Wie Stücke von Dinosaurierzähnen schwimmen Eisbrocken im Wasser. Die Sonne wirft ihr Licht auf die weißen Anhöhen, der wolkenlose Himmel strahlt hellblau. Oben auf der Brücke zeigt einer nach Steuerbord. „Psssch“ macht es dann, eine Fontäne sprüht hoch. Sogleich zerschneidet ein zweiter Buckelwal mit einem lauten „Pssschüüüuuoha“ die Stille des antarktischen Morgens. Zwei Schwanzflossen tauchen auf und wieder ab. Man winkt ein bisschen bedeppert zurück.
Wir befinden uns an der Küste von Grahamland, am Rand der Antarktis, dem einzigen Kontinent der Welt, auf dem noch nie Krieg stattgefunden hat. Der Antarktisvertrag von 1959 hat ihn dem Frieden und der Forschung gewidmet, bis heute haben ihn 58 Staaten unterzeichnet. Die bis zu 30 Millionen Kubikkilometer des Antarktischen Eisschildes – das sind etwa 70 Prozent des gesamten Frischwassers der Erde – sind so schwer, dass sich die Erdkruste hier sanft nach unten verformt hat.
Ehe man den Löffel abgibt
Mit Wissen wie diesem wurden die Passagiere die vergangenen Tage gefüttert – und ganz nebenbei auch mit selbst gemachtem Speiseeis, zweimal gebackenem Ziegenkäsesoufflé, Sushi, Steaks. Die Seabourn Pursuit wurde eigens für die Region südlich des 60. Breitengrads gebaut, es ist ihre dritte Saison in der Antarktis. „Nirgendwo sonst kommt man der Natur so nah wie hier,“ sagt Brandon Payne, der sich im Expeditionsteam vor allem um die Kajakausflüge kümmert. „Wir sind im Gewerbe ‘Erwartung versus Realität‘.“

Da hat er bei dieser Reise Glück. Überdurchschnittlich viele „First-Timer“ sind an Bord, mehr als die Hälfte der 234 Gäste waren noch nie in der Antarktis oder mit Seabourn unterwegs. Für die Mehrheit ist diese Reise ein Punkt auf ihrer Bucketlist – einer Liste jener Dinge, die man noch erledigen, erleben, genießen will, bevor man den Löffel abgibt oder, wie man ebenso schön auf Englisch sagt: before you kick the bucket.
Über der Bucht Cierva Cove hängt eine kleine Wolke, in der Ferne schimmern die Berge pudrig weiß, vor uns reflektieren die Eismassen türkis, bräunlich, weiß, hellweiß. Wasser spritzt. Eben ist eine Gruppe Zügelpinguine in einem Affenzahn durch das atemberaubend klare Wasser an uns vorbeigehechtet. Ihre schwarz-weißen Körper flutschen vor uns her. Wir fahren im Gummiboot, auch Zodiac genannt, durch die Bucht. Und dann liegt sie da, vor uns, reglos auf einer Eisscholle. Sie lässt sich nicht stören. Ihr silbriges Fell schimmert in allen Tönen. Die Robbenmutter schläft. Alle halten die Klappe. Jemand schnäuzt. Tränentreibend unschuldig liegt dieses Geschöpf inmitten der Natur. Es ist ein reiner Moment Leben.

