Im Prozess um den Terroranschlag auf feiernde Menschen in Bielefeld haben erstmals Opfer als Zeugen über den Messerangriff berichtet. Sie sei bis heute krankgeschrieben und immer noch in Behandlung, sagte eine 27-jährige Taxifahrerin am Düsseldorfer Oberlandesgericht aus.
In der Tatnacht habe sie seitlich aus dem Augenwinkel einen Schatten auf sich zukommen sehen. «Ich habe mir nichts dabei gedacht, aber dann den Ausruf “Allahu akbar” gehört und im Arm etwas gespürt. Der Ausruf kam und dann kam auch schon der Stich. Das ging so schnell. Gespürt habe ich zwei Stiche.»
Dann sei ihr Begleiter vor ihr umgefallen. «Ich habe ihn hochgehoben und wir sind ins Cutie.» Das ist der Name der Bar, vor der sich der Anschlag ereignete. Ihr Bekannter habe geschrien, dass er getroffen worden sei. Mehrere Leute hätten sich um ihn gekümmert.
«Nicht, dass der vor unseren Augen stirbt.»
Durch das Adrenalin habe sie ihre eigene Verletzung vergessen und sich um ihren Bekannten gesorgt, dem die Augen zugefallen seien. «Nicht, dass der vor unseren Augen stirbt», habe sie gedacht.
Ein junger Mann habe sie beruhigt und dann habe sie gemerkt, dass sie auch geblutet habe. Ein Polizist habe ihr den Arm abgebunden, bevor die Sanitäter gekommen seien. Dann hätten sie die Verletzung seitlich am Brustkorb entdeckt.
An ihrem Arm sei eine Arterie getroffen worden. Sie habe die Hälfte ihres Blutes verloren und zu verbluten gedroht. Wegen des Lungenstichs hätten die Ärzte zudem einen Herzstillstand befürchtet.
Psychisch mache sich die Tat auch zehn Monate später noch bemerkbar: «Wenn es dunkel ist, gehe ich nicht alleine raus. Ich scanne die Leute in meiner Umgebung und ich kann nicht ab, wenn jemand hinter mir geht.» Sie habe Schlafprobleme und wache nachts schweißgebadet auf. Diese Probleme seien auch nicht abgeklungen, sondern eher mehr geworden.
«Die Leute haben mir die Wunden zugehalten»
Ihr Begleiter, 23 Jahre alt, wurde durch die Tat arbeitslos: «Mein befristeter Vertrag wurde nicht verlängert.» «Ich habe mich in den Angreifer reingeschmissen, soweit ich weiß», sagte er. «Die Leute haben mir die Wunden zugehalten.» Wie oft der Täter auf ihn eingestochen habe, wisse er nicht genau. Vor Ort sei von 15 Stichen die Rede gewesen.
Sein Arm und Brustkorb seien vernarbt. Den Arm könne er auch nur eingeschränkt bewegen. Nachdem er die Ladung des Gerichts zur Zeugenaussage erhalten habe, hätten bei ihm Alpträume eingesetzt. Er wache nachts schweißgebadet auf, habe zudem einen epileptischen Anfall erlitten.
«Ich hatte Todesangst»
Ein 28-jähriger Postbote berichtete, er habe sich gerade gebückt, als er einen Schlag und einen starken Schmerz verspürt habe. «Für mich kam das aus dem Nichts.» Der Schlag habe sich als tiefer Messerstich in den unteren Rücken entpuppt, der innere Organe wie die Leber verletzt habe. Er sei zu Boden gegangen, Leute hätten ihn beruhigt und ihm die Hand gehalten.
«Die Sanitäter sind erst mal an mir vorbeigelaufen. Ich hatte Todesangst. Ich hatte große Angst, dass ich es nicht schaffe.» Die Operation habe dann mehrere Stunden gedauert. Bis heute könne er nicht wieder als Postbote arbeiten. «Ich kann es auch nicht haben, wenn jemand hinter mir steht und läuft.» Er habe 30 Kilogramm abgenommen.
Wegen des mutmaßlich islamistisch motivierten Messeranschlags hat die Bundesanwaltschaft den mutmaßlichen Attentäter wegen vierfachen versuchten Mordes angeklagt. Sie hält den 36-jährigen Syrer für einen IS-Terroristen.
Vier Menschen lebensgefährlich verletzt
Vier Menschen waren bei dem Angriff am 18. Mai 2025 mit einem präparierten Gehstock lebensgefährlich verletzt worden. Der Anschlag hatte sich vor einer Bielefelder Bar ereignet, wo Besucher den Aufstieg des ostwestfälischen Fußballclubs Arminia Bielefeld gefeiert haben sollen. Einen Tag später, am Abend des 19. Mai, wurde der Verdächtige in Heiligenhaus bei Düsseldorf festgenommen.
© dpa-infocom, dpa:260309-930-791755/1
