
Die Unicredit schreitet mit ihrem Versuch, die Commerzbank unter ihre Kontrolle zu bekommen, konsequent, aber ohne Hektik voran. Mit dem aktuellen Übernahmeangebot werden sich, auch wenn es nicht zu einer Komplettübernahme führen dürfte, rasch vermeintliche Sachwalter eines Interesses Deutschlands, der deutschen Wirtschaft oder des Finanzplatzes Frankfurt an einer unabhängigen Commerzbank melden. In einer Marktwirtschaft gehört eine private Aktiengesellschaft jedoch nicht externen, meist selbsternannten Sachwaltern, sondern ihren Aktionären.
Die Marktwirtschaft als eine wesentliche Grundlage des wirtschaftlichen Erfolg Deutschlands nach dem Jahr 1949 darf kein Restant sein, der zwar in gelegentlichen Reden oder Leitartikeln beschworen, aber sofort ignoriert wird, wenn es unangenehm zu werden scheint. Vollends unglaubwürdig erscheinen vermeintlich überzeugte Europäer, die eine Übernahme einer italienischen Fluglinie durch die Lufthansa als Beleg einer notwendigen Konsolidierung in Europa gutheißen – sich für den Fall einer Übernahme der Commerzbank durch die Unicredit aber prompt von nationalen Affekten übermannen lassen.
Ganz machtlos ist die Regierung Merz nicht
Natürlich sieht eine deutsche Politik schlecht aus, die – es war die Regierung Scholz – erst Commerzbank-Aktien aus ihrem Bestand an die Unicredit verkauft und sich dann verwundert gibt, wenn die Mailänder Interesse an einer Übernahme zeigen. Und natürlich sieht auch die aktuelle Bundesregierung nicht gut aus, wenn sich die Unicredit, vermutlich nicht ohne Rückendeckung aus Rom, um Berliner Widerstände gegen eine Übernahme der Commerzbank offenkundig nicht kümmert.
In diesem Verhalten drückt sich ein schon länger erkennbares Nachlassen des Respekts europäischer Partner vor Deutschland aus. Dafür existieren Gründe, die aber nichts mit der Commerzbank zu tun haben.
Ganz machtlos ist Berlin dennoch nicht: Wahrnehmen sollte die Regierung natürlich ihren Einfluss, der sich mit der Staatsbeteiligung von gut 10 Prozent an der Commerzbank ergibt. Auch der Staat ist Eigentümer.
Die Commerzbank ist lange bestenfalls mittelmäßig, in der jüngeren Vergangenheit durch ihre Vorstandsvorsitzende Bettina Orlopp aber sehr erfolgreich geführt worden. Ihre Geschäftspolitik beruhte allerdings auch auf einem deutlichen Personalabbau – das sollten diejenigen bedenken, die einen zunehmenden Einfluss der Unicredit mit der Furcht vor Entlassungen ablehnen.
Auftauchen werden in der öffentlichen Debatte auch die italienischen Staatsanleihen in den Beständen der Unicredit. Die Frage, welche Mailänder Risiken eine von der Unicredit übernommene Commerzbank tragen muss, wird nicht ohne Regulierer beantwortet werden können. Sie steht aber derzeit nicht auf der Tagesordnung.
Eine Commerzbank unter einem wachsenden Einfluss der Unicredit wäre weniger ein Schlag für den Finanzplatz Frankfurt, sondern ein Spiegel eines deutschen Banksystems mit drei weitgehend in sich geschlossenen Säulen (Privatbanken, Genossenschaftsbanken und Sparkassen) und einer mehrere Jahrzehnte zurückreichenden Unfähigkeit, eine sinnvolle Konsolidierung der großen deutschen privaten Häuser zustande zu bringen. Alte Sünden werfen lange Schatten: Die wenigen deutschen Großbanken sind im internationalen Vergleich schon lange nicht mehr groß.
Mit dem Übernahmeangebot der Unicredit muss das Schicksal der Commerzbank auch in einer Marktwirtschaft noch nicht besiegelt sein. Zunächst einmal will der Unicredit-Vorstandsvorsitzende Andrea Orcel nur die Beteiligungsschwelle von 30 Prozent überschreiten, um, wie er sagt, den konstruktiven Dialog mit der Commerzbank zu vertiefen.
Das klingt nicht nach einer raschen Komplettübernahme, die er mit der im Vergleich niedrigen Prämie auf den aktuellen Aktienkurs offensichtlich zumindest zunächst nicht anstrebt. Dennoch wäre Naivität unangebracht: Orcel wird mit einer höheren Beteiligung natürlich mehr Einfluss auf die Commerzbank anstreben. Und er wird ihn erhalten.
