
Das niederländische Holocaust-Museum steht an einem Ort in Amsterdam, der die Ambivalenz dieser Geschichte widerspiegelt. Auf dem Gelände befand sich einst eine Schule zur Ausbildung von Erzieherinnen, daneben eine Kinderkrippe. Tausende Kinder wurden dort untergebracht, bevor sie von den deutschen Besatzern in die Vernichtungslager im Osten deportiert wurden.
Trotzdem ist es auch ein Ort der Hoffnung und der Menschlichkeit. Denn den Erzieherinnen gelang es, etwa 600 Kinder aus der Krippe herauszuschmuggeln und in Sicherheit zu bringen. Einige Monate lang ging das so, bis die Nazis dahinterkamen und auch die Direktorin der Schule nach Auschwitz beförderten, in den Tod.
Hier, im Hof der Schule, beginnt am Dienstag der Besuch von Bundespräsident Steinmeier und seiner Frau Elke Büdenbender. Begleitet werden sie vom Königspaar, Willem-Alexander und Máxima.
Es ist der erste echte Termin des drei Tage währenden Staatsbesuchs nach dem zeremoniellen Empfang im Palast am Dam-Platz und der Niederlegung eines Kranzes am Mahnmal für die Opfer der deutschen Besatzung. Und was für einer! Denn es geht nicht nur um die dunkle Seite der Vergangenheit. Es geht – im zweiten Teil – auch darum, wie es Juden heute in den Niederlanden ergeht. Mit ambivalent sind diese Erlebnisse noch höflich umschrieben.
Drei Viertel der jüdischen Gemeinschaft ermordet
Schon mit dem Museum, das vor zwei Jahren eröffnet und von der Bundesregierung mit vier Millionen Euro unterstützt wurde, haben es sich die Niederländer nicht leicht gemacht. Erzählt wird nicht nur der fremdbestimmte Teil des Holocausts, für den allein die nationalsozialistischen Besatzer verantwortlich waren.
Die Ausstellung beleuchtet auch den niederländischen Anteil, der natürlich viel kleiner war, aber lange verdrängt wurde. Das Museum sucht nach einer Antwort auf die Frage, wie es möglich war, dass nirgendwo im von Deutschland besetzten Westeuropa ein höherer Anteil der jüdischen Bevölkerung ermordet wurde als in den Niederlanden: 102.000 Menschen, drei Viertel der jüdischen Gemeinschaft.
Gleich im ersten Raum ist ein Bild von Menschen zu sehen, die den Arm zum Hitlergruß strecken – wie man an einem Schild erkennt, sind sie Anhänger der nationalsozialistischen Bewegung, kurz NSB. Die faschistische Partei, die schon 1936 mehr als 50.000 Anhänger hatte, wurde später zur Stütze der Besatzer. Ein paar Schritte weiter sind Karteikästen zu einer Wand aufgestapelt. Darin befinden sich die originalen Meldekarten aus jener Zeit – ein perfekt organisiertes Register, das von Anfang an auch die Religion erfasste.
Auch die „Judenjäger“ kommen vor
Die Besatzer machten sich das zunutze und begannen ganz schnell damit, Juden von Nicht-Juden zu trennen, ihnen Judensterne anzuheften, sie vom Rest der Bevölkerung zu isolieren und zu entrechten. „Das Recht wurde eingesetzt, um Verbrechen zu begehen“, sagt die Kuratorin des Museums, Annemieke Gringold, als sie mit Steinmeier und dem König durch die Ausstellung geht.
Es gab aber auch vorauseilenden Gehorsam. So entließ die Nachrichtenagentur ANP, die bis heute so heißt, schon am 14. Mai 1940, dem Tag der Kapitulation, alle jüdischen Beschäftigten. Und es gab die „Judenjäger“: Niederländer, die Jagd machten auf die zu Tausenden untergetauchten Juden, sie den Besatzern verrieten und dafür ein Kopfgeld von 7,50 Gulden kassierten. Heute wären das gut 50 Euro. Auch dieses besonders dunkle Kapitel des Holocaust wird nicht verschwiegen.
Nach dem Rundgang durch die Ausstellung kommen der Bundespräsident und der König mit ihren Frauen in der Gegenwart an. Im Auditorium des Museums treffen sie 13 jüdische Niederländer, vom Oberhaupt der jüdischen Gemeinschaft bis zu jungen Menschen, die sich auf die eine oder andere Weise für jüdische Bürger engagieren.
