
Ein Rückblick zuvor. Zeitgeschichtlich, politisch höchst bedeutsam. Kubakrise, Oktober 1962. In Moskau begann Nikita Chruschtschow, die Insel unweit von Florida unter Führung seines Polit-Satrapen Fidel Castro atomar aufzurüsten. Die „balance of power“, ohnehin fragil nach 1945 im Kalten Krieg zwischen den beiden Weltblöcken Amerika und Sowjetunion, zwischen dem freien Westen und dem kommunistischen Osten, drohte sich in Richtung Moskauer Übergewicht zu verändern. Mit einer massiven Seeblockade gebot John F. Kennedy dem aggressiven Treiben Moskaus Einhalt. Chruschtschow lenkte schließlich ein (im Gegenzug gab Amerika in der Türkei nach). Die Gefahr eines Atomkriegs war gebannt. Nicht zuletzt wegen der besonnenen Politik des amerikanischen Präsidenten.
Gerade einmal acht Monate später besuchte Kennedy während seiner Europareise Deutschland. Triumphaler hätte sein Aufenthalt in Frankfurt am 25. Juni 1963 für ihn kaum sein können. Die Begeisterung, der Enthusiasmus für den Friedenspräsidenten schien grenzenlos. Als er am frühen Nachmittag in einem Autokonvoi vom damaligen amerikanischen Fliegerhorst Langendiebach bei Hanau kommend am Römerberg eintraf, harrten auf dem weiten Areal der kriegszerstörten Altstadt und in den umliegenden Straßen etwa hunderttausend Bürger des mächtigen Lenkers der freien Welt. Unter dem großen Weihegeläut der Glocken des Kaiserdoms. Von jubilierend-gewaltigen „Hurra!“- und „Kennedy!“- Chorwogen begleitet.
Freundliche Worte über Frankfurt
Der Präsident hält kurz inne, als er vor dem Römer, von Polizei schwer bewacht, aussteigt, winkt in die begeistert-tobende Menge, lächelt sein charmantes Kennedy-Lächeln. Empfang im Kaisersaal. An der Seite von Oberbürgermeister Werner Bockelmann, begleitet von Vizekanzler Ludwig Erhard, Ministerpräsident Georg-August Zinn, den Außenministern Dean Rusk und Gerhard Schröder betritt Kennedy gemeinsam mit Repräsentanten aus Stadt und Land den historischen Raum mit den Gemälden der Könige und Kaiser aus einstiger Reichsgeschichte.
Als Gastgeschenk überreicht der Oberbürgermeister dem Präsidenten das Faksimile einer Grußadresse amerikanischer Bürger deutscher Abstammung an die Nationalversammlung von 1848 in der Paulskirche. Kennedy betrachtet das Schreiben eine Weile mit großer Aufmerksamkeit, bedankt sich mit freundlichen Worten. In dem Geschenk sehe er den Beweis für die große Sympathie, die die Vereinigten Staaten dem Ringen der Paulskirche für bürgerliche Freiheitsrechte habe zuteilwerden lassen. Unter dem Bildnis Karls des Großen trägt er sich ins Goldene Buch der Stadt Frankfurt ein.
Zunächst war es gar nicht eingeplant. Dann sollte der Präsident kurz vom Römer-Balkon aus reden. Kennedy lehnte das ab. Er wollte nicht „von oben“ mit den Menschen Kontakt aufnehmen. Nun tritt er, neben sich den Dolmetscher, an ein Rednerpult vor dem Rathaus – auf gleichem Niveau. Frenetischer Jubel.
