Überall Menschen. Ein einziges Gedrängel. Ganz schön viel los für einen gewöhnlichen Dienstagmorgen, findet auch die junge Frau, die zu fünfzig Prozent verantwortlich ist für die seltsamen Menschenansammlungen – die sie dann, zwischen den Ballwechseln, vom Tennisplatz aus interessiert studieren kann. „Gleich hinter dem Auffangnetz stand ein Eukalyptusbaum, in dem saßen mehr kleine Jungs, als du dir vorstellen kannst“, so erzählt Helen Wills später über ihr berühmtestes Match. „In den Spielpausen versuchten Gendarmen sie da rauszuholen. Aber sie störten mehr, als die Jungs es taten.“
Es ist der 16. Februar 1926, der Carlton Club in Cannes, es ist das „Match of the Century“. So zumindest der Titel, auf den die internationale Presse sich geeinigt hat für das Duell zweier Tennisgrößen, wie es sie in dieser Dominanz zuvor nicht gab. Und seit hundert Jahren nicht mehr gegeben hat. Die eine, „La Divine“, gewann 181 Matches hintereinander von 1921 bis 1926. Die andere, „Queen Helen“, 180 Matches ohne Unterbrechung von 1927 bis 1933.
Suzanne Lenglen, die Göttliche, gegen Helen Wills, die neue junge Königin. Anders als beim ersten Millionen-Dollar-Kampf der Boxgeschichte ein halbes Jahr später zwischen Jack Dempsey und Gene Tunney musste man für dieses Duell keine verkaufsfördernden Gegensätze zwischen den Duellanten konstruieren, gemäß den Regeln des „Ballyhoo“, wie sie der legendäre Box-Promoter Tex Rickard erfand. Sie waren auch so für jeden sichtbar: hier die extravagante Diva von der Riviera, dort das schüchterne Girl aus Kalifornien.

Und doch hatten die beiden Frauen einiges gemeinsam. Sie trainierten gern mit Männern und orientierten sich in ihrem Spielstil am Herrentennis, schnell, kraftvoll, aggressiv. Sie schlugen über Kopf auf und scheuten nicht die Attacke am Netz. Und vor allem: Beide hassten es, zu verlieren.
So wird sie zur Vorreiterin des Profitennis
Wohl auch deshalb waren sie sich aus dem Weg gegangen, war die Amerikanerin weitgehend in Amerika geblieben, mit drei US-Open-Siegen, und die Europäerin in Europa, wo sie die Grand-Slam-Turniere in Paris und Wimbledon beherrschte (während die Australian Open für fast alle außerhalb Australiens noch zu weit weg lagen). Diese Rivalität auf Distanz steigerte die Erwartung eines epochalen Duells Jahr um Jahr – bis Anfang 1926 über den Atlantik die elektrisierende Nachricht kam, Miss Wills werde für die winterliche Turnierserie an der französischen Riviera, dem Heimatrevier der großen Lenglen, nach Europa kommen.
Schon diese Reise aus San Francisco über New York nach Le Havre, von dort nach Paris, von Tausenden begrüßt, und mit dem „Train Bleu“ weiter an die Riviera, wurde zum Medienereignis. Es waren die Zwanzigerjahre, die Zeit der neuen Weltstars, die aus dem Film und dem Sport kamen. Vor allem Suzanne Lenglen mit ihrem kinoreifen Auftreten und dem balletthaften Stil ihres Spiels, in dem sie Volleys oder Schmetterbälle oft im Sprung mit weit nach vorn gestrecktem Bein schlug, schien für die Starrolle prädestiniert.
Vom ehrgeizigen Vater im Training angetrieben, stand sie nach nur vier Jahren Tennis schon als Fünfzehnjährige bereit, die Tenniswelt zu erobern. Doch dann war Weltkrieg, so kam sie erst zwanzigjährig nach Wimbledon – wo sie prompt 1919 in einem der bis heute längsten Endspiele der Geschichte die siebenmalige Gewinnerin Dorothea Chambers 10:8, 4:6, 9:7 besiegte und bis 1925 fünf weitere Einzel-Triumphe folgen ließ.
Ihr Auftritt, ohne Korsett, in kurzärmeliger Bluse und einem Rock, der nicht bis zu den Knöcheln, sondern nur bis knapp übers Knie reichte, all das im Gegensatz zur doppelt so alten und altmodisch verhüllten Gegnerin, empörte 1919 britische Traditionalisten, die diese selbstbewusste Französin dennoch nicht zu disqualifizieren wagten. Es war das Signal einer neuen Ära, die Befreiung der aktiven Frau vom Diktat einer Sportkleidung, in der man sich nicht frei bewegen kann.
