Samstag: Der Krieg beginnt
Unser Flugzeug ist bereits auf dem Weg nach Hause über dem Persischen Golf, als ich auf dem Borddisplay beobachte, dass unser Flieger Schleifen dreht. Ich hatte kurz zuvor auf dem Handy gelesen, dass Israel und die USA Angriffe gegen Iran begonnen hätten. Der Pilot sagt durch, dass wir wieder nach Doha zurückkehren müssten – wegen einer „dynamischen geopolitischen Lage“. Im Flugzeug ist es sehr still. Ich befinde mich in einer Schockstarre.

Zurück im Terminal ist schnell klar, dass Qatar von iranischen Angriffen betroffen ist. Wir sind geschockt, enttäuscht. Sauer. Hätte man nicht doch weiterfliegen können? Meine Frau und ich sitzen neun Stunden am Flughafen fest. In der Lounge. Wir fühlen uns schlecht, denn draußen sitzen viele auf dem Boden und auf Koffern. Gegen 21 Uhr informiert man uns, dass wir auf das Schiff zurückkehren können. Transferbusse bringen uns und rund 500 weitere Passagiere zurück. Unser Gepäck müssen wir am Flughafen zurücklassen. Nur Handgepäck dürfen wir mitnehmen. Was kommt auf uns zu? Wie sicher ist das Schiff? Meine Frau ist mehrfach den Tränen nahe.
Wir versuchen, uns zu sortieren – etwa Zahnpasta zu organisieren. Alle Hygiene-Sets für Notfälle sind vergriffen. Im geplünderten Bord-Shop ergattern wir die letzte Tube. Zahnpasta, Deo und solche Dinge sind bereits am ersten Tag ausverkauft. Jetzt heißt es erst einmal: zur Ruhe kommen, schlafen. Doch ich bekomme lange Zeit kein Auge zu.
Sonntag: Explosionen als Wecker
Laute Explosionen am Himmel reißen uns früh am Morgen aus dem Schlaf. Es knallt mal wie ein Feuerwerk, mal rattert es wie ein Maschinengewehr. Da meine Frau Migräne-Patientin ist, versuchen wir, im Bordhospital Tabletten zu bekommen. Obwohl meine Frau ihre Medizin seit Jahren nimmt, muss sie erst beim Schiffsarzt vorsprechen. Sie wartet zweieinhalb Stunden.

Was uns ein wenig beruhigt, ist der Besuch eines Kriseninterventionsteams einer deutschen Vertretung. Die Mitarbeiter laufen mit dem Kapitän über das Schiff und sind für uns Passagiere ansprechbar, wiederholen jedoch nur Floskeln. Ich erspare es mir, nachzuhaken.
Montag: Aperol für die Nerven
Es wirkt surreal: Manche Passagiere bestellen sich bereits morgens um 11 Uhr einen Aperol an den Tisch. Die Crew ist sehr bemüht, uns alle freundlich und professionell zu betreuen und bei Laune zu halten. Auf unserem Zimmer finden wir etwa immer zu Tierfiguren gefaltete Handtücher auf dem Bett. Am Mittag kommen unsere Koffer an. Noch nie haben wir uns so sehr gefreut, dreckige Wäsche auszupacken.
Dann die Nachricht aus der Heimat: Dass der deutsche Außenminister ankündigt, er plane Rückholaktionen für Kinder, Schwangere oder kranke Menschen, löst an Bord fast schon Euphorie aus. Jetzt tut sich sicherlich etwas! Es folgt Enttäuschung: Doha ist nicht dabei. Der Luftraum bleibt gesperrt. Am Abend stellen sich die Offiziere im Theater vor – ein kurzweiliger Moment, die Crew strahlt eine große Ruhe aus. Die nehmen wir dann mit auf die Kabine. Eine halbe Stunde später knallt die Luftabwehr wieder.
Dienstag: Der erste Landgang
Am Morgen lese ich einen Zeitungsartikel, in dem eine Passagierin „um Hilfe fleht“. Wir nehmen nicht wahr, dass die Nerven blank liegen. Für Unmut hingegen sorgen die Äußerungen von Herrn Wadephul im „heute journal“ am Montag, in denen er uns Touristen eine Eigenverantwortung für unsere Notlage zuschob. Später musste er auf der Plattform X zurückrudern.

