Nur wenige Tage nach dem Sturz des syrischen Machthabers Baschar al-Assad im Dezember 2024 erreichte Safwat Raslan in seiner neuen Heimat Essen die Frage, ob er sich vorstellen könne, in sein Herkunftsland zurückzukommen.
In Aleppo arbeitete Raslan einst in führender Position bei einer Bank; Mitte 2014 flüchteten er und seine Familie vor der immer brutaleren Assad-Diktatur nach Deutschland. Raslans Hoffnung, in der Bankenmetropole Frankfurt rasch Fuß zu fassen, zerschlug sich bald. Also zog er mit seiner Frau und seinen Kindern weiter nach Essen, wo es schon eine größere syrische Community gab und es anders als in Frankfurt kein großes Problem war, eine Wohnung zu finden.
Raslan fing an, Deutsch zu lernen, er machte einen Integrationskurs, und bald schon hatte er wieder eine Stelle – als Praktikant bei einer Volksbank. Er arbeitete sich hoch, bekam Schritt für Schritt besser dotierte Jobs bei Banken und einer Unternehmensberatung. Ende 2024 unterzeichnete er einen Arbeitsvertrag bei der Deutschen Apotheker- und Ärztebank.
Nach zehn Jahren hatte er es in Deutschland geschafft, besaß neben der syrischen inzwischen auch die deutsche Staatsbürgerschaft. Und trotzdem sagte er nach Assads Sturz spontan zu: Ja, ich gehe zurück in die Heimat.
80 Prozent? „Nicht realistisch“
Seit September 2025 ist Raslan Chef des Syrischen Entwicklungsfonds, der direkt dem Übergangspräsidenten Ahmed al-Scharaa unterstellt ist. In dieser Funktion verfolgte der ehemalige Essener Banker die Staatsbesuche al-Scharaas in Deutschland und danach in Großbritannien vor wenigen Tagen intensiv. Raslan ist unbedingt dafür, dass möglichst viele Syrer zurückkehren, um beim Aufbau ihres Landes mitzuhelfen.
Auch Peter Renzel, der Stadtdirektor und Sozialdezernent in Essen ist, glaubt nicht, dass in kurzer Frist 80 Prozent der Syrer zurückkehren werden. In der Ruhrgebietsstadt lebt die größte syrische Gemeinde in Nordrhein-Westfalen; sie umfasste Stand Ende Februar 21.140 Personen, inklusive 6159 Doppelstaatler. Durch eine 2021 veröffentlichte Studie ist die Essener Community vergleichsweise gut erforscht.
Schon damals hieß es, die Syrer seien „nachhaltig integrationsorientiert“, man stelle einen „fortschreitenden Eingliederungsprozess“ fest. Renzel bestätigt das. „Das kommt auch dadurch zum Ausdruck, dass die Zahl der Anträge auf Einbürgerung ungebrochen hoch ist.“ Weil syrische Staatsangehörige in Nordrhein-Westfalen jene Migranten sind, die die Voraussetzungen dafür besonders zügig erfüllen, stehen sie schon seit Jahren an der Spitze der am häufigsten eingebürgerten Nationalitäten.

Zwar hätten sich auch aus Essen schon einige Syrer in ihre Heimat aufgemacht, doch sei die Zahl überschaubar, sagt Renzel. Sein Parteifreund Friedrich Merz habe mit der Aussage vermutlich verdeutlichen wollen, dass Syrien dringend auf Bürger angewiesen sei, die willens und in der Lage sind, bei der enormen Herausforderung des Wiederaufbaus mitzuwirken. „Aus meinen Gesprächen mit der Essener Community leite ich die Schätzung ab, dass eine Rückkehrquote von vielleicht 30 Prozent möglich ist“, sagt der Essener Stadtdirektor.
Aber auch dafür müsse noch viel Vertrauen wachsen. Die Sicherheit für die Minderheiten in Syrien müsse sich verbessern, die Übergangsregierung müsse ihr Versprechen halten, dass bald freie Wahlen stattfinden. Renzel weist zudem darauf hin, dass viele Kinder und Jugendliche mit syrischen Wurzeln Syrien überhaupt nicht kennen, weil sie bei ihrer Flucht noch sehr klein waren oder weil sie erst in Deutschland auf die Welt kamen. Zudem könne Deutschland kein Interesse haben, just die am besten ausgebildeten Syrer zu verlieren, warnt Renzel.
Das sieht auch die nordrhein-westfälische Fluchtministerin Verena Schäffer (Grüne) so. Eine Rückkehrquote von 80 Prozent binnen drei Jahren sei „voreilig und unrealistisch“. Deutschland sei angesichts des Fachkräftemangels auf die gut integrierten Menschen angewiesen, die „heute eine klare Arbeitsmarktperspektive“ haben. Tatsächlich sind nach Angaben der Bundesagentur für Arbeit derzeit 320.000 Syrer in Deutschland beschäftigt, darunter 266.100 sozialversicherungspflichtig – von Letzteren allein in Nordrhein-Westfalen 77.603 Personen.
