Wegen eines Warnstreiks bei den Berliner Verkehrsbetrieben (BVG) müssen die Menschen in der Hauptstadt den ganzen Tag auf U-Bahn, Tram und die meisten Busse verzichten. Der Ausstand traf am Morgen zunächst Berufspendler, die bei eisigen Temperaturen und weiter glatten Gehwegen trotzdem irgendwie zur Arbeit kommen mussten. Der Warnstreik im Zuge eines bundesweiten Aktionstags von Verdi soll bis Betriebsschluss in der Nacht zum Dienstag andauern.
In Brandenburg werden mehr als ein Dutzend kommunale Verkehrsunternehmen bestreikt. Die S-Bahn, die von der Deutschen Bahn betrieben wird, fährt dagegen planmäßig und hat angekündigt, ihr Angebot wegen des Ausstands bei der BVG leicht auszubauen. So verkehrt sie zwischen den Bahnhöfen Zehlendorf und Potsdamer Platz tagsüber durchgängig im Fünf-Minuten-Takt.
Verdi will Druck machen
Mit dem Arbeitskampf will die Gewerkschaft Verdi in der laufenden Tarifrunde mit der BVG ihren Forderungen Nachdruck verleihen. Verhandelt wird in der Hauptstadt um bessere Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten.
Verdi-Verhandlungsführer Serat Canyurt verteidigte den Warnstreik. «Unsere Priorität ist, am Verhandlungstisch voranzukommen», sagte er am Morgen der Deutschen Presse-Agentur. Aber bei den Tarifverhandlungen habe sich der Arbeitgeber bisher geweigert, sich mit den seit zwei Monaten vorliegenden Forderungen der Gewerkschaft wirklich auseinanderzusetzen. «Da bleibt uns keine andere Wahl.»
Streikposten am Feuer
Die Beteiligung am Warnstreik sei seit dem Start um 3.00 Uhr gut, so Canyurt. An Betriebshöfen für Busse oder Trams, in U-Bahn-Depots, an Werkstätten oder der BVG-Hauptverwaltung standen Streikposten. Etliche wärmten sich an offene Feuern. Die Beschäftigten seien entschlossen, für ihre Forderungen einzutreten und den Druck auf den Arbeitgeber zu erhöhen, sagte Canyurt.
Die BVG kritisierte den ganztägigen Warnstreik als «unverhältnismäßige Eskalation». «Die Arbeitgeberseite ruft die Gewerkschaft Verdi auf, gemeinsam am Verhandlungstisch nach realistischen Lösungen zu suchen, die Arbeitsbedingungen der Mitarbeitenden nachhaltig weiter zu verbessern.» Die nächste Verhandlungsrunde ist am 18. Februar vorgesehen.
Berufspendler haben es schwer
Für viele Berlinerinnen und Berliner bedeutet der Warnstreik bei rund minus acht Grad eine große Belastung – zumal er nicht als Ausrede dienen kann, einfach der Arbeit fernzubleiben. «Ich hatte ein bisschen Schwierigkeiten, heute zur Arbeit zu kommen», sagte eine Frau am frühen Morgen am Alexanderplatz.
«Ich musste eine Stunde früher los, bin um 4.00 Uhr aufgestanden. Ich musste erst laufen, dann S-Bahn, dann eine andere S-Bahn», schilderte sie. «Und jetzt muss ich noch mal 20 Minuten laufen.» Sie ärgere sich ein bisschen, vor allem weil der Boden so glatt sei. Eine andere Frau sagte: «Es ist ok. Ich bin mit der S-Bahn gekommen. Das mache ich normalerweise nicht, aber ging nicht anders.»
Schüler haben Ferien
Manche Berlinerinnen und Berliner, die nicht zum ersten Mal einen Warnstreik erlebten, bildeten Auto-Fahrgemeinschaften oder nahmen ein Taxi. Dennoch floss der Verkehr auf den Straßen im morgendlichen Berufsverkehr laut Verkehrsinformationszentrale relativ ruhig ohne größere Staus. Anderen Menschen gelang es, einen der Muva genannten kleinen BVG-Shuttlebusse zu ergattern. So mancher ließ sich von der extremen Kälte nicht davon abhalten, das Fahrrad oder einen E-Roller zu nehmen. Wer konnte, blieb im Home-Office. Viele haben auch frei, weil sie in den Winterferien mit den Kindern verreist sind. Schüler müssen also auch nicht zur Schule.
Geister-Trams unterwegs
Ein etwa seltsames Bild boten Straßenbahnen, die ohne Fahrgäste unterwegs sind. So soll verhindert werden, dass Oberleitungen aufgrund der Kälte erneut einfrieren. In der vergangenen Woche war es aus diesem Grund tagelang zu erheblichen Einschränkungen gekommen. Deshalb hatten Verdi und BVG einen entsprechenden Kompromiss geschlossen.
Die BVG teilte mit, dass die Straßenbahnen auch in der Nacht während des Warnstreiks zum Schutz vor Vereisung im Einsatz seien. Damit solle die Chance erhöht werden, den Trambetrieb nach dem Ausstand ab 3.00 Uhr am Dienstagmorgen ohne größere Einschränkungen für die Fahrgäste wieder hochzufahren.
Ausfälle in Cottbus oder Potsdam
Auch im öffentlichen Nahverkehr in Brandenburg machen die Beschäftigten Druck, viele tausend Berufspendler sind von den Warnstreiks in kommunalen Verkehrsbetrieben betroffen. Der Ausstand trifft unter anderem die großen Verkehrsbetriebe in Potsdam und Cottbus. Obendrein rief die Eisenbahn- und Verkehrsgewerkschaft (EVG) zu einem Warnstreik zwischen 7.00 und 9.30 Uhr mit Auswirkungen auf Regionalzüge im Nordwesten auf.
Tarifverhandlungen überall in Deutschland
Verdi verhandelt derzeit in allen Ländern parallel mit den Verkehrsunternehmen über neue Tarife. In Brandenburg geht es dabei auch um mehr Geld. In Berlin wiederum wird der Manteltarifvertrag neu verhandelt, der die Arbeitsbedingungen für die Beschäftigten regelt. In bisher zwei Gesprächsrunden kam aber keine Annäherung zustande.
Verdi fordert für rund 16.000 BVG-Beschäftigte unter anderem eine Begrenzung der Schichtlänge auf zwölf Stunden, mehr Urlaubstage, eine Mindestruhezeit zwischen den Schichten von elf Stunden sowie mehr Urlaubsgeld mit Umwandlungsmöglichkeit in freie Tage. Auch eine längere Wendezeit zwischen den einzelnen Fahrten strebt die Gewerkschaft an.
Die BVG teilte dazu am späten Nachmittag mit, nach ihren Bewertungen umfassten die Forderungen der Gewerkschaften ein Gesamtvolumen von gut 150 Millionen Euro Personalkosten pro Jahr. Das wäre ein zusätzlicher Personalbedarf von 1.330 Stellen. Verdi müsse die Forderungen priorisieren, damit die BVG ein seriöses erstes Angebot erarbeiten könne.
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