Da kann einem schon der Schreck in die Glieder fahren. Jahre-, vielleicht jahrzehntelang hat man eine leidlich erfolgreiche Karriere hinter sich, und jetzt werden die Aussichten plötzlich ungewiss. Denn die Künstliche Intelligenz entwickelt sich immer schneller.
Allein in den vergangenen drei Monaten haben Nutzer immer neue, bessere Fähigkeiten entdeckt, die sich auch immer besser beruflich einsetzen lassen. Den neuen Nutzen neuronaler Netzwerke spüren Leute mit so unterschiedlichen Berufen wie Übersetzer, Zeichner und Programmierer – und bei manchem wächst die Angst, dass es im eigenen Beruf bald schwieriger wird. Die Kurse von Softwarekonzernen fallen, aus Angst, dass die Künstliche Intelligenz bald deren Geschäft übernimmt. Und wer solche Folgen ernst nimmt, der denkt bald auch über sein Erspartes nach.
Denn wenn die berufliche Zukunft unsicher wird, dann drängt sich ein Gedanke in den Vordergrund: Wäre es nicht gut, wenn man in ein paar Jahren schon so viel gespart hätte, dass man im Notfall gar nicht mehr arbeiten muss? Finanzielle Freiheit ist das Zauberwort – und wenn man die erreicht, dann lassen sich die Entwicklungen der kommenden Jahre schon deutlich ruhiger verfolgen. Zumindest täte es gut, die Altersvorsorge zu beschleunigen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Nun ist es längst nicht so, dass Künstliche Intelligenz jeden bald den Arbeitsplatz kostet. Manches kann KI immer besser, anderes noch nicht – und vielmehr noch: Immer mehr Studien deuten darauf hin, dass die Computerunterstützung zumindest manchen Menschen noch mehr Arbeit machen wird. Schließlich werden sie immer produktiver, schaffen immer mehr in der gleichen Zeit und können so auch immer mehr Aufgaben übernehmen. Radiologen sind in den USA zum Beispiel zum Mangelberuf geworden, seit sie bei der Auswertung von Aufnahmen ihrer Patienten die Hilfe von Künstlicher Intelligenz bekommen und deswegen viel mehr Fälle untersuchen müssen. Aber wer kann schon sicher sein, was die Zukunft noch bringt?
Dazu kommt: In Deutschland braucht man derzeit nicht immer Künstliche Intelligenz, um sich seines Arbeitsplatzes unsicher zu werden. Das wissen nur allzu viele Autoingenieure. Was also tun arbeitende Leute, wenn ihre berufliche Sicherheit kleiner wird? Wenn sie sich zumindest grob auf den Fall vorbereiten wollen, dass sie schon vor der Rente nicht mehr in ihrem alten Beruf arbeiten können? Und wenn sie unsicher sind, ob sich für sie ein guter Anschluss ergibt?
Alles beginnt mit der Frage, ob man mehr sparen kann. „Wer etwas erreichen will, der braucht einen disziplinierten Plan, muss den durchhalten – und wenn er jetzt noch eine Schippe drauflegen will, dann muss er eben noch mehr sparen“, sagt Michael Huber, der Leiter des VZ Vermögenszentrums. „Erst mal macht man einen Plan. Die wenigsten haben vorher schon einen guten Überblick über ihr Geld.“
Finanziellen Bedarf ermitteln
Huber empfiehlt, sich in einem ersten Schritt grob die eigenen Ausgaben anzugucken. Das tut man unter zwei Gesichtspunkten. Einmal überlegt man sich: Welche von diesen Ausgaben bleiben übrig, wenn eines Tages die Arbeit wegfällt? Meistens gehen dann auch die privaten Ausgaben zurück. Arbeitstaugliche Kleidung macht vielleicht nicht den größten Posten aus, aber vielleicht wäre in so einem Fall auch das Auto nicht mehr nötig, oder man würde sogar umziehen, und am neuen Ort wäre das Wohnen günstiger.
Aber kämen andererseits neue Ausgaben dazu? Könnte man sich noch eine große Reise leisten?
