
Das Milliardenprojekt Stuttgart 21 wird erst deutlich später fertig als geplant. Wegen „drastischer Versäumnisse“ der zuständigen Projektgesellschaft der Deutschen Bahn müsse die Eröffnung des lang erwarteten neuen Durchgangsbahnhofs auf Ende 2031 verschoben werden, hieß es aus dem Umfeld der mit dem Projekt vertrauten Personen. Auch unter baden-württembergischen Landespolitikern in der grün-schwarzen Regierung wird davon ausgegangen, dass eine Eröffnung vor 2031 höchst unwahrscheinlich ist. Die Deutsche Bahn wollte die Nachricht zunächst nicht kommentieren.
Die abermalige Verschiebung ist das Resultat einer umfassenden Revision, welche die neue Bahnchefin Evelyn Palla am Ende des vergangenen Jahres angeschoben hatte. Zuvor war deutlich geworden, dass sich der ursprünglich für Ende dieses Jahres geplante Eröffnungstermin aus technischen Gründen nicht halten lässt.
Ursprünglich waren Schwierigkeiten mit dem japanischen Dienstleister Hitachi für die Versäumnisse genannt worden. Doch das stellt sich nun als deutliche Verkürzung der Schwierigkeiten heraus.
Erste Verbesserungen sollen Ende 2027 kommen
Nach den neuen Plänen will die Deutsche Bahn nun eine gestaffelte Inbetriebnahme, die Ende 2027 erste Entlastungen für die Bahnkunden bringen sollen. Seit Jahren schon müssen sie große Umwege in Kauf nehmen, um an die Bahngleise zu gelangen. Diese sollen dadurch verkürzt werden, dass dann Wege über den neuen Bonatz-Bau zur Verfügung stehen. Die Inbetriebnahme dieses Bahnhofsteils kommt Ende 2028.
Der Bonatz-Bau ist aber für den neuen, unterirdischen Durchgangsbahnhof nur ein Portalgebäude mit vielfältigen gastronomischen Angeboten und Einkaufsmöglichkeiten. Zwei Jahre später, Ende des Jahres 2030, kommt dann die Anbindung an den Flughafen, bis ein Jahr später der große Durchgangsbahnhof und damit das Herz des jahrzehntelangen Projekts eröffnet werden kann.
Damit übertrifft die Planung sogar das bisher angenommene Negativszenario. Zuletzt hatte für Entsetzen gesorgt, dass die Neueröffnung womöglich erst 2030 erfolgen könne. Zunächst war sie auf das Jahr 2025 und schließlich auf 2026 verschoben worden. Politiker von CDU, Grünen und SPD hatten sich immer dafür ausgesprochen, den neuen Bahnhof erst in Betrieb zu nehmen, wenn die Bahn einen zuverlässigen und pünktlichen Service anbieten könne; die Bahn hatte auf die hohen Kosten einer Verschiebung verwiesen.
Der frühere baden-württembergische Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) sagte zum neuen Eröffnungsfahrplan der Bahn: „Wir hatten schon seit Längerem entsprechende Signale. Wir wollten die Prüfung und das Ergebnis aber abwarten und nicht spekulieren.“ Der Stuttgarter Oberbürgermeister Frank Nopper (CDU) sagte der F.A.Z.: „Wenn die Spekulationen zutreffen, dann ist dies eine Hiobsbotschaft für Stuttgart und für das Projekt Stuttgart 21. Die Idee von Stuttgart 21 bleibt großartig – die Ausführung entwickelt sich offenbar zu einem Fiasko.“ Nopper erklärte, er habe bei der vorletzten Sitzung des Lenkungskreises gegenüber der Bahn angekündigt, bei weiteren Verzögerungen „nicht nur ungeduldig zu werden, sondern auch ungemütlich“. Frau Palla müsse nun „Tabula rasa machen“ und offen darstellen, was warum falsch gelaufen sei – und was mit Blick auf die Inbetriebnahme des Bahnhofs wann und wie tatsächlich möglich sei.
Probleme auch im Technikgebäude
Nach groben Schätzungen soll die Bahn bei einer Verschiebung um ein Jahr mit Kosten von 300 Millionen Euro kalkuliert haben. Grund für die deutliche Verschiebung ist nach wie vor der beklagenswerte Zustand des anspruchsvollen Digitalisierungsprojekts, der Digitale Knoten Stuttgart (DKS). Der sollte vollständig mit dem europäischen Zugleitsystem ETCS ausgestattet werden und damit eine neue Stufe erklimmen.
Im April 2020 hatten sich die Bahn und die Projektpartner geeinigt, den neuen Bahnknoten zum „digitalen Pilotknoten“ für Deutschland zu machen. Das Land Baden-Württemberg hatte sich vor allem an den Kosten für die Ausstattung der Züge mit digitaler Technik beteiligt.
Nach Informationen der F.A.Z. soll die bahneigene Gesellschaft DB Projekt Stuttgart-Ulm GmbH (PSU) die Probleme nicht in den Griff bekommen haben. Sie steuert den Bau von Stuttgart 21 seit dem Jahr 2013 und realisiert auch die komplette Neuordnung des Bahnknotens Stuttgart mit vier neuen Bahnhöfen, 56 Kilometer Tunnel und 42 Brücken. Noch im Oktober 2025 hatte die Projektgesellschaft an der Eröffnung des neuen Hauptbahnhofes Ende 2026 festgehalten.
Auch die Planungsprozesse seien nicht gut genug aufgesetzt worden, zudem kämpfe man auch beim Technikgebäude noch mit Problemen. Bei all den Schwierigkeiten scheint auch die Rolle von Olaf Drescher neu bewertet zu werden.
Der erfahrene Projektplaner musste im Februar überraschend seinen Posten räumen, obwohl der Ingenieur das Projekt gern bis zur Fertigstellung begleitet hätte; für ihn ist Klaus Müller nachgerückt, der ebenfalls schon seit Jahrzehnten bei der Bahn arbeitet.
Vor seinem Wechsel an die Spitze der Projektgesellschaft war Müller Vorstand für Digitalisierung bei der gemeinwohlorientierten Tochtergesellschaft der Bahn, DB InfraGO. So soll es „drastische Versäumnisse“ in der Planungssteuerung und der Bewertung der Risiken gegeben haben. Ein Faktor für die abermalige Verzögerung sollen auch neue Sicherheitsvorschriften sein.
Alte Gleisanlagen benötigt
Durch die völlig neue geostrategische Lage und wegen der höheren Kriegsgefahr durch den russischen Präsidenten Putin sind außerdem die Sicherheitsvorschriften und Anforderungen an die Resilienz für öffentliche Infrastrukturbauten durch den Bundesgesetzgeber noch einmal verschärft worden. Der neue Bahnhof benötigt deshalb ein besseres Notstromversorgungskonzept.
Für die Stadt Stuttgart hat die verspätete Eröffnung erhebliche Folgen für das Städtebauprojekt auf dem Gleisvorfeld des alten Kopfbahnhofs: Dort kann voraussichtlich wohl erst Mitte der 2030er-Jahre mit dem Bau des Rosenstein-Quartiers begonnen werden. Denn auf dieser Fläche befinden sich noch Gleisanlagen, die so lange benötigt werden, wie der alte Kopfbahnhof genutzt wird.
Für Bahnreisende, die von Stuttgart in die Schweiz reisen oder die aus dem Süden kommen, könnte die Verschiebung auch einen Vorteil haben: Denn der Pfaffensteigtunnel im Süden Stuttgarts soll 2031 oder 2032 fertig sein – das baubedingte Umsteigen in Böblingen oder Vaihingen würde dann entfallen.
