
„Der Schrecken aller Mittelständler“ oder „mutmaßlicher Firmenschlachter“ – über Michael Flacks gibt es in der Presse so einige, wenig schmeichelhafte Titel zu lesen. Der Chef des amerikanischen Investmentfonds Flacks Group ist darauf spezialisiert, marode Unternehmen aufzukaufen, die am Abgrund stehen. Oft kommt er ins Spiel, wenn es ansonsten keine Chance mehr gibt. Jetzt macht Flacks von sich reden, weil er sagt, er sei an der kränkelnden Stahlsparte des Industriekonzerns Thyssenkrupp interessiert.
Thyssenkrupp Steel verharrt seit Langem in der Krise, schon mehrere Versuche des Mutterkonzerns, die verlustträchtige Tochtergesellschaft loszuwerden, sind fehlgeschlagen. Seit vergangenem Herbst allerdings befindet sich Thyssenkrupp in Gesprächen über einen Verkauf der Stahltochtergesellschaft an den indischen Konzern Jindal Steel, der Konzern spricht von einem „konstruktiven Austausch“. Momentan läuft ein Due-Diligence-Prozess, das heißt, dass die Inder sich gerade die Bücher von Thyssenkrupp Steel genau ansehen. „Für den Fall, dass Thyssenkrupps Verhandlungen mit Jindal scheitern sollten, werde ich gerne Gespräche mit Thyssenkrupp beginnen“, sagte nun Investor Michael Flacks der F.A.Z. in einem Telefonat am Donnerstag. Deutscher Stahl sei „too big to fail“ – zu groß, um pleitezugehen.
Über Flacks’ in Miami ansässige Investmentgesellschaft ist jenseits ihrer kargen Internetseite wenig bekannt. Dort angegebene E-Mail-Adressen funktionieren teilweise nicht, Anrufe landen bei der immer gleichen Automatenstimme, bis irgendwann der Chef selbst ans Telefon geht. Ein Mann, um den sich viele unterschiedliche Erzählungen ranken. Eine davon: Der reiche Brite, der inzwischen in den USA lebt, sei ein rabiater Sanierer, der gleichwohl Not leidende Unternehmen aufpäppeln und profitabel betreiben wolle. Ein anderes Narrativ lautet, er sei lediglich darauf aus, negative Kaufpreise und staatliche Subventionen einzustreichen und seine Kaufobjekte dann pleitegehen zu lassen. Tatsache ist, dass Flacks zuletzt vor allem damit in den Schlagzeilen auftauchte, sich für marode Stahlwerke zu interessieren.
„Immer einen Plan B in der Tasche“
Flacks’ Äußerung zu Thyssenkrupp Steel fällt in eine Zeit, in der sich die Verhandlungen zwischen dem Thyssenkrupp-Mutterkonzern und der indischen Jindal Steel in die Länge ziehen. Die Thyssenkrupp AG, die noch im vergangenen Jahr die Chancen auf einen Deal mit den Indern mit 50:50 beziffert hatte, wollte zuletzt die Wahrscheinlichkeit für einen solchen Geschäftsabschluss nicht mehr kommentieren. Auf der Bilanzpressekonferenz im Dezember hatte Konzernchef Miguel López gesagt, im Falle des Scheiterns der Verhandlungen habe man „immer einen B in der Tasche“, er wollte sich aber nicht näher dazu äußern, wie ein solcher Plan B aussehen könnte.
Indes scheint es wenig wahrscheinlich, dass er das Interesse von Flacks gemeint haben könnte. Denn Flacks sagt selbst, dass er seine Gedankenspiele noch überhaupt nicht an Thyssenkrupp herangetragen habe. Und wen auch immer man im Umfeld von Thyssenkrupp fragt: Allen sind die angeblichen Absichten des Investors völlig unbekannt. Er habe seine Überlegungen bislang lediglich mit „den Banken“ diskutiert, sagt Flacks, über dessen Interesse an einer Thyssenkrupp-Steel-Übernahme als Erstes die Nachrichtenagentur Reuters berichtet hatte. Welche Banken? Dazu möchte er sich nicht äußern.
Überhaupt ist der Mann mit dem britischen Akzent reichlich wortkarg. Auf die Frage, welche Strategie sich mit seinem Grundsatzinteresse verbindet, sagt Flacks nur: „Die gleiche wie in Italien.“ Und deutet damit an, dass sein angebliches Interesse vielleicht einer ganz anderen Agenda folgt – und nicht unbedingt Thyssenkrupp in deren Zentrum steht.
Übernahmeverhandlungen für das Stahlwerk von ADI
Mit „Italien“ gemeint sind die exklusiven Übernahmeverhandlungen, welche die italienische Regierung Anfang des Jahres mit der Flacks Group für das Stahlwerk von Acciaierie d’Italia (ADI) in Taranto in der Region Apulien aufgenommen hat. ADI befindet sich in staatlicher Verwaltung, seitdem sich der internationale Stahlkonzern Arcelor Mittal im Jahr 2024 aus dem Unternehmen zurückgezogen hat. Eines haben ADI und Thyssenkrupp Steel gemeinsam: Auch für ADI hatte sich schon einmal die indische Jindal Steel interessiert. Jindal gab seine Ambitionen in Italien jedoch zuletzt wieder auf, um sich auf die Verhandlungen mit Thyssenkrupp Steel zu konzentrieren.