„Enge Freundschaft zwischen unseren Völkern“
Der Präsident dankt rhetorisch versiert für den überschwänglichen Empfang. Stolz sei er, in dieser großen deutschen Stadt zu sein. Nicht zum ersten Mal. Er berichtet von seinem Besuch 1948, gerade Mitglied des amerikanischen Kongresses geworden. Er erinnert an das Bild der Kriegszerstörungen, das er damals sah, hebt achtungsvoll hervor, was nach 15 Jahren „die Bürger alles geleistet haben“, um Frankfurt „zu einem so vitalen Zentrum des neuen, freien Deutschlands“ zu machen. Dankbarer Beifall. An die vielen Frankfurter erinnert er, die vor einem Jahrhundert, vom Wunsch nach politischer Freiheit getragen, nach Amerika ausgewandert waren. Kennedy beschwört „die enge Freundschaft zwischen unseren Völkern“, mahnt, „dass wir unsere Verpflichtung gegenüber der Freiheit weiterhin gemeinsam in die Tat umsetzen“. Und: „Wir alle wissen nicht, was für Stürme uns in den kommenden Zeiten bevorstehen, aber wir alle können fest darin sein, dass wir an Gott glauben. Und wir müssen bereit sein. Thank you very much – danke schön!“
Unter Jubelrufen geht Kennedy auf die Menschenmenge hinter der Absperrung zu, ignoriert die Panik der Sicherheitsleute, schüttelt Hände über Hände, die sich ihm entgegenstrecken, spricht hier und da einige Worte, lächelt sein vertraut-entspanntes Lächeln auf dem kurzen Wegstück zur Paulskirche.
Mit der gewaltigen historischen, staatspolitischen Bedeutung der Frankfurter Paulskirche ist der amerikanische Präsident vertraut. Er weiß sie zu Beginn seiner Ausführungen, einer großen, gedanklich weittragenden Grundsatzrede, anknüpfend an das Vermächtnis dieses Gebäudes, hervorzuheben. Von einem „Parlament der erlauchtesten Geister Deutschlands“ spricht er, das vor 115 Jahren hier tagte. Keine parlamentarische Versammlung, frei gewählt, hat nach Kennedys Worten jemals größere Anstrengungen unternommen, etwas Vollkommenes ins Werk zu setzen. „Und keine Nation spendete seiner Arbeit wärmeren Beifall als meine eigene.“ Wenn auch letzten Endes gescheitert, könne kein anderes Gebäude begründeten Anspruch auf den Ehrentitel „Wiege der deutschen Demokratie“ erheben.
„Friede und Freiheit für alle Menschen“
Kennedy schlägt den Bogen zur Gegenwart, ins Zeitalter des, wie er sagt, Internationalismus, nicht mehr des Nationalismus. „Wir haben es mit Weltproblemen zu tun – und unsere beiden Länder und Kontinente sind hinsichtlich der Aufgaben des Friedens wie des Krieges unauflöslich miteinander verbunden.“ Und: „Unsere Rollen sind verschieden, doch sie ergänzen einander, und unsere Ziele sind die gleichen – Friede und Freiheit für alle Menschen, für alle Zeiten, in einer Welt des Überflusses und der Gerechtigkeit.“
Die Zukunft des Westens beruht nach den Worten des Präsidenten auf der atlantischen Partnerschaft – einem System der Zusammenarbeit, der wechselseitigen Abhängigkeit und der Übereinstimmung zwischen Völkern, die ihre Lasten gemeinsam trügen. Befürchtungen, Amerika werde die Verpflichtungen „gegenüber der gemeinsamen Freiheit und Sicherheit“ nicht erfüllen, tritt Kennedy entgegen. Er hebt die „grundlegende Tatsache“ hervor, diese atlantische Politik wurzele „tief im eigenen amerikanischen Interesse“.
Der Präsident fügt die Feststellung hinzu: „Unsere Verpflichtung gegenüber Europa ist unerlässlich – in unserem eigenen wie in Ihrem Interesse.“ Denn: „Eine Bedrohung der Freiheit Europas ist eine Bedrohung der Freiheit Amerikas.“ Deshalb könne keine Regierung in Washington eine solche Drohung unbeantwortet lassen, „das ist nicht nur eine Frage des guten Willens, sondern eine Notwendigkeit“. Partnerschaft sei kein Zustand, sondern ein fortlaufender Prozess sowohl auf den militärischen, den wirtschaftlichen wie auch den politischen Gebieten.
Gegen Schutzwälle zwischen den Volkswirtschaften
Zur atlantischen Gemeinschaft mit dem Ziel der Sicherung der gemeinsamen Verteidigung hält Kennedy fest: „Wer diese unsere Verpflichtung in Zweifel zieht oder ihre Unteilbarkeit leugnet, wer einen Keil zwischen Europa und Amerika treiben oder die Verbündeten einander entfremden möchte, der unterstützt und stärkt damit nur jene Leute, die sich selbst als unsere Gegner betrachten und denen jede Verwirrung des Westens willkommen ist.“ Welch hohes intellektuell-politisches Niveau gemessen an dem seines aktuellen, politisch irrlichternden Amtsnachfolgers!