Wenngleich wir wissen: Auch hier erwärmt sich das Meer. Auch hier gibt es vermehrt Rußpartikel in der Luft, Fälle von Vogelgrippe, im letzten Jahr wurde erstmals offiziell die maximale Fangquote von Krill erreicht, Russland und China stimmten gegen das Ausweisen neuer mariner Schutzgebiete. Auch das Expeditionsteam an Bord erwähnt illegales Krillfischen und zweifelhafte Forschungen.
Wie auch in der Arktis gelten für Mitglieder des internationalen Verbands der Reiseveranstalter (IAATO) zahlreiche freiwillige Regeln, um das fragile Ökosystem zu schonen. Wer an Land geht, darf nicht knien, nicht hocken, nichts mitbringen, nichts fallen lassen. Verbannt sind Hocker, Stühle, Drohnen, und bitte nicht auf die Pinguine treten. Südlich der Zirkumpolarströmung darf kein Schiff etwas im Meer zurücklassen. Die Seabourn Pursuit kann aufgrund ihrer Aufbereitungsanlagen bis zu 30 Tage auf See verbringen, ohne recycelte Flüssigkeiten abzuleiten.
Am besten in die Bow Lounge
The ice was here, the ice was there, the ice was all around, zitiert der aus Patagonien stammende Expeditionsleiter Luqui Bernacchi Samuel Taylor Coleridges Gedicht vom alten Seemann. Wir stehen schon wieder am Bug vor der Bow Lounge, wo sich Bildschirme befinden, die Wind, Meerestiefe, Temperaturen, Echolot zeigen, und die so versteckt liegt, dass sich kaum ein Passagier hierher verirrt. Dabei ist es der beste Platz zum Beobachten.

Da! Durch den Himmel flattert eine weiße Kartoffel. „Ein Tauchsturmvogel“, erklärt Vogelexpertin Kim Stevens aus Südafrika, sie werden auch Lummensturmvögel genannt. Ein Name wie bei Loriot. Und sie schwimmen auch so, sie paddeln wie Pinguine und Papageientaucher unter Wasser mit ihren Flügeln. Später wird uns Kim von den Schneesturmvögeln erzählen, die sie am Robertskollen auf dem Schelfeis studiert hat.
Der Vogel ist eine der wenigen hier lebenden Spezies, die die antarktische Konvergenz nie überqueren, jenen zirkumpolaren Strom zwischen 50. und 60. Breitengrad, der den kühlen südlichen Ozean vom wärmeren subantarktischen trennt und die biologische Grenze zur Antarktis markiert.
„Brrrsch“. Das war ein Stück Eisberg. Wir drehen uns in Zeitlupe um die eigene Achse. Im abendlichen Schummerlicht gleiten wir durch die unwirklich leuchtenden Eiswände der Gerlache Strait. Am nächsten Tag schneit es. Der Himmel über den Melchior-Inseln ist grau, verhangen. „Welcher Tag ist heute?“, fragt ein Herr. „Es fühlt sich an, als wären wir schon eine Woche weg“, sagt eine Dame aus Manchester. Kein Wunder. Hinter uns liegen Vorträge und Ausflüge nach Mikkelsen und Neko Harbour. Wir sahen Kolonien von Esels-, Adelie- und Zügelpinguinen, schauten Orcas und Buckelwalen hinterher.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Wir sahen die Sonne golden untergehen, rosafarbene Berge im lila Licht. Einige Passagiere tauchten mit dem U-Boot zum antarktischen Meeresboden, andere paddelten in gelben Kajaks zwischen Eisschollen. Man wusch Gummistiefel, hörte Vorträge, während Eisberge, auf denen Pinguine saßen, an den Fenstern vorbeizogen. Man trank Kakao mit und ohne Schuss und fügte zu den gefühlt hundert Pinguin-Handyfilmen weitere hundert hinzu.
Am Nachmittag weht eisiger Wind. Alle tragen Bademäntel, einige eine kleine Go-Pro-Kamera um den Hals. Ken ist der Erste. Er ist über achtzig, und das ist sein vierter Polar Plunge, zu Deutsch: Sprung ins antarktische Wasser. Er macht mit seiner Frau nun schon die dritte Reise auf der Pursuit.
„Wie viele Gäste kannst du beim Namen nennen?“
„Man bekommt hier verhältnismäßig viel fürs Geld“, sagt er. Die Ratio sei gut, man würde so schön betüddelt. So ist es. Auf 234 Gäste kommen 235 Mitarbeiter. Die würden hinterher getestet, weiß Ken zu berichten, etwa mit Fragen wie: „Wie viele Gäste kannst du beim Namen nennen?“
Die Mehrheit der Passagiere stammt aus den USA und Australien, nur vier Deutsche sind an Bord, der jüngste Gast ist acht. Viele haben für diese Reise gespart, man sieht kaum Bling-Bling, höchstens mal an den Schuhen beim Abendessen. Da wäre das Ehepaar aus London, das diese Reise zur Silberhochzeit macht. Das australische Pärchen Mitte dreißig, er Developer, sie Designerin. Ihr Onkel war Elektriker auf einer antarktischen Forschungsstation und erzählte immer davon. Die Osteopathin aus Australien, die leise zugibt, man könne mit diesem Trip hinterher so schön angeben.

