
Es braucht dafür kein Schild am Wegesrand: Wer den Wald betritt, tut dies auf eigene Gefahr, so steht es im Waldgesetz. Spaziergänger müssen mit „waldtypischen Gefahren“ rechnen, dazu zählen zum Beispiel herabfallende Äste. Welche Umstände dazu geführt haben, dass eine umstürzende Esche am Ostersonntag südlich von Flensburg drei Menschen bei der Ostereiersuche erschlagen hat, ermittelt die Staatsanwaltschaft. Manche Gefahr lässt sich durch richtiges Verhalten verringern. Doch ein Risiko bleibt, und das nicht nur im Wald.
Um 234.000 Bäume, die in Frankfurt am Straßenrand, in Parks und in Grünanlagen stehen, kümmert sich das Grünflächenamt. „Sie werden einmal im Jahr kontrolliert“, sagt dessen Leiterin Heike Appel. Kritische Exemplare würden zweimal untersucht, in belaubtem und unbelaubtem Zustand. 20 Baumkontrolleure des Amts seien dafür unterwegs, bei Bedarf durch externe Gutachter unterstützt. Alle diese nummerierten Bäume seien in einem Baumkataster verzeichnet. „Dort wird die Kontrolle rechtssicher dokumentiert“, sagt Appel.
Plötzlich stürzt die Eiche um
Und doch passiert, was nicht passieren darf. Erst vor zwei Wochen habe ein Baum am Waldrand ein Auto getroffen, berichtet Appel. Vor einigen Jahren sei eine Platane unterhalb des Günthersburgparks in mehreren Metern Höhe abgebrochen und auf eine Oberleitung gefallen. Auch mitten im Günthersburgpark sei einmal eine riesige Eiche umgestürzt, im Seehofpark habe Quellwasser zu Wurzelfäule geführt und einen Baum umstürzen lassen. Besonders in Erinnerung geblieben ist die 20 Meter hohe Buche, die 2012 im Holzhausenpark auf einen Kinderspielplatz fiel – zum Glück erst um 22 Uhr, als sich dort niemand mehr aufhielt.
Die Weißfäule in der Buche ließ sich ebenso wenig erkennen wie die Schäden der anderen Bäume. „Wir können nicht in den Boden schauen“, sagt Appel. In der Stadt gebe es eigene Risiken für Bäume wie Bauarbeiten, bei denen Wurzeln gekappt würden. „Wenn Kastanien dann in sechs oder acht Jahren Wurzelfäule zeigen, denkt kein Mensch mehr an die Baumaßnahme.“
Im Frankfurter Stadtwald wiederum sind 97,7 Prozent der Bäume geschädigt, wie der jüngste Waldschadensbericht ausweist. Vor dreieinhalb Jahren ist dort eine Spaziergängerin von einem Ast tödlich getroffen worden. Auch im Wald haben es die Bäume durch die trockenen Jahre schwerer. „Mit dem Klimawandel kommen Schädlinge wie die Kastanien-Miniermotte, auf die die Bäume nicht eingestellt sind“, so Appel.
Bäume als Denkmal in historischen Gärten
Thorsten Willig vom Forstamt Königstein hat bemerkt: „An Buchen brechen Äste spontan, ohne vorherige Anzeichen.“ Das Forstamt ist für die bei Ausflüglern besonders beliebten Teile des Taunuswalds am Großen Feldberg zuständig. Die Zahl solcher Abbrüche sei in den vergangenen Jahren eindeutig gestiegen, sagt der Förster. „Eine Folge von Trockenstress.“ Die heißen Sommer hätten Fichten absterben lassen. Auch andere Bäume zeigten komplexe Erkrankungen. „Das Risiko steigt von Jahr zu Jahr.“
Mit Auswirkungen des sich ändernden Wetters hat auch Philipp Ludwig zu tun. Er ist bei der Verwaltung der Staatlichen Schlösser und Gärten in Hessen für Gärten, Parks und Gartendenkmalpflege zuständig. „Wir haben mehr Starkwetterereignisse wie heftige Gewitter mit Sturm.“ Das bedeute zusätzlichen Aufwand, weil man die Parks danach kontrollieren müsse. Durch Trockenheit geschädigte Bäume seien nicht mehr so standsicher.
Wie Appel, die um den Wert jeden großen Baums für das Stadtklima weiß, ist auch Ludwig um jedes Exemplar bemüht. In seinem Fall kommt die denkmalpflegerische Sicht hinzu, denn oft sind es einzelne Bäume, die das Bild eines Parks prägen. Die 200 Jahre alten Libanonzedern am Bad Homburger Schloss etwa, dem Sitz der Schlösserverwaltung, beeindrucken Besucher nicht weniger als die historischen Gebäude. Sie stammen aus den Kew Gardens und waren ein Geschenk zur Hochzeit der englischen Prinzessin Elizabeth und dem Homburger Landgrafen. Anfang Dezember 2023 brach ein starker Ast unter dem Gewicht nassen Schnees ab und riss auch die Verseilung herunter. Grundsätzlich aber können die Zedern noch Hunderte Jahre überstehen.
Drei Monate später war die Buche vertrocknet
Doch es gibt Grenzen aller Bemühungen, die Sicherheit geht am Ende vor. Im August 2023 etwa musste im Park Nizza am Frankfurter Mainufer eine große Blutbuche gefällt werden. Bei der Kontrolle im Mai schien sie noch vital, doch dann starb das Gewebe an den Wurzelanläufen ab, wie das Grünflächenamt berichtete. Drei Monate später waren die rostbraunen Blätter vertrocknet. Drei Hitzesommer in Folge hatten dazu geführt, dass 2020 in einem Jahr 3300 Bäume im Frankfurter Stadtgebiet gefällt werden mussten. 2024 waren es noch 1450. „Auch weil viele schon nicht mehr da sind und durch Jungbäume ersetzt wurden“, sagt Appel.
Für Philipp Ludwig von der Schlösserverwaltung geht es darum, die Gäste für die Gefahr zu sensibilisieren. Diese sei in der „gestalteten Natur“ historischer Gärten vielleicht weniger augenfällig. „Wir wollen, dass die Besucher kommen und sich sicher fühlen.“ Aber sie müssten wissen, dass auch ein Park bei Gewitter nicht der richtige Aufenthaltsort sei.
Der Wald lässt sich nicht sperren. Hessen Forst versucht, bei der Aufforstung der durch Trockenheit und Borkenkäfer kahl gewordenen Flächen auf einen Mischwald hinzuarbeiten, der mit den Klimaextremen besser zurechtkommt. „Aber das zeigt sich erst in Jahrzehnten“, sagt Willig. So rät er zu erhöhter Aufmerksamkeit, denn auch bei geringeren Windgeschwindigkeiten könnten Äste brechen. Und selbst drei Wochen nach einem Sturm sei die Lage womöglich noch kritisch. „Man sollte sich des Risikos einfach bewusst sein.“
