Tove Ditlevsen starb am 7. März 1976 durch Suizid in Kopenhagen. Die 1917 geborene Schriftstellerin hat in unserem Nachbarland längst Kultstatus; sie wurde nach ihrem Tod zu einer zentralen Figur der dänischen Gegenwartsliteratur. Von einer „monumentalen Autorin“ spricht Patti Smith. Ditlevsen war umfassend produktiv als Autorin von Prosa wie Lyrik; das Werk ist gekennzeichnet nicht nur durch eine weitgehende, sondern umfassende Autofiktion. Ditlevsen prägte diese Schreibhaltung in der dänischen Gegenwartsliteratur.
Mit der von der Übersetzerin Ursel Allenstein sorgfältig und behutsam komponierten Auswahl von Gedichten der Autorin aus den Jahren 1939 bis 1978 (in jenem Jahr erschien ein postumer Gedichtband) erschließt sich nun auf Deutsch das gesamte lyrische Werk von Ditlevsen. Den Titel des Buchs liefert der erste Vers eines Gedichts von 1955. Herkunft und Zukunft sind die Bogenpunkte, mit denen die Themen der Gedichte vermessen werden können. Es geht um die Beschreibung der Herkunft aus armen, sozial vollkommen unterprivilegierten Verhältnissen, es geht um die Utopien der heranwachsenden jungen Frau, die dieses Milieu verlassen möchte und für dieses Vorhaben die Notwendigkeit einer Entscheidung für die Kunst oder für eine Ehe ausmacht.

„Wenn in der langen Nacht Deiner Kindheit / die Erinnerung ihre Spuren zieht / brennen kleine blinkende Lichter, / vor denen das Herz fröstelnd flieht. / . . . / Und manchmal gesellt sich jemand zu Dir / ohne dir wirklich nah zu sein / – du hast dich den Lichtern verschrieben, / bleibst fern in ihrem Schein“, heißt es im Gedicht „Blinkende Lichter“ (1947). Das Entkommen nimmt vielerlei Gestalt an, so in „Kindheit“ von 1961; „Das Bild eines Kindes zog an ihren Augen vorüber, / in seinem Rahmen führte es ein leises Leben, / brav lächelnd, als wüsste es ständig, wüsste erschöpft, / wie sie es sich wünschten: verhalten und ergeben.“ Nicht zum ersten Mal in der Literaturgeschichte wird der Widerspruch formuliert zwischen dem unbedingten Willen der Eltern, ein Kind zu formen, und dem unbedingten Willen von dann als schwierig bezeichneten Kindern, sich nicht formen zu lassen, sondern eine eigene Form für sich zu finden. Doch Ditlevsen entwickelt dafür einen lyrischen Sog, der in ihrer Zeit neu ist.
Dessen Entwicklung ist zurückzuführen auf ihre sehr souveräne Beherrschung der lyrischen Mittel, hier: gesangsichere Reime und derart gefügte Strophen, freie Rhythmen, die an Suggestivprosa erinnern. Es hat den überzeugenden Anschein, diese Dichterin könne sich aus einem unendlich großen Vorrat dieser lyrischen Mittel verschwenderisch bedienen. Diese Souveränität hat wohl ihren Grund in Ditlevsens in und während der Adoleszenz breit und tief verankerten Liebe zum Kirchenlied. Sie erwarb diese Liebe in der Mittelschule des Arbeiterviertels Vesterbro, in dem sie aufwuchs. Das Kirchenlied ließ sie ihr Leben lang nicht los. Andere Einflüsse lieferten die vom sozialdemokratischen Vater geliebten Arbeiterlieder und die Gassenhauer auf den Straßen des damals noch ziemlich verrufenen Viertels, aus dem sie kam.
Tiefe Musikalität
Das verbindet sich im lyrischen Werk – in Allensteins Auswahl bestens nachzuvollziehen – zu einem eigenen Ton, einem spezifischen Sound, der, egal ob auf metrisch streng gebaute Reimverse oder freie Rhythmen gestützt, sofort zu sich zieht, zu einem „Ah ja, so isses“. Wie etwa in „Scheidung“ von 1969: „Die Wohnung gehöre ihm, / sagte er / denn im Vertrag stehe sein Name. / Das Problem war, dass er sie liebte / . . . / Sie liebte einen anderen / dessen Frau / Anspruch auf die Hälfte / von allem erhob.“ Man könnte viele dieser Gedichte als ungeheuer präzise Kurzfassungen von Trauer über die Läufe des Lebens und darüber, was mit ihnen zusammenhängt, auffassen. Doch sind diese Kurzfassungen von tiefer Musikalität durchzogen und geben Zeugnis davon, was musikalisch-metrisch gebundene Sprache vermag, damit die Dinge eine Form bekommen und erkennbar werden.
Leslie Meier alias Peter Rühmkorf schrieb im Jahr 1956: „Wenn es für Lyrik ein unentäußerbares Gesetz gibt, es heißt: Konzentration, Kondensation. Intensität; im Gedicht muß in jeder Zeile etwas passieren, Formales, es geht darum, Energie zu akkumulieren, sprachliche Spannungen zu erzeugen, Elektrizität zu ballen, der Lyriker muß mit vier Zeilen einen Mann umlegen können; wer sich nicht zusammennehmen kann, soll Romane schreiben, für die Lyrik taugt er nicht.“ Die Lyrikerin Tove Ditlevsen kann das. Gut, dass dieser ebenso schön wie schlau übersetzte Querschnitt ihres lyrischen Werks jetzt auf Deutsch vorliegt.
Tove Ditlevsen: „Da wohnt ein junges Mädchen in mir, das nicht sterben will“. Gedichte. Aus dem Dänischen übersetzt und herausgegeben von Ursel Allenstein. Aufbau Verlag, Berlin 2026. 188 S., geb., 24,– €.