Die Medizinvorräte an Bord gehen zur Neige. Der Kapitän versucht zu beruhigen: Die Behörden Qatars würden helfen. Sie vermitteln uns ein besseres Gefühl als die deutsche Vertretung. Alle eineinhalb bis zwei Tage kommt eine Mail vom Auswärtigen Amt, in der die immer gleichen Worthülsen stehen.
Ich aktualisiere seit ein paar Tagen meinen Whatsapp-Status, um Freunde und Familie zu beruhigen. Wir wollen nicht, dass sie sich zu sehr sorgen. Schließlich liegen wir nicht im Kugelhagel. Auch erfreulich: Heute dürfen wir das erste Mal wieder an Land gehen, wenn auch nur ins Terminal. Relativ unspektakulär, aber immerhin gibt es ein kleines Aquarium mit Fischen und Rochen. Am Abend spielen wir Bingo. Es fühlt sich skurril an, Sorgen und Ängste hier mit Unterhaltung zu übertünchen.
Mittwoch: Kurze Zündschnur
Das Nervenkostüm wird immer dünner. Wir sind zusammen mit Freunden verreist. Einer von ihnen hat sich gestern noch ein Baldrianmittel und eine Schlaftablette im Hospital abgeholt, um durch die Nacht zu kommen. Zum Glück war die etwas ruhiger als die vorige. Zumindest haben wir keine Explosionen gehört an Bord. Heute früh erzählt mir ein Paar mit Kinderwagen, sie seien im Aufzug von anderen angegangen worden. Die Leute haben eine immer kürzere Zündschnur.
Es gibt eine Durchsage des Kapitäns: „Ich muss Ihnen leider mitteilen, dass es für die Mein Schiff 5 noch kein Update gibt. Anders als für die 4, wo schon die ersten Flüge nach Deutschland laufen. Und auch von der Botschaft haben wir jetzt noch nichts Neues erfahren.“ Der Luftraum und auch der Hafen seien gesperrt. Ab dem Nachmittag dürften die Passagiere in die Stadt gehen. Es seien Taxen bestellt worden, die vor dem Terminal stehen. Ein anderes Crew-Mitglied ergänzt in einer Durchsage: „Sollten Sie sich dennoch entscheiden, individuell an Land zu gehen, tun Sie dies auf eigene Verantwortung und gegen unsere ausdrückliche Empfehlung.“
Das Unbehagen überwiegt, sodass wir auf einen Ausflug nach Doha verzichten. Wir vertreten uns nur am Terminal die Beine.
Donnerstag: Gute Nachrichten
Jetzt liegen die Nerven blank. Der Kapitän hat gestern Abend zum ersten Mal sehr prägnant formuliert, dass wir uns nicht in einem Krisengebiet, sondern in einem Kriegsgebiet befinden. Der Beschuss der Iraner habe zugenommen.
Am Mittag sagt der Kapitän durch, dass der Hafen weiter gesperrt sei, sich aber etwas tue. Zehn Minuten später bittet er darum, die Außendecks zu meiden. Auf den Handys blinkt der nächste Notfallalarm.

Ich bin währenddessen im Badezimmer. Von draußen höre ich Ansage, Alarm und Knallen. Die Fenster wackeln. Es macht uns Angst. Wir verlassen die Kabine und begeben uns ins Innere des Schiffes. Über den Tag hinweg beruhigt sich die Lage, doch sie schlägt uns weiter auf den Magen. Meine Frau legt sich am Nachmittag ins Bett, wie paralysiert.
Am Abend folgt die nächste Durchsage des Kapitäns: „Jetzt atme ich erst einmal tief durch, weil ich habe nämlich sehr, sehr schöne Neuigkeiten für Sie.“ Am Samstag gingen für die Passagiere die ersten vier Sonderflüge von Saudi-Arabien nach Deutschland. Auch am Sonntag und Montag solle es Flüge geben. Die Einzelheiten seien noch in Klärung.
Ob wir unter den ersten Passagieren sein werden? Wir hoffen es zumindest. Meine Frau bricht in Tränen aus. Am Abend gehen wir noch zum Schlager-Karaoke. Die Stimmung ist deutlich gelöster, gesungen wird „Griechischer Wein“ und „Aber bitte mit Sahne“. Wir ziehen uns früh auf die Kabine zurück und legen uns hin.
Freitag: Für alles bereit
Um 3.43 Uhr schrillt der Alarm. Mein Puls schießt in die Höhe, zum Glück kommt innerhalb weniger Minuten die Entwarnung.
Unseren Notfall-Rucksack haben wir griffbereit, darin sind etwa Bordkarten, Ladekabel und Powerbank. Wir tragen nur noch festes Schuhwerk. Auf dem Fernseher kontrollieren wir immer wieder, ob die An- und Abreisedaten aktualisiert werden. Wir werden heute packen, alles vorbereiten – und hoffen einfach, schnell nach Hause zu kommen.
Der Passagier hat uns gebeten, seinen Namen nicht zu nennen.
