Wenn man erst einmal an den Dackeln Ludwig und Liesel vorbeigekommen ist, reihen sich die Gewächshäuser hinter dem Haus in der Oberräder Tellersiedlung. Die Kräuter für die Grüne Soße sprießen schon, es ist das erste Geld, das die Familiengärtnerei Jung im Jahr verdient. Bekannt ist Heidi Jung aber für etwas anderes, und das befindet sich gleich im ersten Gewächshaus ganz vorn. „Meine Schatzkammer“, sagt Jung.
Heidi Jung ist auf dem Offenbacher Wochenmarkt als „Tomaten-Heidi“ berühmt. Die Tomaten, die man bei ihr bekommt, sind klein oder groß, rund, länglich oder geriffelt, grün, gelb, rot oder schwarz, einfarbig oder geflammt. Sie tragen Namen wie „Siberian Panther“, „Costoluto Fiorentino“ oder „Buffalo Beefsteak“. Einige der etwa 130 Sorten sind uralt, andere sind Liebhaberzüchtungen aus aller Welt. Wer sich einmal in die Welt der Tomatenvielfalt begeben hat, findet so schnell nicht mehr heraus, und so geht es auch Heidi Jung.
Am 1. März wurden die Samen in die Erde gebracht, 30 bis 50 Samen je Sorte in Styroporkisten, die meisten haben jetzt schon gekeimt. Nur ein paar Diven lassen sich noch Zeit, „Sun Green“ und „Bull’s Heart“ wollen noch nicht recht. Im April und Mai werden Jungpflanzen auf dem Markt verkauft, Tomaten gibt es erst Anfang Juli. So mancher Hobbygärtner sät schon früher ein, aber das sei Unsinn, findet Jung. Tomaten brauchen nicht nur Wärme – im Gewächshaus sind es konstant 20 Grad –, sondern auch Licht. Stellt man die Jungpflanzen an die Fensterbank, schießen sie. Wer jetzt noch säen will, kann das also getrost noch tun. Ein günstiges Zimmergewächshaus reicht dabei vollkommen aus. „Tomate ist kein Hexenwerk“, sagt Heidi Jung. Das könne jeder mit Balkon.

Wenn man es mit sortenechten Tomaten zu tun hat, kann man den Früchten selbst Samen entnehmen. Jung streicht sie auf Küchenpapier, auch Kaffeefilter sind gut geeignet. Die Samen trocknen fest und lassen sich über Winter aufbewahren. Man kann sie abknibbeln, aber Jung legt das Küchenpapier einfach direkt auf die Erde. Bei vielen modernen Sorten, auch bei den üblichen Supermarktsorten, handelt es sich allerdings um sogenannte F1-Hybriden, das steht in der Regel auch auf der Samenpackung. Hier ist nicht gewährleistet, dass die Nachkommen die gleichen genetischen Eigenschaften tragen wie die Elternpflanze, man bekommt also irgendeine Tomate mit unbestimmten Merkmalen.
Auch bei der Gärtnerei Jung tun solche Hybridsorten ihren Job. „Das sind unsere Rennpferde“, sagt Tochter Julia, die das Geschäft zusammen mit ihrer Mutter führt. Die brächten richtig Leistung, bis zu 25 Kilo je Pflanze. Die alten Sorten schaffen das nicht. Sogar veredelte Sorten gibt es, da werden die winzigen Pflänzchen auf eine Unterlage gepfropft. „Das ist eine richtige OP“, sagt Heidi Jung.
Für den Hausgebrauch reichen ein paar Tütchen mit samenechten Sorten. Sind die Pflänzchen gekeimt, auch die Diven, dann regelt Jung das Gewächshaus auf 15 Grad herunter. Eine Woche lang werden die Jungpflanzen vereinzelt, alle bekommen einen eigenen Zehn-Zentimeter-Plastiktopf, dann steht das ganze Gewächshaus voll. Und zum ersten Mal sehen die Pflanzen eine winzige Dosis Dünger. „Da geht mir das Herz auf“, sagt Heidi Jung. Inzwischen hat sie ein weiteres Gewächshaus gemietet, damit alle Pflänzchen ihren Platz haben.

