
Donald Trump will das amerikanische Volk gegen die „unmittelbaren Bedrohungen“ durch Iran verteidigen. Gegen ein Nuklearprogramm, das der US-Präsident bereits für „vollständig und gänzlich zerstört“ erklärt hatte – und gegen Raketen, die bald das amerikanische Festland erreichen könnten. „Wir werden ihre Raketen zerstören und ihre Raketenindustrie dem Erdboden gleichmachen.“ Mit dieser Erklärung läutete Trump am Samstag den Irankrieg ein. Seitdem haben die USA und Israel nach eigenen Angaben Hunderte Stellungen attackiert. Ob Iran tatsächlich kurz davor stand, eine Interkontinentalrakete zu bauen, ist aber selbst nach amerikanischen Geheimdienstinformationen fraglich.
Als sicher gilt: Iran verfügte vor Kriegsbeginn über ein breites Arsenal ballistischer Raketen und Marschflugkörper. Sie waren nicht nur eine Gefahr für US-Stützpunkte in der Region, sondern auch für Europa – mehrere EU-Staaten lagen in Reichweite. Das betonte auch Trump in seiner Erklärung. Teherans Arsenal gilt als variantenreich und fortschrittlich. Bislang konnten die meisten Geschosse abgewehrt werden.
Beobachter warnen jedoch, dass den Amerikanern und Israelis in einem andauernden Krieg die Munition ausgehen könnte. Washington sieht sich dagegen für eine längere Kampagne gerüstet. Teheran will mit seinen regionalen Raketen- und Drohnenangriffen offenbar den Preis für die Militärintervention in die Höhe treiben. Es hat nach amerikanischen Angaben bereits mehr als 500 Raketen verschossen.
„Die größten Bestände in der Region“
Iran verfüge über „die größten Bestände dieser Systeme in der Region“, schrieben amerikanische Nachrichtendienste in einem Bericht im März 2025. Drei Monate später begann der Zwölftagekrieg, in dem ballistische Raketen eines der Hauptziele waren; nach den Angriffen sollen laut israelischen Schätzungen zwischen 1000 und 1500 Stück übrig geblieben sein. Fachleute wie Fabian Hinz vom International Institute for Strategic Studies wiesen unter Berufung auf Satellitenbilder darauf hin, dass Iran sein Arsenal seitdem wieder stark ausgebaut hat.
Demnach hat das Land seine Produktionsstätten schneller auffüllen können, als es westliche Analysten für möglich hielten. Insbesondere soll das Kurzstreckenarsenal weitgehend unversehrt geblieben sein. Das zeigen auch die Angriffe auf arabische Staaten mit amerikanischer Militärpräsenz. Über den genauen Bestand gibt es unterschiedliche Angaben: Ein israelischer Armeesprecher sagte, dass Iran kurz vor Kriegsbeginn über mehr als 3000 ballistische Raketen verfügte, andere schätzten das Arsenal auf 2500 Stück. Andere Quellen gehen von weitaus größeren Zahlen aus.
Der US-Kongress zählt in einem Bericht zahlreiche iranische Raketen mit einer Reichweite unter 1000 Kilometern auf: darunter die Shahab-1, Shahab-2 und Qiam-1, die auf sowjetischen Modellen basieren sollen, sowie die heimische Fateh-Familie, die zwischen 300 und 500 Kilometer zurücklegen kann. Neuere Varianten wie die Zolfaghar sollen 700 Kilometer weit reichen und präziser sein.
2000 Kilometer weit schießen demnach Waffen der Shahab-3-Familie, zu denen die Ghadr-1 und die Emad-1 zählen. Der Marschflugkörper Soumar kann laut dem Center for Strategic and International Studies sogar Ziele in einer Entfernung zwischen 2000 und 3000 Kilometern treffen und damit theoretisch Deutschland erreichen. Bis nach Amerika reichen die iranischen Waffen nicht.
Doch Trumps Behauptung, Teherans Waffen könnten in Zukunft die Vereinigten Staaten treffen, ist nicht komplett aus der Luft gegriffen. Frankreich, Deutschland und Großbritannien warnten schon 2019 in einem Brief an den UN-Sicherheitsrat, dass der damalige Start eines iranischen Satellitenträgers „eng verbunden“ sei mit der Entwicklung einer Interkontinentalrakete. Diese können mehr als 5500 Kilometer weit fliegen.
Teheran habe mit dem Satellitenstart Daten gesammelt, die „im Zusammenhang mit der Entwicklung solcher Raketensysteme genutzt werden können“, hieß es von den Europäern. Iran hat nach eigenen Angaben bereits mehrere Satelliten erfolgreich in den Weltraum gebracht. Fachleute gehen davon aus, dass diese Fähigkeit für den Bau von Interkontinentalraketen genutzt werden könnte, auch wenn Teheran dafür weitere technische Hürden überwinden müsste.