Viele Syrer arbeiteten in systemrelevanten Engpassberufen wie dem Bau, im Sozial- und Gesundheitsbereich, der Logistik oder im Handwerk, wo Stellen oft sehr schwer zu besetzen seien, heißt es aus Schäffers Ministerium. Viele junge Syrer entschieden sich für eine duale Ausbildung. „Bereits 2019 waren sie die größte Gruppe nichtdeutscher Auszubildender und kompensierten damit den Rückgang bei deutschen Ausbildungsanfängern“, berichtet eine Ministeriumssprecherin.
„In Syrien entsteht ein islamistisches Regime“
In Deutschland gibt es nur wenige Politiker oder Fachleute, die sowohl die Situation der syrischen Flüchtlinge in Deutschland als auch die Lage in den unterschiedlichen Regionen Syriens solide einschätzen können. Einer ist in jedem Fall Ryyan Alshebl, der Bürgermeister von Ostelsheim in Baden-Württemberg.
Alshebl flüchtete 2015 vor dem syrischen Diktator Assad, machte eine duale Verwaltungsausbildung und wurde 2023 zum Bürgermeister der Gemeinde im Landkreis Calw mit 2500 Bürgern gewählt. Seine Sozialisation in das hiesige politische System ist so gut gelungen, dass er kürzlich sogar ein Buch zur deutschen Regulierungswut vorlegte. Alshebls Familie gehört der drusischen Minderheit an, die von dem islamistisch geprägten Regime in Damaskus verfolgt wird.
Deshalb schaut er kritisch auf die Lage in seiner Heimat: „Die Sunniten nehmen es eher mit Erleichterung auf, dass das alte Regime weg ist. Unter ihnen gibt es eine Minderheit, die sich jetzt vorstellen kann, nach Syrien zurückzukehren. Bei den Alawiten, Christen oder Drusen ist es anders. Diese Leute tendieren eher dazu, das Land jetzt zu verlassen.“
Das Regime al-Scharaas verfolge eine Doppelstrategie: Einerseits bemühe man sich um internationale Reputation, andererseits baue man einen islamistischen Staat auf. Das lasse sich etwa daran sehen, wie der Schulunterricht in den Grundschulen gestaltet werde. „Die Lage in der Region ist paradox. Die Amerikaner kämpfen gegen das islamistische Regime im Iran. In Syrien entsteht ein islamistisches.“
Die Bundesregierung habe sich, indem sie die Rückkehrforderung übernommen habe, unnötig erpressbar gemacht. „Die syrische Regierung braucht Deutschland ja beim Wiederaufbau, da hätte man doch viel selbstbewusster auftreten können“, sagt Alshebl. Kanzler Merz habe „wie ein Autohändler“ mit Zahlen jongliert. Es sei nicht realistisch, 700 Leute pro Tag zurückzuschicken. „Da werden Erwartungshaltungen geweckt, die am Ende nur der AfD helfen.“

Auch der Blick in kleinere Kommunen zeigt, dass die Rückkehrbereitschaft der Menschen aus der syrischen Community begrenzt ist. Die meisten schließen eine Rückkehr in die Heimat nicht grundsätzlich aus, sie beobachten aber die politische und wirtschaftliche Lage sehr genau.
So ist es zum Beispiel in Asperg, einer Stadt mit knapp 14.000 Einwohnern im Landkreis Ludwigsburg. Gerlinde Bässler (Grüne) ist hier Gemeinderätin und stellvertretende Bürgermeisterin. Sie kennt die Situation der Syrer in ihrer Stadt sehr gut, weil sie sich im „Arbeitskreis Asyl“ engagiert und die unterschiedlichen Flüchtlingszuzüge seit 2015 beobachtet.
