Sieht man Ursula Niehaus’ Bilder von Weitem, erscheinen sie bunt und flächig wie Pop-Art. Erst wenn man ihnen näher kommt, offenbaren sie ihre Struktur. Hier und da hängt ein Fädchen, blitzt ein Stück Leinwand durch, wagt sich ein Element ins Dreidimensionale. Auch die Motive spielen mit dem Oberflächlichen, perfekt gekleidete Flugbegleiterinnen winken mit behandschuhten Händen, Synchronschwimmerinnen gleiten durch eine perfekte blaue Fläche, moderne Villen in Palm Springs stehen in der Wüste. Die Werke sind vorwiegend in den vergangenen zwei Jahren entstanden, nun sind sie in der Stadtgalerie im Alten Badehaus zu sehen.
Schon als Kind hat Niehaus mit Stoffresten gespielt. Ihre Mutter, die der Kriegsgeneration angehörte, nähte zu Hause viel, und am Boden saß die kleine Ursula und betastete fasziniert das, was herunterfiel. In der Grundschule entstand im Kunstunterricht die erste Textilcollage auf einem Putzlappen. Dann war lange Pause, sehr lang sogar. Nach dem Abitur wollte Niehaus eigentlich Geschichte und Germanistik studieren, doch trotz zahlreicher Buchhändler in der Familie bestand der Vater auf etwas Soliderem. Danach könne sie tun, was sie wolle, so lautete die Vereinbarung. Niehaus machte eine Versicherungslehre, es folgte ein BWL-Studium. Doch anstatt in der Wirtschaft Karriere zu machen, folgte sie ihrer frühen Leidenschaft und eröffnete ein Stoffgeschäft in ihrer Heimatstadt Köln.

Vermutlich wäre Ursula Niehaus bis heute glückliche Stoffhändlerin, hätte nicht ihr Mann ein Stellenangebot aus Ingelheim bekommen. Die Familie zog von der großen Stadt am Rhein in eine deutlich kleinere Stadt am Rhein, und Niehaus hatte plötzlich viel Zeit. Sie las viel und begann selbst zu schreiben. Bei einer Recherche zu Frauenzünften in Köln im späten Mittelalter stieß sie auf die Berufsgruppe der Seidenweberinnen. Hier kam nun alles zusammen, die Leidenschaft für Textilien, das Interesse an Geschichte und die Begeisterung für Literatur. Die Romane „Die Seidenweberin“ und „Die Tochter der Seidenweberin“ wurden zu Bestsellern.
Was ihr aber dennoch fehlte, waren die Stoffe selbst, die Kunstpelze und die glatten Seidenstoffe, gemusterte Baumwollstoffe und transparente Spitze. Nach einigen ziellosen Versuchen mit Farbe und Leinwand begann sie mit ersten Collagen und entdeckte Stoffe als künstlerisches Material. „Ich habe lange experimentiert. Wie klebt man, worauf klebt man – und was?“

Dem Schwalbacher Galeristen Peter Elzenheimer, der Niehaus seit zwei Jahren vertritt, ist es auch wichtig, zu vermitteln, wie ein Kunstwerk entsteht. Deshalb hängt in der Ausstellung ein unfertiges Werk, bei dem man die Zwischenschritte erkennen kann. Am Anfang steht die Zeichnung auf Schnittmusterpapier. Die Farben müssen in einzelne Schattierungen zerlegt werden. Dann schneidet Niehaus die Schnittmuster aus und überträgt die Formen auf die Stoffe. Dabei stößt ein Farbfeld ans nächste. „Ich kann keine Farben mischen, ich habe keine Übergänge“, sagt sie. Nur manchmal setze sie transparente Stoffe ein, um Weichheit zu erzeugen. Am Ende werden alle Stoffteile auf eine Leinwand geklebt und die Leinwand auf einen Keilrahmen gespannt.
Ihr Atelier in Mainz-Finthen, eigentlich als Schreibbüro für die Romane angemietet, wurde allmählich zum Kunstraum, das Schreiben trat in den Hintergrund. In Kisten lagert sie ihre Stoffe, das sei ihr „begehbarer Farbkasten“. Viele Menschen spenden ihr Ausrangiertes, nur Hauttöne muss sie zukaufen. Muster verwendet sie höchst sparsam. Manche Stoffe seien sehr angenehm, manche sehr schwer zu verarbeiten. „Dehnbare Stoffe sind eine Katastrophe.“ Vor allem Pink ist knapp. Wer davon etwas übrig habe, könne es gern zur Vernissage am Sonntag um elf Uhr mitbringen.
Ganz leicht hat man es nicht, wenn man seine künstlerische Laufbahn mit 45 Jahren beginnt und mit einem so weiblich konnotierten Material wie Textilien arbeitet. Doch inzwischen ist das Hobby zum Beruf geworden. Sie arbeite präziser als früher, findet sie – aber eben nicht zu akribisch. „Am Anfang habe ich es zu weit getrieben, das sah zu geleckt aus.“

Wenn man das Hobby zum Beruf macht, was macht man dann als Hobby? Auch diese Frage wird in der Ausstellung beantwortet. Niehaus arbeitet gern mit Ton, ziellos und ohne Gewinnabsicht, aber mit Begeisterung. So entstand ihre Serie „Kakteen, winterhart“, sie begleitet die Palm-Springs-Bilder thematisch passend.
Bilder und Skulpturen von Ursula Niehaus, begleitet von Skulpturen des Künstlers Christian Hack, sind bis 22. Februar immer mittwochs, samstags und sonntags von 14.30 bis 17.30 Uhr im Badehaus im Alten Kurpark, Königsteiner Straße 86, zu sehen.
