Mona Fastvold ist eine herausragende Regisseurin. Das steht außer Frage. Muss man deshalb alles an ihrem neuen Film „The Testament of Ann Lee“ lieben? Keinesfalls. Aber beginnen wir von vorn: Die gebürtige Norwegerin Fastvold hat sich einen Stoff gesucht, um den sich Legenden ranken, nämlich das Leben der Begründerin der religiösen Shaker-Bewegung Ann Lee. 1736 in Manchester geboren, fand Lee sich in England in der Ausübung ihres christlichen Glaubens eingeschränkt. Sie hatte Visionen, wurde von ihren Anhängern als Prophetin gesehen. 1774 setzte sie nach Amerika über, um dort eine Gemeinschaft nach ihren Grundsätzen zu gründen: strenge Arbeitsethik, gleiche Rechte für Frauen und Männer und besonders wichtig: kein Sex. Ekstase fanden Lee und ihre Gläubigen im rituellen Schütteltanz bei ihren Gottesdiensten, was ihnen eben den Namen „Shakers“ einbrachte.
In ihrem Film konzentriert sich Fastvold vor allem auf diesen Aspekt. Sie verarbeitet das aber nicht zum historischen Biopic, sondern geht konsequent noch einen Schritt weiter in ihrer künstlerischen Aneignung: Aus dem Legendenstoff spinnt sie ein religiöses Musical. Und sie nutzt dabei alle im filmischen Erzählen möglichen Mittel. Die Kamera kreist und kreist um die Tanzenden, wenn Ann Lee sich mit ihren Anhängern langsam in Ekstase klopft und schüttelt. Menschen drehen sich um die eigene Achse, hüpfen, schreien. Hüften wippen. Fäuste schlagen auf die Brust. Augen rollen. Eine wilde Choreographie nach eigens für den Film geschriebenen Songs des Briten Daniel Blumberg, die den Schauspielern vieles abverlangt.
Amanda Seyfried spielt roh und klar
Und nicht nur in den Tanzszenen fordert Fastvold von ihren Darstellern größte Hingabe. Ihrer Hauptdarstellerin Amanda Seyfried trug sie auf, kein Make-up für diese Rolle anzulegen. Auch auf Botox musste Seyfried verzichten. Sie sollte die komplette mimische Palette nutzen können, so Fastvold – und das tut Seyfried auch. Wenn die Kamera ganz nah an ihr Gesicht herankriecht, sieht man jede Pore, jedes Härchen, jede Falte. Man erkennt einmal mehr, dass Seyfried, wie in anderen Rollen, fähig ist, vor der Kamera zu leiden, ohne dass dabei ihrer Figur die Würde abhandenkommt.
Gelitten wird viel, schließlich meint es das achtzehnte Jahrhundert nicht gut mit Frauen, die bestimmte Neuigkeiten mitzuteilen haben (Mary Shelleys Mutter, die Feministin Mary Wollstonecraft, könnte ein Lied davon singen, aber das kommt hier nicht vor). Ann Lee wird für ihre Predigten ins Gefängnis geworfen. Sie betet dort, fastet, sieht sich selbst als „Frau, die mit der Sonne bekleidet ist“. Später werden ihre Anhänger sie als „weiblichen Jesus“ verehren. Da ist sie schon in Amerika, hat dank reicher Spender Land erworben und ihre Gemeinde errichtet. Angriffe erlebte sie auch hier. Als sie Mitglieder zum Missionieren schickt, bringt ein wütender Mob sie fast um. Hier brilliert Seyfried: Ihr geschundenes Gesicht trägt die Male der Übergriffe, Schneeflocken fallen darauf nieder, ihre großen blauen Augen richten sich zum Himmel – sie hat diese Schlacht verloren, doch ihre Überzeugung ist ungebrochen, sagt ihr Blick. Nie hat man Seyfried so roh und klar spielen sehen.
Deshalb ist es ein (böses) Wunder, dass „The Testament of Ann Lee“ auf Filmfestivals nicht mehr Aufmerksamkeit erhielt, wendet Fastvold doch die gleichen Maßstäbe auf ihre Arbeit an, die beispielsweise bei ihrem Mann, „The Brutalist“-Regisseur Brady Corbet, regelmäßig die internationale Kritik in Verzückung geraten lassen. Auch das einundzwanzigste Jahrhundert meint es nicht immer gut mit Frauen, die bestimmte Neuigkeiten mitteilen.
Der Umgang mit Sexualität
Was nicht heißen soll, dass es an diesem Werk nichts Heikles gibt. Immerhin stellt „The Testament of Ann Lee“ eben eine moderne Interpretation des Lebens der Sektengründerin dar. Vor allem einen Punkt hebt die Regisseurin hervor: den Umgang mit Sexualität. Männer und Frauen lebten bei den Shakers gleichberechtigt, jegliche sexuelle Handlungen waren verboten. Fastvold zieht eine Linie dieses Grundgedankens zu Prägungen in Ann Lees Kindheit. In einer Szene wird das Mädchen mit einer Weidenrute gezüchtigt. Später blitzt die Erinnerung daran wieder auf, wenn sie sich in Ekstase tanzt. Schmerz und Gottesglauben liegen beieinander. Vier Kinder bringt die Sektengründerin zur Welt, alle sterben. „Ich habe mich gegen Gott versündigt, weil ich geheiratet habe“, konstatiert sie. Hochzeiten wird sie ihren Anhängern verbieten.
Die unglaubwürdigste Szene dieser Schmerzensmischung, die gerade aus einem Werk voller zur Schau getragener historischer Akkuratesse übel herausfällt, ist eine Nacht mit dem Gatten. Er ist ein einfacher Schmied, bringt eines Abends aber erotische Lektüre ins Bett ein, was ihr überhaupt nicht behagt. Ann Lee konnte zeitlebens nicht lesen; warum ihr Mann fürs Vorspiel gleich zu einem Buch greift, das zu jener Zeit höchstens in gebildeten Adligenkreisen kursiert haben dürfte, bleibt offen, macht sich aber die Abneigungen der Heldin auf bizarre Art zu eigen. Unterdessen lässt Fastvold historische Aspekte links liegen, die Ann Lees Utopie fragwürdig machen könnten. Die Übersiedlung nach Amerika gelingt sanft, die Neugründung einer eigenen Siedlung verläuft problemlos. Dass diese Gemeinschaft ihre Ideale von Freiheit und Gleichheit nur durch die Missachtung der Rechte Ortsansässiger umsetzen konnte, wird nicht thematisiert. Lieber lässt Fastvold Ann Lee noch einmal rufen: „Gott hat die Menschheit nur wegen ihrer Unzucht verstoßen.“
Dass diese Freikirche im Gegensatz zu anderen christlichen Glaubensgemeinschaften, die sich in der neuen Welt eine Heimat suchten, technischen Fortschritt nicht ablehnte, kommt immerhin vor, wird aber mehr gezeigt als erklärt. Shaker, so erfährt, wer es wissen will, aus der Fachliteratur, haben einige moderne Errungenschaften hervorgebracht: Wäscheklammern, Kreissägen, eine frühe Form der Waschmaschine. Im Film verharrt die Kamera zum Schluss kurz auf feiner Schreinerarbeit, zeigt Frauen fröhlich beim Backen. Der Ursprung heutiger Tradwife-Ästhetik? Anders als diese wagt Fastvold mit ihrem Musical sehr viel; auch wenn ihr Lied nicht allen gefallen muss.
