
Wer wissen will, ob sich in Iran am Dienstagabend trotz des Krieges Menschen zum traditionellen Feuersprung versammelt haben, um das alte persische Jahr zu verabschieden, der kann bei „Vahid Online“ nachschauen. Das Telegram-Konto verbreitet immer die neuesten Handyvideos aus Iran. Eines zeigt, wie eine Tschahar-Schanbe-Suri-Feier im Westen Teherans von Regimekräften aufgelöst wird. Bei anderen tanzen die Teilnehmer zu Popmusik oder singen patriotische Lieder.
Für viele Iraner ist „Vahid Online“ eine der wichtigsten Nachrichtenquellen. Das Telegram-Konto hat mehr als 1,2 Millionen Abonnenten. Es verbreitet Meldungen persischsprachiger westlicher Medien und Videos, die von Privatpersonen eingeschickt werden.
In Kriegszeiten informiert der Kanal darüber, wo es Luftangriffe gab, was im Staatsfernsehen verschwiegen wird. Während der Proteste im Januar zeigte „Vahid Online“ als Erstes Videos vom Leichenschauhaus Kahrizak, die das Ausmaß des Massakers an Demonstranten deutlich machten.
Angebliche Verbindungen des Kanals zum Mossad
Nun hat das Regime in Teheran den Macher von „Vahid Online“ zum Staatsfeind erklärt. Die Nachrichtenagenturen Fars und Tasnim verbreiten wilde Behauptungen, wonach eine iranische Hackergruppe Verbindungen des Kanals zum israelischen Geheimdienst Mossad aufgedeckt habe. Als angebliche Verbindungsoffizierin wird eine bekannte Iranforscherin benannt, die den Mossad 2007 verlassen hat.
Offensichtlich dienen die Berichte der Einschüchterung. Es wird behauptet, eine Datenbank mit 180.000 Video-Zulieferern sei sichergestellt worden. Hunderte von ihnen würden in den kommenden Stunden festgenommen. In den Berichten wird der Gründer von „Vahid Online“ samt persönlichen Daten namentlich genannt. Außerdem wird behauptet, ein Team des Kanals sei im Ausland mit Raketen angegriffen worden.
Daraufhin meldete sich am Dienstag der Gründer von „Vahid Online“ zu Wort. In all den Jahren hat er kaum Persönliches preisgegeben, auch nicht seinen Nachnamen. „Ich bin zu Hause in Maryland, USA. Keine Rakete hat mich getroffen“, schrieb er.
Weder Geburtsort noch Geburtsdatum sind richtig
Seine persönlichen Daten seien dem Regime seit Langem bekannt. Die Agenturen hätten diese von seinem Personalausweis abgeschrieben. Allerdings hätten sie nicht gewusst, dass seine Familie aus Stolz auf die Heimat ihrer Vorväter seinen Geburtsort falsch angegeben habe. Auch sein Geburtsdatum sei gelogen, damit er ein Jahr früher in die Schule gehen konnte. Demnach ist er Anfang 40.
Das verbreitete Bild sei KI-generiert und ähnele ihm nicht. Durch die Preisgabe seiner Identität sei er „in eine neue Lebensphase gedrängt worden“. Es gebe aber keinen Grund, sich Sorgen um ihn zu machen.
Die iranisch-amerikanische Aktivistin Masih Alinejad macht sich dennoch Sorgen. Sie habe ähnliche Drohungen erhalten, bevor 2022 ein Auftragsmörder vor ihrem Haus in New York festgenommen wurde. Dieser wurde gemeinsam mit einem Komplizen im vergangenen Jahr zu 25 Jahren Haft verurteilt. Alinejab rief die amerikanischen Sicherheitsbehörden auf, die Drohungen gegen den Aktivisten ernst zu nehmen.
„Vahid Online“ machte erstmals 2009 während der Massenproteste nach der mutmaßlich gefälschten Präsidentenwahl auf sich aufmerksam. Laut dem Exilmedium „Iranwire“ verließ der Onlineaktivist im selben Jahr Iran und zog in die USA. Seither hat er bei allen Protesten eine wichtige Rolle bei der Verbreitung von Videos gespielt, die oft von ausländischen Medien aufgegriffen werden. 2013 wurde er von der Deutschen Welle für diese Arbeit ausgezeichnet.
