Herr Bojunga, Ihre stark übergewichtigen Patienten bekommen von Ihnen Abnehmspritzen.
Den Begriff mag ich nicht besonders. Das klingt, als könne man jemandem, der abnehmen soll und es nicht selbst auf die Kette bekommt, eine Spritze geben, und dann ist alles in Ordnung.
Ist es denn nicht so einfach?
Nein, Adipositas ist eine chronische entzündliche Stoffwechselkrankheit, keine Willensschwäche. Dieser Unterschied ist noch nicht bei allen angekommen. Ich spreche lieber von „medikamentöser Adipositastherapie“.
Die offenbar wirkt, aber dennoch von den Krankenkassen nicht bezahlt wird. Was kosten diese Medikamente für die Selbstzahler im Monat?
Das derzeit wirksamste Medikament liegt bei bis zu 550 Euro im Monat. Wir kalkulieren das mit unseren Patienten durch: Wenn sich das jemand nur ein Jahr lang leisten kann, raten wir davon ab. Das Geld ist weg. Und die Leute nehmen das verlorene Gewicht wieder zu, meist sogar mehr als vorher.
Die Folgekosten einer Adipositas etwa durch Diabetes, kaputte Gelenke und Herz-Kreislauf-Krankheiten sind hoch. Wären Abnehmspritzen nicht günstiger?
Vielleicht, aber die Kassen dürfen diese Medikamente nicht übernehmen. Im Sozialgesetzbuch V, Paragraph 34, ist festgelegt, dass Patienten Arzneimittel selbst bezahlen müssen, die nur der „Erhöhung der Lebensqualität“ dienen sollen. Ausdrücklich genannt werden Mittel zur Potenzsteigerung, Verbesserung des Haarwuchses und zur „Abmagerung oder Zügelung des Appetits“. Das Gesetz ist aber über 20 Jahre alt.
Weil man damals offenbar noch nicht wusste, dass Adipositas eine chronische Krankheit ist. Schon der Begriff Appetitzügler deutet in die falsche Richtung: als würden Menschen zu viel essen, weil sie zügellos und unbeherrscht seien. Wir sprechen aber hier von einer chronischen Erkrankung, so wie Bluthochdruck oder Diabetes. Man kann sie nicht heilen. Deshalb ist auch eine Langzeittherapie notwendig.
In Großbritannien wird Versicherten mit starkem Übergewicht in einem Pilotprojekt für zwei Jahre die Abnehmspritze bezahlt. Eine gute Idee?
Zumindest ein Anfang. Das ist eine wirtschaftliche Kalkulation: Die Medikamente zu bezahlen, ist billiger, als die Folgeerkrankungen der Adipositas zu behandeln. Wir wissen noch nicht genau, wie lange eine Therapie mit sogenannten Abnehmspritzen notwendig ist, aber wir gehen von mindestens drei bis fünf Jahren aus – vielleicht auch länger, auch lebenslang ist denkbar. Wenn Sie abnehmen, werden zunächst Ihre Fettzellen kleiner, nicht weniger. Aber die Zellen wollen das nicht und werden nach dem Absetzen einer Diät oder eben einer Medikation wieder alles daransetzen, den vorherigen Zustand zu erreichen. Deshalb nehmen Sie danach wieder zu. Abnehmspritzen nur ein Jahr lang zu nehmen, ist rausgeschmissenes Geld.

Und wann kann man dann damit aufhören?
Für die Zeit danach gibt es noch keine guten kontrollierten Studien – und die Pharmaindustrie ist daran auch wenig interessiert. In den ersten anderthalb Jahren ist der Gewichtsverlust am größten. Dann aufzuhören, ist aber die schlechteste Idee. In der Regel besprechen wir erst nach zwei Jahren den Ausstieg mit unseren Patienten, indem die Medikamente nach und nach reduziert werden.
Mit welchen Nebenwirkungen ist zu rechnen?
Die Magen-Darm-Bewegung wird durch die Medikamente verlangsamt. Das führt bei vielen zu einem Völlegefühl, zu Verstopfung und Aufstoßen. Aber es gibt keine Hinweise darauf, dass die Wirkstoffe krebserregend sind, wie manchmal behauptet wurde.
Und Sehstörungen? Der Sänger Robbie Williams sagt, er könne nicht mehr gut sehen, seit er Abnehmspritzen bekommen habe.