Wer so ein Gefühl für seine Ausgaben bekommen hat, der kann überschlagen, wie viel Geld für die echte finanzielle Freiheit nötig ist. Es gibt unterschiedliche Faustregeln dazu, wie man aus einem monatlichen Betrag das nötige Vermögen ausrechnet. Im Internet ist gelegentlich die Rede davon, dass man jährlich vier Prozent des Vermögens ausgeben könnte, ohne dass es sich verbraucht. Der Trick: Die Rendite gleiche das aus. Vermögensberater Huber ist nicht ganz so optimistisch. Er rechnet dafür eher mit drei Prozent. Das heißt im Umkehrschluss: Man müsste den Verbrauch mindestens mit 30 multiplizieren.
Diese Summe kann erst mal horrend aussehen. Wer zum Beispiel 3000 Euro im Monat aus dem Vermögen nehmen möchte, bräuchte dann 36.000 Euro mal 30, und das wären rund 1,1 Millionen Euro. Aber vielleicht will man im Notfall auch nicht gleich alles aus dem Ersparten ersetzen, vielleicht setzt man auch nur ein kleines Zubrot aus dem Ersparten an. Wer sich nur 500 Euro im Monat genehmigen möchte, der schafft das mit 180.000 Euro an Vermögen, wenn sie richtig angelegt sind. Noch weniger ist nötig, wenn man bereit ist, das ersparte Geld aufzuzehren. Bei dieser Abwägung kann auch der Ruhestandsrechner helfen, den die F.A.S. für eine erste Überschlagsrechnung seit einiger Zeit unter faz.net/ruhestandsrechner anbietet.
Wie kann ich mehr sparen?
Die meisten Leute werden zu dem Schluss kommen, dass das Ersparte noch nicht reicht – vermutlich auch noch einige Zeit lang nicht. Jetzt entscheidet sich, wer es ernst meint mit seiner Vorsicht. Denn jetzt wird es für die meisten Arbeitnehmer darum gehen, mehr zu sparen als bisher.
Wenn das im ersten Moment nicht möglich scheint, dann kommt die unangenehme Frage: Worauf würden Sie verzichten, um für den Fall der Fälle mehr Sicherheit zu haben? Den nächsten Urlaub? Regelmäßige Ausgaben? Gehen Sie alles durch, und überlegen Sie, wie groß Ihre Sorge um Ihre Stelle wirklich ist. Würden Sie unter Umständen auch noch mehr arbeiten, um jetzt mehr zu verdienen? Das Sparen ist auch deshalb so wichtig, weil sich bei der Geldanlage oft nicht so viel holen lässt. Wer seine Geldanlage schon gut sortiert hat, der muss unter den neuen Umständen sogar eher etwas Rendite opfern.
Ausgewogen investieren
Eigentlich würde man sich wünschen, dass angesichts der neuen Eile die Rendite wächst. Das ist aber nicht so einfach; zumindest nicht für Leute, die ihr Geld sowieso schon gut angelegt haben. Wer natürlich sein Geld seit Jahren nur aufs Tagesgeldkonto gelegt hat, der kann mit einer guten Investitionsstrategie einiges gewinnen. Wer die allerdings schon hat, muss sogar eher auf ein bisschen Rendite verzichten. Aber eins nach dem anderen.
Basis einer guten Geldanlage ist immer ein ausgewogenes, gut verteiltes Portfolio, vielleicht mit günstigen Indexfonds (ETF). Wie immer gilt: Je mehr Zeit man hat, desto mehr Risiken kann man eingehen. Auf lange Sicht haben Aktienmärkte den Anlegern immer Geld gebracht, aber wer nur wenige Jahre dabei war, für den war das nicht immer so. Das heißt: Die hohe Rendite am Aktienmarkt kann man sich vor allem dann sichern, wenn man viel Zeit hat. Wer sich aber auf den Fall einrichtet, dass in den nächsten Jahren der Beruf in Gefahr geraten kann, der hat ja eher weniger Zeit als vorher.