„Einige sind jetzt nach Syrien gereist mit ihren Familien, um sich dort einen Eindruck von der Lage zu verschaffen. Sie betrachten die Lage skeptisch, sie glauben dem syrischen Staatschef nicht. Es geht ihnen zu wenig um den Aufbau einer Demokratie“, sagt sie. „Deshalb wollen die meisten hierbleiben.“
Einer, der sich vor Ort ein Bild machen konnte, ist der 40 Jahre alte Marie Khalil. Auch er kam 2015 nach Deutschland. Mit seiner 35 Jahre alten Frau und mit seiner sechs Jahre alten Tochter nutzte er im vergangenen Herbst die Chance, nach Syrien zu reisen. „Seit zehn Jahren war ich zum ersten Mal zwei Wochen wieder in meiner Heimat, in Damaskus und in dem Dorf Durbul, aus dem ich komme.“
Dass Merz sage, es sollten 80 Prozent der Syrer zurückkehren, verstehe er. „Ich halte es aber für nicht realistisch“, sagt Khalil. „Ich schätze, dass 75 Prozent der Syrer hierbleiben wollen.“
Viele Syrer warten noch ab
Ja, es sei wieder möglich, in Syrien frei seine Meinung zu sagen, viele seiner Landsleute gäben der neuen Regierung auch eine Chance. „Aber die wirtschaftliche Lage ist noch nicht stabil genug, die Leute werden erst zurückkehren, wenn sie da eine gute Entwicklung sehen.“ In der Großstadt Damaskus sei die Lage natürlich besser als auf dem Land. „Dort ist der Strom mal drei Stunden da, dann ist er wieder weg. Die Leute haben kein Geld, man sieht die Armut überall, und die Lebensmittel sind teuer“, sagt Khalil. Viele Syrer warteten deshalb ab, sie wollten dann zurückkehren, wenn sie dort eine Chance für ein neues Leben sehen.
Khalil arbeitet für einen Catering-Dienst, der Schulessen zubereitet und an Schulen liefert. Seine Frau hat einen Job in einem Blumengeschäft, die Tochter besucht die Schule in Asperg. „Bei uns im Betrieb arbeiten sieben bis acht Menschen aus Syrien, einige in der Küche, andere fahren das Essen, die werden hier gebraucht.“
Auch in Nordrhein-Westfalen hält sich die Rückkehrneigung bisher in Grenzen. Nach Angaben des Fluchtministeriums sind im vergangenen Jahr 838 Personen freiwillig nach Syrien zurückgekehrt. Bei den Vorbereitungen sind Organisationen wie die Ausreiseberatung des Diakoniewerks Gelsenkirchen und Wattenscheid behilflich.
Seit im vergangenen Jahr Rückkehrerprogramme des Bundes und der EU für Syrer ausgeweitet wurden, registrieren deren Mitarbeiter eine gesteigerte Nachfrage nach Beratung. Personen, die sich zur Rückkehr entschließen, bekommen vom Bund nun die Flugkosten komplett bezahlt, sie erhalten Reisehilfen (200 Euro pro Erwachsenen) und Starthilfen (1000 Euro, maximal 4000 Euro je Familie). Eine Herausforderung ist, dass es derzeit keine Direktverbindung gibt und Syrien nur über Zwischenstopps in Istanbul oder Jordanien zu erreichen ist.
In Damaskus steht der ehemalige Essener Banker Safwat Raslan als Chef des Syrischen Entwicklungsfonds vor einer Mammutaufgabe. Für den Wiederaufbau Syriens werden Hunderte Milliarden Euro gebraucht. „Wohnraum, Schulen, Krankenhäuser, so vieles muss hergerichtet oder völlig neu gebaut werden. Vielerorts funktioniert die Versorgung mit Energie und Wasser nicht.“
Aktuell lebten mehr als eine Million Syrer in Zeltstädten. Der Wiederaufbau sei auch die Voraussetzung dafür, dass Syrer in größerer Zahl aus dem Ausland zurückkehren könnten, sagt Raslan. „Der größte Fehler wäre, Menschen ohne Perspektive nach Syrien zu zwingen.“
So sieht es auch Präsident al-Scharaa. Nach seinem Treffen mit Merz betonte er in Großbritannien die Bedeutung des Wiederaufbaus und sagte: Es reiche nicht, Menschen einfach in ein Flugzeug zu setzen und sie in ihre Heimat zurückzubringen; das könne sonst zu einem Schock führen, der eine neue Migrationsbewegung auslöse.
Raslan, dessen Kinder und Ehefrau weiterhin in Essen leben und wie er längst eingebürgert sind, hofft, dass einige der Syrer, die in Deutschland gelebt, studiert und gearbeitet haben, die Werte Deutschlands und Europas bei ihrer Rückkehr mit nach Syrien nehmen. Er weiß aber auch, dass das nicht leicht ist. „Meine Familie fühlt sich zu einhundert Prozent deutsch. Meine Kinder reden auch untereinander nur Deutsch, meine jüngste Tochter ist hier in Deutschland geboren.“ Raslans älteste Tochter ist 19, sein Sohn ist 17 Jahre alt. Beide planen schon ihr Studium – selbstverständlich in Deutschland.
Raslan selbst sagt, er werde sein Leben lang Brückenbauer zwischen Syrien und Deutschland sein. „Deutschland hat mir sehr geholfen, als ich Hilfe brauchte. Deshalb kann ich nicht sagen: Danke und tschüss, das war’s. Ich bin Deutscher – auch in meiner Funktion in Damaskus.“