Jungs Tomatenbegeisterung begann im Jahr 2008, als sie das erste Mal im Internet auf die Vielfalt der Tomatensorten stieß. Sie beschloss, sich mit ihrer kleinen Gärtnerei auf Tomaten zu konzentrieren, aber leicht war das nicht. In den ersten beiden Jahren habe sie mehr weggeworfen als verkauft, kein Mensch habe ihre bunten Früchte gewollt, „eine Tomate musste rot sein“. Dann nahm sie aus Spaß an der HR-Sendung „Lecker essen“ teil, das war gute Werbung. Von 2011 an öffnete sie ihre Gewächshäuser regelmäßig für ein Tomatenfest, damit sich die Kunden überzeugen konnten, dass sie wirklich alles selbst anbaute.
Inzwischen hat sich bei den Verbrauchern einiges getan, die bunten Tomaten sind begehrt. Aber sie sind nicht so druckfest wie die Supermarktsorten, die für den Transport gezüchtet sind. „Der Profi kommt mit Korb oder Tupperschüssel“, rät Heidi Jung, auch Luftpolsterfolie oder Handtuch helfen, die kostbare Fracht sicher nach Hause zu bringen. Anfassen darf die Tomaten am Stand daher auch niemand, es herrscht absolutes Selbstbedienungsverbot, das streng durchgesetzt wird. Man kann nach Sorten kaufen oder eine gemischte Tüte.
Die häufigsten Fehler beim Tomatenzüchten
Wenn man zu Hause seine Tomatenpflänzchen herangezogen oder gekauft hat, womöglich die Sonne scheint und das Wetter mitspielt, so gibt es dennoch einige Fehler, die viele Gärtner machen. Fehler Nummer eins: zu viel gießen. Heidi Jung wässert dreimal die Woche, und niemals abends. Schon in ihrer Ausbildung habe sie gelernt, dass eine Pflanze gern mit trockenen Füßen in die Nacht möchte. Auch wenn die Blätter noch so hängen. Erst dann, wenn morgens immer noch alles hängt, wird gegossen. Pflanzt man in Kübel, gehören keine Untersetzer darunter. Und der Boden kann mit Stroh, Grasschnitt oder Tomatenblättern abgedeckt werden, damit er das Wasser besser hält. Nur kein Rindenmulch, warnt Tochter Julia, der sei zu sauer.
Fehler Nummer zwei: wuchern lassen. Tomatenpflanzen bilden gern viele Blätter und Nebentriebe. Etwa 15 bis 18 Blätter werden benötigt, der Rest kann von unten her entfernt werden, für Nebentriebe gilt dies sowieso. Das sei viel Arbeit, gibt Jung zu, aber ihr mache das nichts aus, „das ist für mich wie Meditation, da denke ich über das Leben nach.“
Fehler Nummer drei: Überdüngen. In die Erde komme kein Blaukorn oder Ähnliches, sondern maximal Hornspäne. Am allerbesten sei Brennnesseljauche, einmal wöchentlich. Gegen die Blütenendfäule, braune Stellen an der Unterseite der Tomate, helfe es, einmal die Woche mit einem Liter Milch auf zehn Liter Wasser zu gießen, das bringe das benötigte Kalzium. Buttermilch geht auch, H-Milch aber nicht. Und wer zu viel gießt, schwemmt alle Nährstoffe wieder aus.
Wer sich selbst auf dem Balkon versuchen will, der kann eine Buschtomate pflanzen. Die bleibt klein, die Ernte ist ebenso überschaubar. Oder, ergänzt Julia Jung, man zieht eine kletternde Tomate am Geländer entlang. Man kann sogar einfach einen Sack mit Erde auf den Boden legen, einschneiden und den bepflanzen. Aber auf keinen Fall zu früh. Und die Pflänzchen müssen ordentlich abgehärtet sein. Bei der Gärtnerei Jung sind sie das, die hochgemästeten Tomaten aus dem Baumarkt eher nicht.
Und dann kommt noch die Bestäubung. In der Gärtnerei tut ein Hummelvolk seinen Dienst, man kann die Pflanzen aber auch regelmäßig schütteln. Und wer als Kleingärtner ein Gewächshaus hat, setzt am besten ein paar Borretschpflanzen dazu, dann kommen die wilden Hummeln ganz von allein.

Tomaten können zu einer wahren Sammelleidenschaft führen. Jung zeigt auf einen Kasten mit Keimlingen, die habe sie „Santanyi“ genannt, nach ihrem Urlaubsort auf Mallorca. Bei einem Bauern habe sie die große, saftige Tomate entdeckt, die Kerne entfernt und dann gegessen, mit Pfeffer und Olivenöl, gern auch mit etwas Puderzucker, das bringt das Aroma gut heraus. Salz gehört ihrer Meinung nach nicht auf die Tomate. Dahingehend habe sie schon etliche Kunden bekehrt.
Manchmal bringen ihr die Kunden auch Tomatensorten aus dem Urlaub mit. So kam sie zu dem „Ei von Phuket“. In mehreren Töpfen keimen französische Tomaten, auch ein Mitbringsel, lauter grüne Sorten, die haben es ihr besonders angetan. Zum Beispiel die „Ananori“, eine grüne Fleischtomate mit sehr ausgeglichener Säure. „Schmeckt wie Samt“, sagt Julia Jung. Die Sorte „Marmande“ gibt es in Rot oder Grün. Schön groß und fleischig dürfen sie sein, auch wenn die Kunden oft kleine, feste Sorten verlangen, weil sie es nicht anders kennen. Aber auch die werden schon noch auf den Geschmack kommen.