UBS-Anlagestratege Maximilian Kunkel empfiehlt da, einen Topf einzurichten, der in so einem Fall für den ersten Bedarf dient. „Was sind meine Ausgaben über die nächsten drei bis fünf Jahre?“, fragt Kunkel und sagt: „Mit diesen Ausgaben wird nicht herumspekuliert.“ Die könnten zum Beispiel in Geldmarktfonds liegen. Für Geld, das erst in drei oder vier Jahren gebraucht wird, bieten sich dann Anleihen mit längerer Laufzeit an, die tatsächlich erst dann fällig werden. „Anleihentreppe“ heißt das Modell, weil man im Prinzip für jedes Jahr einen Betrag in einer anderen Anleihe anlegen kann.
Viele Leute wollen mehr. Sie spüren Zeitdruck, wollen ihre Schäfchen früher im Trockenen haben und fordern deshalb eine viel höhere Rendite. Da baut sich mancher einen KI-Agenten, der für ihn an der Börse regelrecht spekuliert. „Das wäre bei mir eher auf der Warnliste“, sagt Vermögenszentrums-Chef Huber. „Ich fürchte, man muss auch in diesem Zeitalter noch selbst sparen.“ Die Frage ist schon: Kann der eigene KI-Agent wirklich besser sein als die der Geldprofis, gegen die er antritt?

Nur eine Art der Spekulation lehnen die beiden Experten nicht rundheraus ab. Die hat etwas mit einem Versicherungs-Argument zu tun, Börsianer nennen das „Hedge“, eine Absicherung. Und diese Überlegung geht so: Wenn die Künstliche Intelligenz möglicherweise meine Arbeit zunichtemacht, dann sollte ich vielleicht gerade in diese relevanten Aktien ein Stück mehr investieren.
Keiner weiß, ob Künstliche Intelligenz gerade in einer Blase steckt, in den vergangenen Wochen sind die Kurse nicht besonders gut gelaufen. Aber der Gedanke wäre: Wenn die Künstliche Intelligenz gerade überschätzt wird, dann können KI-Aktien Verlust bringen, dafür ist vielleicht die Arbeitsstelle eher sicher. Wenn umgekehrt die Künstliche Intelligenz sich aber weitgehend durchsetzt und meine Arbeit wertlos macht, dann ist die Chance größer, dass die KI-Aktien großen Gewinn bringen.
Ganz blank würden das die Anlageexperten nicht machen. „Übergeordnet verstehe ich die Überlegung“, sagt Michael Huber vom Vermögenszentrum. „Es gibt natürlich auch Szenarien, in denen die Stelle weg ist und die Aktie trotzdem nicht steigt. Ich persönlich wäre mit diesen Modethemen vorsichtig.“
UBS-Stratege Kunkel ist für diese Art der Versicherung eher zu haben, betont allerdings: Wichtig ist, dass man viele unterschiedliche Aktien hat. Nun ist die Auswahl an reinen KI-Aktien im Moment nicht riesig. Da ist der Chiphersteller Nvidia, auch die Google-Muttergesellschaft Alphabet hat ein großes Bein im KI-Markt, im weiteren Sinn zählt auch Microsoft dazu. Kunkel würde weiter denken: „Wer profitiert eigentlich von dieser Tendenz, komme was wolle?“ Da nennt er zum Beispiel Energiefirmen, auch Rohstoffunternehmen, die Kupfer für die Stromleitungen liefern – er geht bis hin zu den KI nutzenden Unternehmen, die durch den Einsatz von KI ihre Gewinne steigern könnten.
Wer keine Angst vor der Künstlichen Intelligenz hat, sondern vor chinesischen Autofirmen, der passt die Überlegungen entsprechend an.
Beruflich vorbereiten
Man sollte nicht nur an die Frage denken, wie man sich mit zusätzlichem Geld absichert. Wichtig ist auch die Frage, wie man die Karriereperspektiven verbessert. Wahrscheinlich ist es auch ganz gut, ein bisschen Geld gar nicht aufs Konto zu legen oder am Aktienmarkt zu investieren, sondern für bessere Kenntnis der neuen Technik auszugeben. „Nicht die KI nimmt dir deine Stelle, sondern der Mensch, der die KI nutzt“ – wer an diesen Satz glaubt, der kann auch mal privat für einen KI-Kurs bezahlen und den womöglich von der Steuer absetzen. Oder sich etwas mehr Zeit für Experimente mit der Technik nehmen, die zwar schon gar nicht mehr so neu ist, aber sich doch alle paar Wochen wieder ganz neu anfühlt.
