Der VfL Wolfsburg steht vor einem Strukturwandel. Alexandra Popp wird den Verein im Sommer verlassen. Ralf Kellermann, seit einem Jahrzehnt als Manager einer der prägenden Strategen des Klubs, macht es wie die Stürmerikone und schließt sich ebenfalls Borussia Dortmund an.
Unter den künftigen Vorzeichen wird Svenja Huths Rolle noch mehr über rein taktische Vorgaben hinausgehen. Nervös macht sie das momentan nicht. „Es bringt nichts, zu weit nach vorne zu schauen“, formuliert die Kapitänin eine zentrale Lehre ihrer Karriere. Sie legt den Fokus auf das Hier und Jetzt. An Aufgaben mangelt es dabei nicht.
Wie geht es danach in Wolfsburg weiter?
Dass das Hinspiel gegen die favorisierten Französinnen 1:0 gewonnen wurde, trägt zum Optimismus im Wolfsburger Lager bei. „Das war der erste Schritt. Wir werden versuchen, mutig aufzutreten“, kündigt Trainer Stephan Lerch an. „Am Ende der Saison wollen wir etwas Zählbares in den Händen halten“, lautet Huths Anspruch.
Wie es danach am Mittellandkanal weitergeht, ist offen. Ein möglicher Erstliga-Abstieg der Männer, die auf den 17. Tabellenplatz abgerutscht sind, dürfte Auswirkungen auf die Frauen haben. „Der VfL Wolfsburg hat große Bindungskraft für die Menschen in Stadt und Region. Der Verein ist eng mit Volkswagen verbunden – wir stehen hinter dem Engagement“, sagte VW-Chef Oliver Blume kürzlich in einem Interview mit der „Wolfsburger Allgemeinen Zeitung“ (WAZ).
Die VfL Wolfsburg Fußball GmbH gehört Volkswagen zu 100 Prozent. Der Konzern unterstützt die Profifußball-Gesellschaft, zu der auch das Frauenteam gehört, mit mehr als 70 Millionen Euro pro Jahr. Einem „WAZ“-Bericht zufolge würde der kriselnde Autokonzern diese Summe im Fall eines Abstiegs der Mannschaft reduzieren.
Huth traf ungeachtet der unklaren Perspektiven für sich eine Entscheidung mit Symbolkraft. Die Mittelfeldspielerin verlängerte ihren Vertrag bis Ende Juni 2027. Seit 2019 hat sie 212 Pflichtspiele für den VfL absolviert, gewann mit ihm zwei Meistertitel und fünfmal den DFB-Pokal. Mit ihrer Erfahrung ist sie der Stabilitätsfaktor des Teams.
Dass es ihr an Entschlusskraft nicht mangelt, verdeutlichte Huth, als sie in der Vorbereitung auf die Olympischen Spiele in Paris aus freien Stücken ihren Rücktritt aus der Nationalelf ankündigte, um sich intensiver ihrer Familie widmen zu können: Ehefrau Laura und Sohn Emil (geboren im September 2023) stehen für sie im Zentrum.
Bei der Generalprobe für den Auftritt in Lyon zeigte sich der VfL Wolfsburg nervenstark; in Unterzahl nach der Roten Karte für Torhüterin Stina Johannes und trotz eines Eigentors von Camilla Küver retteten die Wolfsburgerinnen in der Schlussphase beim 3:3 gegen Union Berlin einen Punkt. Die beiden letzten Treffer, die das Remis ermöglichten, bereitete Huth per Eckball und Flanke vor.
„Früher haben mir die älteren Spielerinnen geholfen, heute übernehme ich das gerne“, sagt sie über ihr Grundverständnis von Teamwork. Sie ordnet als Kommandogeberin Abläufe, gibt Orientierung und bewahrt die Nerven, wenn unter Gegnerdruck Stress droht.
Die kommenden Wochen werden unabhängig von einzelnen Resultaten zeigen, wie Wolfsburg die Neuausrichtung meistert. Nur so viel steht fest: Um „die Omi“, wie Popp sich und ihre Weggefährtin scherzhaft nannte, wird sich das künftige Team des VfL sortieren müssen. Niemand verkörpert die Brücke beim Übergang zwischen Vergangenheit und Zukunft besser als Huth.