Thema „Wirtschaft“. Der Präsident gibt grundsätzlich zu, dass jedes Land selbstverständlich seine eigenen Interessen im Auge habe. Indes muss es seiner Überzeugung nach den Blick auch auf die gemeinsamen Interessen richten, auf die Notwendigkeit, die Märkte auf beiden Seiten des Atlantiks auszuweiten, auf die Notwendigkeit, die atlantischen Volkswirtschaften auf ein höheres Produktionsniveau zu bringen, „statt sie durch höhere Schutzwälle zu ersticken“.
Kennedy greift rhetorisch rund 2400 Jahre zurück, bemüht den Historiker Thukydides, um im Blick schon auf die Geschichte des antiken Griechenlands zu mahnen, dass Uneinigkeit und Ermüdung die großen Gefahren seien, die einem Bündnis drohten. Zurück zur Gegenwart, zur atlantischen Partnerschaft, gegründet auf dem Fundament gemeinsamer Werte und politischer Zielsetzung. Mit einer aufrüttelnden Frage konfrontiert er das Plenum in der Paulskirche: „Wird sie, die im Augenblick höchster Gefahr geschmiedet wurde, in Selbstgefälligkeit zerfallen, weil jedes Mitglied seine eigenen Ziele zum Nachteil der gemeinsamen Sache verfolgt?“ Knapp und präzise seine Antwort: „Das darf nicht geschehen.“ Die alten Gefahren seien keineswegs ein für alle Mal gebannt, „und jede Spaltung in unseren Reihen könnte sie mit doppelter Macht wieder auf den Plan rufen“.
Ein geeintes Europa? Die Vision zu solch historisch großer Tat, die Bemühungen dazu greift der Präsident auf. Eine solche Union werde die entschlossene Unterstützung der Vereinigten Staaten finden. Sie sei, so Kennedy, ein notwendiger Schritt für die Stärkung der Gemeinschaft der Freiheit. Und wörtlich: „Wenn Sie, unbeeindruckt durch Schwierigkeiten oder Verzögerungen, dieses große Werk fortsetzen, sollen Sie wissen, dass die Vereinigten Staaten von Amerika in dieser neuen Größe Europas keinen Anlass zur Furcht, sondern einen Quell der Stärke sehen.“ Und weiter: „Wir alle hier im Westen müssen treu zu unserer Überzeugung stehen, dass der Friede in Europa nie vollständig sein kann, solange nicht überall in Europa die Menschen in Frieden und Freiheit darüber befinden können, wie ihre Länder regiert werden sollen und – ohne Bedrohung irgendeines Nachbars – die Wiedervereinigung mit ihren Landsleuten erwählen können.“ Als, wie er sagt, feste Überzeugung fügt er den „Grundsatz“ hinzu, „dass alle Menschen frei sein sollen und alle freien Menschen Anspruch auf Entscheidungsfreiheit haben“.
Hoffnung auf ein geeintes Europa
Er spricht von der „Mission“, eine neue Gesellschaftsordnung zu schaffen, die auf Freiheit und Gerechtigkeit fuße, in der der Staat der Diener seiner Bürger sei. Ein sehr idealistischer staatspolitischer Denkansatz. Der amerikanische Präsident verhehlt es nicht. Kurz hält er inne. Als sinniere er noch einmal darüber, über die verschlungenen, gar nicht so selten irrationalen Wege politischer Entscheidungsfindung. Doch dann, als habe er sich selbst vergewissert, resümiert er: „Insofern sind wir alle Idealisten. Insofern sind wir alle Visionäre.“
Eine weitblickende Rede des amerikanischen Präsidenten. Am 25. Juni 1963. Gehalten an einem Ort, der besser nicht hätte geeignet sein können für solch ein gewaltiges geistespolitisches, historisches Gedankengebäude. In der Paulskirche zu Frankfurt am Main, dem Haus der demokratischen Freiheitsbewegung von 1848. Ein Vermächtnis. Politisch aktueller vielleicht denn je.
Fünf Monate später, am 22. November 1963, fiel der amerikanische Demokrat John F. Kennedy in Dallas, Texas, einem Attentat zum Opfer.