Also auf den Bildern, die dazu veröffentlicht wurden, sieht man, dass er eine Brille gegen Weitsichtigkeit trägt. Ich fürchte, das ist in seinem Fall schlicht Altersweitsichtigkeit. Anders ist es mit der Augenerkrankung NAION, die zu einem Sehverlust auf einem Auge führen kann. Berichte, die diese seltene Erkrankung in Verbindung mit GLP-1-Medikamenten bringen, werden ernst genommen und weiter untersucht. Für NAION gibt es aber noch andere Risikofaktoren, etwa Bluthochdruck und Diabetes. So ist wohl auch erklärbar, dass die Erkrankung bereits in der Zulassungsstudie der Medikamente auftaucht – allerdings in einer Auswertung sogar häufiger in der Placebo-Gruppe als unter jenen, die die Spritze tatsächlich bekamen. Es ist häufig eine Herausforderung, mögliche unerwünschte Nebenwirkungen wirklich kausal mit der Medikation nachzuweisen. Manchmal sind solche Folgen erst nach 20 Jahren erkennbar. Aber man muss abwägen: Wir wissen auch, dass die Menschen dank dieser Medikamente länger leben und weniger Folgeerkrankungen haben. Das muss man auch in die Waagschale werfen. Kläre ich meine Patienten über mögliche Nebenwirkungen auf, höre ich oft: Ist mir egal, ich möchte so leben, dass ich mein Gewicht selbst bestimmen kann.
Welche Rolle spielt darüber hinaus eine Umstellung von Ernährung und Bewegung?
Das ist wichtig, aber kein Heilsbringer. Damit kann man rund drei Prozent Gewicht dauerhaft abnehmen. Aber der Rebound, also wie viel Sie nach dem Absetzen anderer Maßnahmen wie den Medikamenten nachher wieder zunehmen, fällt geringer aus. Nicht zu viel zu essen, eine mediterrane Ernährung sind gut, damit können Normalgewichtige abnehmen. Aber mit Karöttchen und Putenschnitzel allein werden Sie eine Krankheit wie Adipositas nicht in den Griff bekommen.
Sprechen Sie über solche Verhaltensänderungen mit Ihren Patienten?
Meine Patienten haben alles schon gehört, was es dazu zu wissen gibt. Aber sie kämpfen gegen ein Craving, gegen einen unkontrollierbar starken Drang zu essen. Wenn sie dann die Spritze bekommen, ist dieses Craving plötzlich weg. Und das, was sie über Verhaltensänderungen wissen, können die Patienten endlich auch umsetzen.
Wer ist denn der ideale Kandidat, um aus medizinischer Sicht Abnehmspritzen zu bekommen?
Jemand, dessen Zielgewicht 15 bis 20 Prozent unter seinem aktuellen liegt. So viel Gewichtsverlust können Sie mithilfe von Medikamenten auch noch nach drei bis vier Jahren halten. Das ist die Zeitspanne, die entscheidend für einen Vergleich ist. Bei einem Body-Mass-Index über 40 und mehr kommt dann eher eine bariatrische Operation, also zum Beispiel eine Magenverkleinerung, infrage.
Greifen diese Medikamente in unsere Willensstruktur ein?
Sie greifen in unser Gehirn ein und in die Steuerung von Nahrung und Belohnungssystem. Sie lassen sich ein Stück Schokolade nicht auf der Zunge zergehen, um Kalorien aufzunehmen, sondern weil es Ihnen Glücksgefühle verschafft. Das Belohnungssystem im Gehirn ist genetisch festgelegt. Bei Adipositas-Patienten weiß man, dass sie mehr Zucker und Fett als andere benötigen, um diese Glücksgefühle zu bekommen.
Ist schon genetisch vorherbestimmt, ob jemand adipös wird?
Es gibt einen großen genetischen Faktor, aber es gibt auch Möglichkeiten, das zu beeinflussen. Was ein Kind in den ersten 1000 Tagen nach der Geburt an Zucker über die Nahrung erhält, zahlt auf sein späteres Diabetes- und Adipositas-Risiko ein. Auch was die Mutter während der Schwangerschaft isst, wirkt sich schon aus. Darüber sollten Schwangere aufgeklärt werden.
Immer mehr Kinder und Jugendliche werden dicker. Auch ein Problem?
Die Anzahl der Fettzellen, die ein Kind bis zur Einschulung gebildet hat, wird es auch im Erwachsenenalter behalten. Heißt umgekehrt: Wenn es mir gelingt, im Jugendalter den Aufbau der Fettzellen zu verhindern, habe ich später weniger Probleme mit Adipositas. Wir müssen die Prävention eindeutig verbessern. Adipositas ist eine chronische Erkrankung, aber kein unabwendbares Schicksal.
Zur Person
Der Ernährungsmediziner Jörg Bojunga ist Lehrstuhlinhaber und Leiter der Schwerpunkte Endokrinologie, Diabetologie und Ernährungsmedizin der Universitätsmedizin Frankfurt sowie stellvertretender Klinikdirektor. Seine klinische und wissenschaftliche Arbeit konzentriert sich auf die Behandlung von Adipositas, Diabetes und Stoffwechselerkrankungen. Mit der medikamentösen Adipositastherapie ist Bojunga seit Jahren vertraut. Im früheren Krankenhaus Sachsenhausen, das jetzt zum Uniklinikum gehört, berät er Patienten, die mit mehr und weniger Übergewicht zu ihm kommen. Dort ist kürzlich ein interdisziplinäres Zentrum der Adipositas-Behandlung entstanden, das Chirurgie, Ernährungsmedizin und Psychosomatik umfasst.
