Woche für Woche kochen die Gemüter hoch im Emotionstheater Bundesliga. Nicht zuletzt die Fußballprofis des VfB Stuttgart beschwerten sich nach den zurückliegenden Spielen über die Eingriffe des Video Assistant Referee (VAR), weil sie angeblich zu ihren Ungunsten ausgefallen waren. Mal erzürnte sie ein nicht gegebener Treffer, mal eine hauchzarte Abseitssituation.
Weil der VAR mithilfe seiner technischen und optischen Möglichkeiten manchmal wie der Oberschiedsrichter in der Ersten oder Zweiten Bundesliga anmutet, ließ sich VfB-Stürmer Deniz Undav zu der Aussage hinreißen: „Ich weiß nicht, ob die manchmal mit geschlossenen Augen die Situation angucken. Dann lasse ich lieber den Menschen einen Fehler machen als die Videoassistenten, die noch mehr Fehler machen als die Schiris.“ Harter Tobak, geboren aus dem Frust über verpasste Gelegenheiten.
Inmitten all dieser Aufgeregtheiten um richtige und falsche Entscheidungen und um die virulente Abneigung großer Teile des Publikums, teils auch der Spieler und Trainer gegen den vermeintlichen Oberschiedsrichter VAR versucht Fabian Wohlgemuth die Ruhe zu bewahren, und verweist auf die Fakten. „Ja“, sagt der Sportgeschäftsführer des VfB Stuttgart gegenüber der F.A.Z., „der VAR war in den vergangenen Wochen des Öfteren schon mal der Aufreger. Nüchtern betrachtet, machen die VAR-Entscheidungen aber den Fußball gerechter. Ich habe mir das für uns beim VfB Stuttgart angeschaut, nachdem wir zuletzt nicht immer Profiteure dieser Entscheidungen waren. Von den vierzehn VAR-Entscheidungen an unsere Adresse gingen zehn gegen uns aus. Richtigerweise, weil sie alle korrekt waren. Mir kommen die Schiedsrichter in dieser Gemengelage oft zu schlecht weg. Deren Job ist sehr anspruchsvoll, und deren Entscheidungen müssen danach millionenfacher Betrachtung standhalten.“
Das Spiel gerechter machen
Was Wohlgemuth, Pragmatiker durch und durch, umtreibt, ist etwas anderes. „Mir geht es hier in erster Linie um das Verfahren. Hier können wir für deutlich mehr Akzeptanz sorgen. Wann greift der VAR ein, wie lange sollte die Prüfung maximal dauern, und wann sollte der Platzschiedsrichter selbst vor den Monitor im Stadion treten? Das sollte Gegenstand der Diskussion sein. Uns allen geht es darum, das Spiel besser und gerechter zu machen.“

Es scheint aber die Crux des Fußballs zu sein, den objektivierten Entscheidungsmöglichkeiten in diesem Sport mit umso größerer emotionaler Skepsis zu begegnen. Kircher kann darüber nur staunen. „Jetzt haben wir ein System der Genauigkeit und Verlässlichkeit gefunden und fangen trotzdem an, die Verbindlichkeit solcher Entscheidungen zu untergraben.“
Der Schiedsrichterchef verteidigt auch deshalb seine Mitstreiter auf dem Platz und im Kölner Keller vehement. „Wir sind Vorbilder“, sagt Kircher, „Ich kann dazu nur sagen, dass jeder unserer Schiedsrichter absolut integer und verantwortungsbewusst handelt. Sie wollen ihre Aufgaben maximal erfüllen.“ Und sind vor Fehlern doch nicht gefeit.
