Atlético Madrid gegen Tottenham Hotspur, für beide Mannschaften ein bedeutungsvoller Champions-League-Abend ohne klaren Favoriten. Nach 16 Minuten ist das Spiel dennoch bereits entschieden. Es steht 3:0 für Atlético durch schwere Fehler in der Verteidigung der Spurs. Zwei davon machte Antonín Kinský, der 23 Jahre alte Torhüter, der überraschend den Vorzug vor dem Stammtorhüter Guglielmo Vicario erhalten hatte. In der 17. Minute revidiert Tottenham-Trainer Igor Tudor seine Personalentscheidung und nimmt Kinský vom Platz.
Was folgte, war in seiner Vorhersehbarkeit fast erschreckend: Die Schlagzeilen und Kommentatoren beschrien eine „zerstörte Karriere“. Erzählten von einer Demütigung, von einem Trainer, der einen jungen Menschen geopfert habe.

Ich war auch Torhüterin. Ich wurde in meiner Karriere nie ausgewechselt – auch nicht in meinem letzten Spiel, einem DFB-Pokalfinale in Berlin, das wir 2:6 verloren haben. Nach 18 Minuten stand es 0:3. Ich hatte noch keinen Ball gehalten, aber schon drei aus dem Netz geholt. Auf dem Platz blieb ich trotzdem, und ich war dankbar dafür. Am Anfang meiner Karriere hätte ich das womöglich anders empfunden – eine Auswechslung wäre an einem Tag, an dem die Hände mit jedem vermeidbaren Gegentor weniger zupackend wurden, vielleicht sogar eine Erlösung gewesen. In diesem finalen Endspiel war der Wunsch größer, es würdevoll zu beenden.
Wer die Bilder aus Madrid gesehen hat, muss nicht Torhüterin gewesen sein, um Mitgefühl für einen Torwart zu empfinden, der nach dem ersten Fehler mit sich haderte, und dem dann sichtbar die Sicherheit fehlte.
Trainer Tudor hätte Verantwortung übernehmen müssen
Tudor hat Kinský für dieses Spiel aufgestellt. Er beschriebt es selbst als einen gesetzten Akzent, als Reaktion auf fünf Niederlagen in der Premier League. Er hat einem jungen Torhüter ohne Spielpraxis Vertrauen gegeben und ist damit ein Risiko eingegangen. Als diese Entscheidung sich als falsch erwies, korrigierte er sie. Das ist sein gutes Recht. Was fehlte, war eine unmittelbare Reaktion, die seinen Spieler schützte und die Verantwortung für seine eigene Fehleinschätzung übernahm.
Das erinnert an einen anderen Fußballabend, der Torwartherzen gebrochen hat: Das Champions-League-Finale 2018 zwischen Real Madrid und dem FC Liverpool. Loris Karius entschied das Spiel mit zwei fatalen Fehlern für den Gegner, Real Madrid gewann 3:1. Es war ein Abend, der seine Karriere beeinflusst und in Untiefen geführt, aber den Menschen nicht gebrochen hat, wie seine starken Leistungen bei Schalke 04 heute zeigen. Er hatte allerdings das Glück, eine Führungskraft zu haben, die auch im Moment einer tragischen Niederlage die Verantwortung für den Menschen im Vordergrund sah. Jürgen Klopp nahm Karius öffentlich in Schutz, umarmte ihn demonstrativ und bedeutete damit: Das ist mein Spieler, wir gehören auch in diesem Moment zusammen.
Diese Geste hat nichts am Ergebnis geändert. Aber sie hat gezeigt, was Führung in solchen Momenten bedeutet: Nicht die Gemeinschaft gegen den Einzelnen auszuspielen, sondern beides zusammenzuhalten. Tudor hat das nicht getan.
Die Position des Torwarts ist einzigartig
Auswechslungen gehören zum Fußball dazu. Feldspieler werden aus taktischen Gründen ausgetauscht, auch sie empfinden das mitunter als Kränkung. Die Position des Torwarts ist anders – einzigartig und anders aufgeladen. Wer den Torwart auswechselt, greift nicht nur eine Person an, sondern eine Ordnung. Es gibt gute Gründe, diese vulnerable Position mit Vertrauen zu stärken. Dort, wo die Fehler am schwerwiegendsten und am sichtbarsten sind, ist Sicherheit die wichtigste Ausstattung.
Und doch muss es möglich sein, auch einen Torwart an einem gebrauchten Tag auszutauschen, um ihn oder das Spiel zu schützen. Ohne daraus ein Drama zu machen oder einen Abgesang zu singen, sondern um zu ermöglichen, das nächste Spiel wieder in gewohnter Verfasstheit zu beginnen. Führungskräfte, die nicht nur das Spiel, sondern auch die Menschen beurteilen können, erkennen, wann Schutz einen Wechsel bedeutet und wann der Spieler auf dem Feld bleiben muss.
Was Kinský in Madrid erlebt hat, wird er verarbeiten
Selbstverständlich ist ein Wettkampf kein „Safe Space“. Der Sport ist einer der letzten gesellschaftlichen Räume, in denen Leistung unmittelbar sichtbar ist, in denen Gewinnen und Verlieren real sind. Das ist, was so viele Menschen daran fasziniert und begeistert. Dass die großen Siege nur durch lehrreiche Niederlagen möglich werden, ist die Geschichte aller großen Athletinnen und Athleten. Deshalb sollten wir uns bewusst machen, dass es genau das ist – das publikumsbegleitete Wachstum, das Leiden –, das uns mit ihnen verbindet. Das würde auch den Sportlerinnen und Sportlern helfen, sich vom Druck der permanenten Perfektion zu befreien, die oft so schwer auf der Spielfreude lastet.
Ich habe als Torhüterin Fehler gemacht, die Spiele gekostet, die mich Tage und Nächte geplagt haben. Es war furchtbar, die Niederlagen meiner Mannschaft, die Enttäuschungen meiner Mitspielerinnen verursacht zu haben. Und doch haben mich diese Erfahrungen geprägt und irgendwie prädestiniert für alles, was danach kam. Im Sport und im Beruf.
Was Kinský in Madrid erlebt hat, wird er verarbeiten. Entscheidend dabei ist nicht nur der Spieler selbst und seine psychische Stärke, sondern auch die Einordnungskompetenz der Verantwortlichen und der Medien.
Was Kinský dabei nicht hilft, sind Schlagzeilen, die aus seiner Auswechslung eine Katastrophe machen. Experten und die Medien, die von zerstörten Karrieren sprechen, erzeugen erst, was sie beschreiben. Aus einem normalen Vorgang im Sport wird ein Trauma – nicht durch den Vorgang selbst, sondern durch seine Deutung. Das hat Konsequenzen: für Kinský, aber auch für jeden jungen Torwart, der diese Schlagzeilen liest und lernt, dass ein verkorkstes Spiel das Ende bedeuten kann.
Antonín Kinský ist ein junger Sportler, dem herausragendes Talent bescheinigt wird, der es geschafft hat, in der besten Liga Europas zu spielen und in der Champions League auf dem Platz zu stehen. Die Betrachtung seiner bisherigen Leistung, das Versprechen einer großen Karriere sind so viel umfassender als diese misslichen 16 Minuten in Madrid.