Flacks Interesse an Thyssenkrupp Steel könnte allerdings auch daher rühren, dass seine Übernahmeverhandlungen in Italien inzwischen nur noch an einem seidenen Faden hängen. Ende Februar ordnete ein Gericht in Mailand drastische Maßnahmen zum Schutz von Umwelt und der Gesundheit von Anwohnern an. Sollten diese nicht umgesetzt werden, müsste der wichtige Warmbereich des Stahlwerks am 24. August dieses Jahres geschlossen werden. Die Umweltschutzmaßnahmen gelten als sehr kostspielig und verkomplizieren die Übernahmeverhandlungen mit Flacks. Dieser sagte, dass er zunächst am Verhandlungstisch bleiben wolle, er prüfe nun die zu erwartenden Kosten, und forderte juristischen Schutz durch die Regierung.
Die Risiken gelten als hoch. Die verschärften Umweltauflagen betreffen vor allem die Schadstoffemissionen des Werks; in der zuvor geltenden Genehmigung waren für ihre Umsetzung mehrere Jahre vorgesehen, jetzt sind es weniger als sechs Monate. Mehrere tödliche Arbeitsunfälle in jüngerer Zeit in dem Stahlwerk überschatten die Verhandlungen ebenfalls. Die große Anlage arbeitet derzeit buchstäblich nur auf kleiner Flamme und ist hoch verschuldet.
EU will heimischer Stahlproduktion helfen
Nicht nur in Richtung Italien, auch in Richtung Großbritannien hat Flacks seine Fühler ausgestreckt, wie die Zeitung „Financial Times“ (FT) vor einigen Wochen berichtete. Dort sei er „sehr“ interessiert daran, „British Steel“ zu kaufen, einen der größten, aber auch ziemlich sanierungsbedürftigen Stahlproduzenten aus Scunthorpe in Nordengland. Michael Flacks Rahmengeschichte klingt auch hier wieder ganz ähnlich. British Steel sei „ein Werk von nationaler Wichtigkeit“, ließ er sich in der FT zitieren. „Ich sehe eine großartige Gelegenheit, während die meisten Leute diesen Sektor übersehen.“
Tatsächlich waren zuletzt – jedenfalls mit Blick auf Thyssenkrupp – Stimmen laut geworden, die forderten, nicht nur die Risiken, sondern auch die Chancen im Stahlgeschäft wieder stärker in den Blick zu nehmen. „Verkaufen Sie die Stahlsparte nicht unter Wert“, hatte etwa der Deka-Aktionärsvertreter Ingo Speich auf der Thyssenkrupp-Hauptversammlung, an López gewandt, gemahnt. Die EU-Kommission habe erkannt, dass die Stahlproduzenten hierzulande Unterstützung brauchten.
Damit spielte Speich auf geplante Handelsschutzregeln an, welche die hiesigen Unternehmen ein Stück weit vor asiatischen Dumping-Preisen bewahren sollen. „Aufgrund der angedachten ,Safeguards‘ und der CO₂-Besteuerung ist davon auszugehen, dass der Wettbewerbsdruck durch Importe stark nachlässt und die Auslastung der europäischen Stahlhersteller deutlich steigt“, hatte Speich angeführt.
„Wieder attraktiv“
Die Gedankenspiele von Michael Flacks passen dazu. Thyssenkrupp selbst wollte die Aussagen von Flacks auf Anfrage nicht kommentieren. Ein Sprecher legte lediglich dar, man habe mit dem Sanierungsplan für die Stahlsparte die eigenen Hausaufgaben gemacht, auch die Zeichen von politischer Seite stünden günstig. „Die großen Fortschritte bei der Neuausrichtung des Stahls und sich verändernde Rahmenbedingungen eröffnen uns auch neue strategische Optionen – kurz gesagt: Thyssenkrupp Steel Europe wird wieder attraktiv“, führte der Sprecher aus.
Diese neue Attraktivität ist mit harten Einschnitten erkauft: Thyssenkrupp plant, bis zum Jahr 2030 im Stahlbereich insgesamt 11.000 Stellen zu streichen oder auszulagern, die Produktionskapazitäten deutlich zu reduzieren und seine Beteiligung an den Hüttenwerken Krupp Mannesmann im Duisburger Süden an den Konkurrenten Salzgitter abzugeben. Auf diese Art „hübsch gemacht“, versucht man nun den Indern zu gefallen, die mit hohen Pensionsverpflichtungen, die Thyssenkrupp Steel in den Büchern mit herumschleppt, auch eine gewaltige Kröte schlucken müssten. Der neu aufgetauchte mögliche Interessent dürfte in dieser Gemengelage jedenfalls auch all jenen in den Kram passen, die sich in den Verhandlungen mit Jindal gerade mehr Tempo wünschen.
