
Viele Menschen in der nördlichen Wetterau können aufatmen. Die vor zwei Jahren errichtete Drohkulisse einer Starkstromtrasse des Netzbetreibers Amprion vor ihrer Haustür gehört der Vergangenheit an. Der Rhein-Main-Link wird die nördliche Wetterau nicht queren. Die Planer verschonen mit ihrem Schwenk sowohl die Brunnen der sich selbst mit Trinkwasser versorgenden Stadt Münzenberg als auch in dieser Gegend liegende landwirtschaftliche Flächen.
Dies folgt aus den Plänen, die der Netzbetreiber in diesen Tagen an mehreren Orten im Kreis Gießen und in Butzbach vorlegt und mit Anliegern erörtert. Der Schwenk ist in mehrfacher Hinsicht bemerkenswert und zu loben. Nach den ursprünglichen Plänen sollten die vier Leitungsbündel der Ökostrom von der Küste transportierenden Starkstromtrasse aus Richtung Norden zwischen Eberstadt und Muschenheim im Kreis Gießen verlegt werden, rechts an Trais-Münzenberg vorbei führen, hinter der Ortschaft nach Westen verschwenkt werden und südlich von Münzenberg nach Rockenberg verlaufen, um fast die Neue Mitte der Gemeinde zu schneiden und im Verlauf dem Taunus zuzustreben.
Münzenberger Trinkwasserbrunnen bleiben verschont
Die Bürgermeisterin von Münzenberg sah schon die autarke Trinkwasserversorgung in Gefahr und ihre Amtskollegin in Rockenberg die weitere Entwicklung ihrer Gemeinde infrage gestellt. Zudem meldeten Landwirte ihre Bedenken an: Indem für die Dutzende Meter breite Trasse tief gegraben werden müsste, würden wertvolle Böden über viele Jahre hinaus schwer geschädigt. Allein all diese Argumente haben nicht den Ausschlag für den Schwenk der Planer gegeben, den Rhein-Main-Link nun noch nahe Dorf-Güll im südlichen Kreis Gießen an die A 5 zu verlegen, unter der A 45 hindurchzuführen und im Verlauf wieder an der A 5 laufen zu lassen. Zwar ist damit den Münzenbergern wie den Rockenbergern und den Landwirten gedient, die in den jeweiligen Gemarkungen ihre Äcker haben. Vor allem aber vermeiden die Planer einen Konflikt mit den Archäologen.
Denn wer in der nördlichen Wetterau bauen will, ruft sie oft auf den Plan. Schließlich haben dort die Römer, Kelten und Bandkeramiker gesiedelt. Immer wieder finden sich Hinterlassenschaften dieser Kulturen im Boden. Sie müssen gesichtet, bewertet und im Zweifel auch gesichert werden. Und das kann dauern. Die Aussicht auf eine jahrelange Verzögerung der Planung und des Baubeginns ließ die Planer umdenken. Nun ist auch die anfangs als große Hürde dargestellte Sperrzone von 40 Metern links und rechts der Autobahnen kein hinderliches Thema mehr.
Nun drängt sich die Frage auf: Warum nicht gleich so? Das Erbe von Römern, Kelten und Bandkeramikern in der nördlichen Wetterau ist schließlich kein Geheimnis. Dessen ungeachtet haben sich die Planer lernfähig gezeigt. Sie erweisen nicht nur ihrem eigenen Anliegen einen Dienst.
