
Beim Frauenrennen des Radklassikers Mailand-Sanremo kam es am Wochenende bei einer Abfahrt zu einem schweren Unfall. Erst stürzten mehrere Fahrerinnen. Dann rasen weitere Teilnehmerinnen bei der nur schwer einsehbaren Kurve in die Unfallstelle hinein, begraben mit Körper und Rad die bereits auf dem Boden Liegenden unter sich.
Für Debora Silvestri kommt es noch schlimmer. Die Italienerin versucht, der Massenkarambolage zu entgehen, kollidiert mit der Leitplanke und wird auf eine mehrere Meter tiefer liegende Nebenstraße geschleudert. Dort bleibt die 27-Jährige leblos liegen.
Jeder Mensch mit einer Spur von Empathie ist bei diesen Bildern geschockt. Und in der Tat finden sich unter den auf Instagram und YouTube geposteten Videos vom Unfall zahlreiche Worte der Anteilnahme. Doch die Sozialen Medien werden auch bei diesem Ereignis einmal mehr ihrem schlechten Ruf gerecht: Menschen reagieren öffentlich mit Niedertracht. Auch solche Kommentare sind zu lesen: „Fahrerinnen. Genug gesagt“, „Radsport ist Männersache“, „Kein Mitleid, geht zurück in die Küche“, „Seht euch das an: Das sollen die besten der Welt sein“.
Es sind mehr als doofe Witzeleien von Einzelnen
Immer wieder finden sich solche Aussagen, von Männern verfasst, die im Schutze weitgehender oder vermeintlicher Anonymität des Internets einmal mehr Anlass finden, frauenfeindliche Aussagen zum Besten zu geben. Es sind nicht nur doofe Witzeleien von einigen Wenigen. Das eigentliche Problem zeigt sich in diesen Tagen und Wochen nicht nur, aber auch an diesem Fall: Die sozialen Medien geben zahlreichen Männern eine Plattform, ihre misogynen Ansichten im virtuellen Raum weitgehend frei von Folgen öffentlich zu machen.
Mit dem zum Ausdruck gebrachten Gedankengang, Sport der Frauen sei kein echter Sport, ist das Weltbild verknüpft, dass Frauen weniger wert sind als Männer. Es kommt oft genug in Räumen zum Ausdruck, in denen Männer meinen, unter sich zu sein: Gelächter füllte die Umkleidekabine der amerikanischen Eishockeyspieler vor einigen Wochen, als Donald Trump, der mutmaßlich mächtigste Mann der Welt, mit den Olympiasiegern über das ebenfalls siegreiche Frauenteam spottete. Die Eishockeyspielerinnen reagierten couragiert und würdevoll: Sie ließen den US-Präsidenten mit seiner Einladung ins Weiße Haus abblitzen.
Wieso werden Frauen bei Stürzen kritisiert, Männer aber nicht?
Im Falle von Silvestri geht es nicht nur um verletzte Würde, sondern auch um fünf gebrochene Rippen nach dem schweren Unfall, der noch schlimmer hätte enden können. Das sollten sich alle, die meinen, Scherze reißen zu müssen, vor Augen führen. Debora Silvestri ist eine der besten Radfahrerinnen der Welt. Eine erfolgreiche Berufsathletin, die für ihren Sport Lebenszeit und Gesundheit opfert. Das mögen die Tastaturkrieger auf der Couch ignorieren, es ändert nichts an ihren Erfolgen. Unfälle passieren im Radsport – auch bei den Männern. Nur wird Tadej Pogacar, der ebenso am Wochenende bei Mailand-Sanremo stürzte, nicht aufgrund seines Geschlechts herabwürdigend behandelt.
Dieser virtuelle Raum ist das, was wir als Nutzer daraus machen. Viel zu häufig ist er toxisch, zumal gegenüber Frauen. Wer sich über Unfälle lustig macht, muss in seine Schranken verwiesen werden. Wenn Männer die Täter sind, ihre Motivation die Herabwürdigung ist, reicht Schweigen nicht.