Man setzt sich in einem Stuhlkreis zusammen, ein paar Journalisten und Mitglieder der Delegationen dürfen zuhören. Mirjam Sterk, die Ministerin für Jugend, Sport und auch für die jüdische Gemeinschaft, moderiert. „Wie können wir sicherstellen, dass jüdisches Leben in den Niederlanden lebendig und vielfältig bleibt?“, fragt sie – es ist die Leitfrage an diesem Nachmittag.
Schnell geht es um den Antisemitismus seit dem Gaza-Krieg
Als sie einige Teilnehmer aufruft, dauert es nicht lange, bis eine von ihnen auf den 7. Oktober 2023 kommt – den Tag des Massakers, das Hamas-Terroristen bei einem Musikfestival und in mehreren Kibbuzim anrichteten. „Unser Leben und unsere Arbeit haben sich seither tiefgreifend verändert“, berichtet Chaja Oost. „Wir spüren tiefe Ängste und Besorgnis in unserer Gemeinschaft.“
Sie habe immer gedacht, dass sie die letzte Generation sei, die Antisemitismus ausgesetzt sei, sagt die 35 Jahre alte Frau, die für die Organisation „Jüdisches Leben“ arbeitet und sich um Menschen kümmert, die Hilfe benötigen. Aber nun fürchtet sie, dass es ihrer drei Jahre alten Tochter ähnlich ergehen werde.
Den Besuchern erzählt sie eine kurze Geschichte, die das verdeutlichen soll. Eine Freundin von ihr sei aus ihrem Fitnessclub in Amsterdam herausgeworfen worden, nachdem dessen Leiter auf ihrem Whatsapp-Profil eine israelische Flagge entdeckt habe. Für die Freundin sei das keine große Sache gewesen, sie wurde in Israel geboren, für den Leiter aber schon. „Wir werden für die Politik der israelischen Regierung verantwortlich gemacht, auf die wir gar keinen Einfluss haben“, sagt die junge Frau.
Jeder in dem Stuhlkreis kann solche Geschichten erzählen: über den täglichen Antisemitismus, der sie seit dem Gaza-Krieg begleitet. Und natürlich weiß Steinmeier, wovon gesprochen wird – in Deutschland ist es ja nicht anders. An diesem Nachmittag redet er aber nicht, ebenso wenig wie das Königspaar. Die Besucher hören zu.
Die Nähe der Institutionen bedeutet auch Schutz
Sie hören auch eine ermutigende Geschichte. Noa Duizend erzählt sie – 26 Jahre alt. Nach dem 7. Oktober tat sie sich mit einer Muslimin in ihrem Alter zusammen, beide wollten sich für den Frieden und für Verständigung engagieren. Ein Projekt: Schulklassen treffen ihre jüdischen Nachbarn. Ein anderes: eine Diskussion mit Muslimen über Rassismus und Diskriminierung. „Es ist schwer und es braucht Zeit“, sagt die junge Frau. „Aber wenn es nichts bringen würde, dann würde ich es nicht machen.“ Es gehe einfach darum, Empathie zu wecken, sich im anderen wiederzuerkennen.
Eine Dreiviertelstunde dauert dieser Austausch. Das ist nicht viel Zeit, Steinmeier hat ein dichtes Programm. Aber die jüdischen Niederländer messen die Bedeutung dieses Besuchs nicht in Minuten. „Es war sehr bewegend, dass sich der König und der Bundespräsident die Zeit nahmen, um uns zuzuhören, dass sie mit uns in einem Kreis saßen“, sagt Chaya Oost, als der Tross schon wieder aufgebrochen ist. „Das hat sich für mich bestärkend und ermutigend angefühlt.“ Die Nähe der Institutionen, das bedeute eben auch Schutz.
Noa Duizend hat es ähnlich empfunden. Gewiss sei es jedes Mal niederschmetternd zu hören, wie Leute im Alltag mit Antisemitismus umgehen müssten, sagt sie. Aber die Besucher hätten ihren Respekt für die jüdische Gemeinschaft zum Ausdruck gebracht, das baue wieder auf.
Noch etwas ist ihr aufgefallen: Ist es nicht bemerkenswert, dass bei einem Staatsbesuch auch das gezeigt wird, was in einer Gesellschaft schiefläuft? „Wir haben die ungeschminkte Realität gezeigt“, sagt Duizend. „Ich liebe das.“