Legendär war die Extravaganz und Eleganz, mit der die Lenglen, von Natur aus mit schiefen Zähnen und Hakennase keine Schönheit im klassischen Sinn, den Platz zu betreten pflegte, mit markantem Make-up und diamantbesetztem Stirnband, im offenen Pelzmantel über der luftigen Sportkleidung, die sie vom berühmten Couturier Jean Patou schneidern ließ – die erste Frau, die Mode in den Sport brachte.

Als die „Göttliche“ nun um elf Uhr am Morgen des 16. Februar 1926 endlich im schneeweißen Hermelinumhang auf den Platz tänzelt, wartet Helen Wills, diese „kühle, ruhige, fein gemeißelte griechische Schönheit mit dem perfekten Profil einer Athener Statue“ (so der Sportreporter und spätere Schriftsteller Paul Gallico) in ihrem eher unauffälligen, aber praktischen Outfit, knielanger Rock, Sonnenblende, bereits auf die große Kollegin. Man posiert kurz für die Fotografen und reicht sich lächelnd die Hand – die linke jeweils. In der rechten klemmen die mitgebrachten Schlagwerkzeuge.
Trotz Verdoppelung der Kapazität ist das kleine Stadion in Cannes mit wohl sechstausend Zuschauern restlos überfüllt. Auf den guten Plätzen staut sich reichlich blaues Blut, der König von Schweden, der ehemalige König von Portugal, ein griechischer Prinz, ein russischer Großherzog, dazu ein leibhafter britischer Lord als Linienrichter, der noch seinen großen Auftritt haben wird. Wer keinen der auf dem Schwarzmarkt für bis zu 1200 Francs (nach heutiger Kaufkraft fast 1000 Euro) angebotenen Sitzplätze bekam, braucht Phantasie.
Hunderte besetzen die Fenster und Dächer der umgebenden Gebäude, kauern auf Zäunen oder Leitern. Oder nisten sich gegen Gebühr bei einem Villenbesitzer ein, dessen Haus mit Blick aufs Spielfeld bald so überfüllt ist, dass die zahlenden Gäste beginnen, Dachziegel zu entfernen und, auf Stühlen stehend, durch die Löcher im Dachstuhl das „Match des Jahrhunderts“ zu sehen.
Aus-Ruf eines Zuschauers sorgt für Platzsturm
Unten, auf dem Platz, fürchtet Helen Wills kurzzeitig, „dass die Dächer der umstehenden Häuser durch das Gewicht der Menschen nachgeben könnten“, wie sie später schreibt. Wer aber wird unter dem Gewicht dieses Tennisspiels nachgeben, zu dem Reporter aus aller Welt angereist sind? Die große Lenglen, 26 Jahre alt, auf dem Zenit ihrer Karriere, oder die zwanzigjährige Wills, die wegen ihrer Nervenstärke schon „Miss Poker Face“ genannt wird?
Die Zuschauer werden nicht enttäuscht. Sie erleben einen hochklassigen, umkämpften ersten Satz mit vielen taktischen Volten und insgesamt fünf Breaks. Doch geben sie sich nicht mit dem Zuschauen zufrieden, und so erlebt das Match nicht die atmosphärische Kulisse eines kultivierten Tennispublikums, sondern die „eines hitzigen Heimspiels in einer professionellen Baseball-Liga“, wie die „New York Times“ findet. „Es gab ein ständiges Grölen und Hineinrufen, das die Spielerinnen spürbar störte.“
Der Reporter der „Associated Press“ berichtet gar von den „schwierigsten Umständen, die es in einem Tennisspiel je gab“. Der ständige Lärm Tausender Fans führte demnach „zum großen Ärger von Suzanne, die zur Menge sprach wie eine Königin zu ihren Untertanen und ihnen befahl, ruhig zu sein“. Ohne Gehör zu finden.
Dennoch gewinnt Suzanne Lenglen den ersten Satz 6:3. In der Pause vor dem zweiten holt sie sich bei ihrer Mutter eisgekühlten Cognac, eine Stärkung, die sie nur in den wenigen engen Matches zu sich zu nehmen pflegt. Ihr „Notfallset“ nennt das der amerikanische Autor Larry Engelmann in seinem Buch über das große Duell. „Sie nahm zwei tiefe Schlucke“, und schon „war neuer Schwung in ihren Schritten“.

Der zweite Satz spitzt sich rasch zu, als Helen Wills zwei Breakbälle zum 5:3 verwehrt bleiben, weil Linienrichter Cyril Tolley, ein englischer Golf-Champion, einen offenbar deutlich im Aus gelandeten Ball von Suzanne Lenglen gut gibt. Die geraubte Chance empört die Amerikanerin. Denn ihre Gegnerin wirkt am Ende des zweiten Satzes zu erschöpft, um einen möglichen dritten noch gewinnen zu können. So aber rappelt sich die Französin nochmals auf und erkämpft einen Matchball – der zu einem Riesendurcheinander führt.