Manche, erzählt Hotelmanager Guy, buchen die Reise auch deswegen, weil sie hier nebenbei arbeiten können. Dank Starlink geht das neuerdings auch in der Antarktis.
Am nächsten Tag auf Cuverville Island: Ich warte. Er rührt sich nicht. Und ich komme nicht an ihm vor-bei, ohne den markierten Weg zu verlassen. Der rundliche Eselspinguin steht auf einer „Pinguinautobahn“, jener Schneise, die wir nicht betreten dürfen. Er guckt, steckt den leuchtenden roten Schnabel ins Gefieder. „Quäärk, gurgel, gurgel, quääärk“, rufen die anderen Eselspinguine.
Dreißig Prozent ihrer Körpermasse können aus Fett bestehen, haben wir gelernt. Und dass sie einem Partner treu sind, den sie unter Tausenden am Duft erkennen. Menschen würden Pinguine lieben, weil sie ebenfalls aufrecht gehen, mutmaßte der Schriftsteller Adwin de Kluyver in seinem Buch „Niemandsland“. Dieser hier geht aber heute nirgendwohin. Jetzt hebt er die Flügel, ihm ist heiß. Mir nicht. Dann steht er wieder rum und guckt. Warum auch nicht, denke ich irgendwann. Stehe ich eben auch ein bisschen rum und gucke.

Einen Tag später: Es dampft. Schwaden aus dem Meer ziehen über den schwarzen Sand von Whalers Bay. Die Ausbuchtung der hufeisenförmigen Deception Bay ist ein aktiver Vulkan, zuletzt ausgebrochen ist er 1970.
Unsichtbar für uns liegen in der Bucht Abertausende Walknochen, erzählt Jan. Der gebürtige Niederländer war zum ersten Mal als Gast mit einem russischen Eisbrecher in der Antarktis. Mit 67 machte er auf eigene Kosten die notwendigen Ausbildungen, um bei einem Expeditionsteam anheuern zu können: Zodiac-Führerschein, Erste Hilfe Plus, auf See retten, an Bord Feuer löschen, vor Leuten sprechen. Mit 68 war er fertig, schickte 45 Bewerbungen an Reedereien, zwei boten ihm einen Vertrag an.
Wenn wir in zwei Tagen wieder in Ushuaia einlaufen, fährt er weiter, auf einem anderen Schiff. Er möchte noch nach Alaska, und die Osterinseln kennt er auch noch nicht.
„Es gibt keinen schöneren Grund, erschöpft zu sein“, sagt er über seinen neuen Beruf, und ein bisschen wirken seine Augen wie die des Seemanns Hunt aus dem Buch „Die Eissphinx“ von Jules Verne: stets nach Süden gerichtet und strahlend klar wie Positionslichter.
Weg in die Antarktis
Anreise Beispielsweise mit Lufthansa von Frankfurt direkt nach Buenos Aires, den Weiterflug nach Ushuaia organisiert die Reederei.
Die elftägige Reise „The Great White Continent“ mit der Seabourn Pursuit kostet in der Veranda Suite ab 12.000 Euro, inklusive Weiterflug nach Ushuaia. Nächste Reisetermine ab November 2027 (seabourn.com).
