Die Plaketten mit den großen Worten liegen seit Jahren bereit. Das gilt für die Spieler, die von amerikanischen Fußballanhängern und den US-Medien gerne als „Goldene Generation“ bezeichnet werden. Denn sie verdienen ihr Geld und ihren Respekt nicht zu Hause, wo das Spielniveau bestenfalls zweitklassig ist, sondern in jenen Profiligen in Europa, die als das Maß der Dinge gelten, und das gilt für jemanden wie den ehemaligen Dortmunder Christian Pulisic, den mit Abstand besten Fußballer der letzten Jahrzehnte im Trikot der amerikanischen Nationalmannschaft.
Der Mittelfeldregisseur wurde 2018 mit gerade zwanzig Jahren zum Mannschaftsführer gemacht und erhielt daraufhin den Spitznamen „Captain America“. Eine Anleihe bei einer berühmten Comic-Figur.
Mit der Zeit wurden aus den damit verbundenen Wunschvorstellungen ganz konkrete Erwartungen. Weshalb wohl Donald Trump, der seit dem letzten Sommer immer wieder Interesse an der Sportart vorgibt, Nationaltrainer Mauricio Pochettino am Rand der WM-Auslosung im Dezember fragte: „Was meinen Sie? Können Sie die Weltmeisterschaft gewinnen?“ Der Argentinier, den man 2024 für umgerechnet rund 5,5 Millionen Dollar (rund 4,7 Millionen Euro) im Jahr angeheuert hatte, wollte diese Hoffnung jedenfalls nicht zunichtemachen.
Vom amerikanischen Traum noch weit entfernt
Seine Antwort? „Natürlich, Herr Präsident.“ Und fügte hinzu, als er im Februar diese Episode zum Besten gab: „Es sind schließlich die USA. Hier ist der amerikanische Traum lebendig. In der amerikanischen Kultur dreht sich alles darum, Erster zu sein – die Nummer eins.“
Spätestens seit Sonntag müsste klar sein, welche Fallhöhe solche Einschätzungen produzieren können. Da demonstrierte die Mannschaft überdeutlich, wie weit sie von einem solchen Erfolg entfernt ist. Die 2:5-Niederlage gegen Belgien nur zwei Monate vor der Weltmeisterschaft im eigenen Land sortierten amerikanische Medien bereits in die Kategorie eines Fiaskos ein.
Das klang angesichts der vordergründig ziemlich positiven Gesamtbilanz der Mannschaft unter Pochettino ziemlich dramatisch. Aber selbst der Trainer räumte nach der Begegnung Defizite ein. Darunter „den Mangel an Intensität“ seiner Spieler. „Wir haben dem Gegner viel zu viel Platz gelassen.“
Beim 0:2 gegen Portugal war von Besserung nur wenig zu spüren. Weshalb niemand wirklich verstand, worauf sich seine anschließende Bewertung stützte, man sei „nicht weit davon entfernt“, eine so gute Mannschaft zu schlagen. Denn gegen europäische Gegner von Format arbeiten die Amerikaner seit dem Aus im Achtelfinale der WM 2022 gegen die Niederlande an einer blamablen Serie, die sich nicht länger vertuschen lässt.
Man verlor acht Spiele in Folge und erzielte eine Torausbeute von 6:22. Und die Portugiesen hatten – ohne Cristiano Ronaldo – demonstriert, was viele im Land nicht länger übersehen können: Sie hatten laut dem Sportfernsehsender ESPN „die USA deklassiert”.
Fehlt es den USA an Qualität?
Statt Fans nach solchen Resultaten in ihrer schlechten Stimmung zu bestärken, mag verhaltener Optimismus eine brauchbare Marketingtaktik sein. Aber hilfreicher wäre gewesen, sich einmal mit der Analyse der „New York Times“ vom Ende des letzten Jahres zu beschäftigen. Sie fasste subtil und unmissverständlich den Stand des amerikanischen Männerfußballs im internationalen Vergleich zusammen.
Die Rangliste der Redaktion mit den nach ihrer Meinung hundert besten Fußballern der Welt enthielt nachvollziehbarerweise die Namen von zwölf Franzosen, neun Brasilianern und ebenso vielen Spaniern. Dazu die von sieben Engländern und ebenso vielen Deutschen (mit Joshua Kimmich als dem Höchstplatzierten aus dem DFB-Team auf Rang 28). Das Blatt fand jedoch nur einen einzigen US-Kicker der Erwähnung wert: Christian Pulisic von der AC Mailand (Platz 39).
Einer der Fernsehkommentatoren deutete während der Live-Übertragung des Portugal-Spiels in einer hingeworfenen Randbemerkung an, was den amerikanischen Spielern durch die Bank fehlt, um zu den Besten zu gehören. Die seien im Umgang mit dem Ball noch zu unausgereift. Bedeutet: Was sie im Kopf haben, können sie offensichtlich nur schwer reflexhaft und gekonnt mit dem Fuß umsetzen. Schon gar nicht, wenn ihnen der Gegner keine Zeit lässt.
Das betrifft Ballbehandlung, Passspiel, Übersicht und – noch auffälliger – die fehlende Fähigkeit zu einem fintenreichen Körpereinsatz. Sollten das die „kleinen Details“ sein, von denen Pochettino sprach und die er bis zum Turnierbeginn noch ausmerzen möchte, hat er noch viel Arbeit vor sich.
Viel Aufmerksamkeit vor der WM
Das Leistungsgefälle hat das öffentliche Interesse an der Mannschaft übrigens bislang nicht gebremst. In Atlanta saßen bei beiden Begegnungen jeweils 70.000 Zuschauer auf den Rängen. Und ein ungewohnter Ansturm der Populärmedien mit ihren Wünschen nach Interviews und Fototerminen unterstreicht, wie leicht sich in Amerika die Traumvorstellung vom Erfolg befeuern lässt. Das macht Pochettinos Job nicht leichter.
„Wir haben keine Besprechungen abgehalten, weil die Spieler ständig irgendwohin unterwegs waren – ich weiß gar nicht, wohin“, verriet er der Nachrichtenagentur AP über die Situation im jüngsten Trainingslager. Einige Spieler waren von der zusätzlichen Belastung mental „so erschöpft, dass sie sich nicht auf dem Trainingsplatz sehen ließen, weil sie sich ein wenig ausruhen wollten“.
Sein Vertrag mit dem amerikanischen Fußballverband läuft bereits zum Ende des WM-Turniers aus. Doch der Argentinier würde auch im Fall eines schwachen Abschneidens gerne weitermachen. Er deutete vor dem Portugal-Spiel in einer Pressekonferenz an, warum: „Ich glaube, jeder weiß, dass ich mich voll und ganz der Nationalmannschaft hier verschrieben habe.“
Er sei „offen für alles“. Denn das Potential sei nämlich „enorm – nicht zuletzt dank des Vermächtnisses der Weltmeisterschaft und der Art und Weise, wie der Fußball hierzulande wächst“. Man sähe es in „unseren Jugendmannschaften, wie sie sich weiterentwickeln und auf welch hohem Niveau sie sich im Wettbewerb behaupten. Ich glaube, die Zukunft hier verspricht äußerst spannend zu werden.“
Mag sein, doch davon ist in den USA schon seit der letzten WM die Rede. Die fand 1994 statt.