Gibt es eine „unmittelbare Bedrohung“?
Eine „unmittelbare Bedrohung“, die Trump für Amerika sieht, lag nach Einschätzung amerikanischer Geheimdienste aber offenbar nicht vor. In einem Bericht des Militärgeheimdienstes Defense Intelligence Agency aus dem vergangenen Jahr hieß es, dass Iran bis 2035 eine einsatzbereite Interkontinentalrakete entwickeln könnte – falls es dieses Ziel anstrebe.
Laut dem „Wall Street Journal“, das sich auf amerikanische Abgeordnete und Regierungsvertreter beruft, gibt es keine Beweise, dass Iran bald eine Rakete entwickeln könnte, die amerikanisches Festland erreichen würde. „Es gab keine unmittelbare Bedrohung für die Vereinigten Staaten“, sagte der demokratische Senator Mark Warner. Er gehört zur „Gang of Eight“, einer exklusiven Gruppe aus Abgeordneten, die Zugang zu sensiblen Geheimdienstinformationen erhalten. Es habe auch keine Anzeichen für einen iranischen Präemptivschlag gegeben, den Trumps Sprecherin Karoline Leavitt als Begründung für die Intervention herangezogen hatte.
Das hielt Trump nicht von den massiven Angriffen auf Iran ab. Laut Verteidigungsminister Pete Hegseth wurde das iranische Raketenarsenal mittlerweile stark dezimiert. Generalstabschef Dane Caine sagte am Mittwoch, dass die Feuerrate seit Kriegsbeginn um 86 Prozent zurückgegangen sei. Das Institute for the Study of War vermutet ebenfalls einen „beträchtlichen Erfolg“ bei der Zerstörung von Abschussgeräten.
Die „New York Times“ und die BBC verweisen unter Berufung auf Satellitenbilder auf zahlreiche angegriffene Raketenstellungen: darunter in und um Teheran, bei Isfahan in Zentraliran, bei Minab im Süden des Landes, bei Kermanschah im Westen oder bei Täbris im Nordwesten. Aufnahmen zeigen auch zerstörte Gebäude auf dem Khorgo-Raketenstützpunkt in der südiranischen Provinz Hormozgan. Die israelische Denkfabrik Alma Research and Education Center bestätigt schwere Schäden an vielen dieser Standorte. Auch eine Anlage im südwestlichen Schiras soll getroffen worden sein.
Viele iranische Raketen befanden sich in gut geschützten unterirdischen Anlagen. Um diese zu treffen, griff das amerikanische Militär nach eigenen Angaben auf die berüchtigten strategischen Bomber des Typs Northrop B-2 zurück, die es bereits im Zwölftagekrieg gegen iranische Atomanlagen einsetzte. Dieses Mal wurden mit ihnen auch „gehärtete ballistische Raketenanlagen“ attackiert, wie das US-Zentralkommando für den Nahen Osten mitteilte – mit rund 900 Kilogramm schweren Bomben.
Bei diesen soll es sich um die hochexplosiven BLU-109 gehandelt haben, die knapp zwei Meter dicken Stahlbeton durchdringen können. Generalstabschef Caine erklärte, dass die B-2 ähnlich wie im Zwölftagekrieg einen siebenunddreißigstündigen Rundflug vom amerikanischen Festland unternahmen und Ziele entlang der Südflanke und etwas weiter im Landesinneren bombardierten.
Auch iranische Atomanlagen sind wieder im Visier der Amerikaner oder Israelis, auch wenn sie offenbar nicht im Fokus der Angriffe stehen. Satellitenbilder zeigen, dass abermals Einrichtungen bei Natans attackiert wurden. Die Internationale Atomenergiebehörde (IAEA) bestätigte Schäden am Eingang der unterirdischen Urananreicherungsanlage. Sie stellte jedoch keine zusätzlichen Auswirkungen fest, die über die „schweren“ Schäden aus dem Zwölftagekrieg hinausgingen.
Trump hatte das Thema damals eigentlich für erledigt erklärt. Nun sagte er, dass Teheran versuche, sein Nuklearprogramm wiederaufzubauen. Laut dem „Wall Street Journal“ ist Iran einer Atomwaffe seit dem letzten Krieg aber nicht wesentlich näher gekommen.
Zwar dürfte Teheran seine Fähigkeiten zur Entwicklung aufgrund seiner Vorräte an hoch und sehr hoch angereichertem Uran nicht gänzlich verloren haben. Aber auch IAEA-Chef Rafael Grossi, der deswegen seine „ernsthaften Sorgen“ zum Ausdruck brachte, sieht dennoch keine Beweise, dass Iran eine Atombombe baut.