Bei einem Schlag von Helen Wills ertönt ein Aus-Ruf, worauf viele Zuschauer, Reporter, Fotografen glauben, das Match sei nun vorbei. Sie stürmen aufs Feld, wo sich die beiden Spielerinnen bereits die Hand geben. Doch der Linienrichter, besagter Lord Charles Hope, drängt sich zum Schiedsrichter vor und beteuert, nicht er habe den Ball „aus“ gerufen, sondern ein vorlauter Zuschauer.
So wird also der Platz geräumt und weitergespielt, worauf Miss Wills zum 6:6 ausgleicht, Mademoiselle Lenglen jedoch mit letzter Kraft 8:6 triumphiert. Für viele sieht die Siegerin, erschöpft und weinend nach dem Sieg, aber wie eine noch mal Davongekommene aus – „müde, blass und ausgezehrt“, wie es der Schriftsteller James Thurber festhält.
Tennis bis ins Alter von 82 Jahren
Auch Helen Wills entgingen nicht die „Anzeichen der Erschöpfung“ bei ihrer Gegnerin. Sie erkannte aber auch, dass sie „mir in Taktik und Platzierung überlegen war, und das, zusammen mit ihrer gewohnten Beständigkeit, brachte ihr den Sieg“. Ein Sieg, der sich in der Rückschau auch als Gewinn für die Unterlegene herausstellen sollte. „Ich glaube“, schreibt Helen Wills 1932, längst die beste Spielerin der Welt, „dass dieses Match für mich die herausragende Erfahrung meiner Tenniskarriere bleiben wird.“
Eine Niederlage als Botschaft, sich auf die eigenen Stärken zu besinnen, auf ihr druckvolles Spiel, auf die harte Vorhand, was sich auszahlen wird. Donald Budge, 1938 erster Gewinner aller vier Grand-Slam-Turniere in einem Jahr, urteilt in den Neunzigerjahren, „vielleicht mit der Ausnahme von Steffi Graf“ habe keine andere Spielerin mehr über eine solche Schlaghärte verfügt wie Helen Wills.
Die Hoffnung der jungen Amerikanerin (und der Tenniswelt), mehr als dieses eine Match gegen die „Göttliche“ spielen zu können, sollte sich nicht erfüllen. Suzanne Lenglen strich alle weiteren Starts an der Riviera, Helen Wills fehlte in Paris und Wimbledon wegen einer Blinddarmentzündung.
Und nach einem Missverständnis in Wimbledon, wo man sie nach einer kurzfristigen Spielverlegung der Missachtung der königlichen Familie bezichtigte, beendete die Französin fünf Monate nach dem Duell in Cannes ihre Amateurkarriere und heuerte in den Vereinigten Staaten ein Jahr lang als hoch bezahlter Star der ersten Profi-Tour im Tennis an. So wurde sie eine Vorreiterin des Profitennis – und der angemessenen Bezahlung von Frauen im Sport, die sich in den für Frauen und Männer identischen Preisgeldern bei den US Open (seit 1973) und den anderen drei Grand-Slam-Turnieren (seit 2007) manifestiert.
Helen Wills, verheiratete Wills Moody, blieb Amateurin und erlebte eine lange, grandiose Karriere, die in ihrer Grand-Slam-Quote unübertroffen und wohl unübertrefflich ist. Bei allen 22 Grand-Slam-Turnieren, die sie spielte, erreichte sie das Finale und gewann 19 von ihnen. 1938, nach ihrem achten Wimbledonsieg, war Schluss, nachdem ihr ein Foxterrier in den Zeigefinger der Schlaghand gebissen hatte. Für Hobbytennis reichte es noch bis zum Alter von 82 Jahren, zehn Jahre vor ihrem Tod.
Bis heute hat niemand, ob Frau oder Mann, das Tennis seiner Zeit so dominiert wie die beiden Frauen, deren Weg sich ein einziges Mal kreuzte, vor hundert Jahren in Cannes: Suzanne Lenglen, die von 1919 bis 1925 von 288 Einzel-Matches 287 gewann und nur eines verlor, durch krankheitsbedingte Aufgabe bei ihrem einzigen Start bei den US Open; und Helen Wills Moody, die von 1927 bis 1932 in 158 Matches in Folge keinen einzigen Satz abgab. In Zahlen, weil so unglaublich: 316:0 Sätze.
Zwei Tage nach Helen Wills Moodys letztem Sieg in Wimbledon starb Suzanne Lenglen, nach ihrer Karriere gesundheitlich und nervlich angeschlagen, im Alter von 39 Jahren, vermutlich an Leukämie. Ihre große Gegnerin im „Match des Jahrhunderts“ überlebte sie um fast sechzig Jahre.
