der Kippenberger-Schau in Neapel. „Aber ist Kunst nicht die positivste Art, die Welt in den Blick zu nehmen, inspirierend, irritierend, fragend, beruhigend? Sie zerstört nicht.“
