Wir brauchen dringend einen Sportplan für Deutschland! Warum? Weil gravierende Defizite uns alle früher oder später betreffen: Die Gesundheitsausgaben in diesem Land betragen mehr als 500 Milliarden Euro im Jahr. Etwa 80 Prozent der notwendigen Behandlungen sind eine Folge der Zivilisationserkrankungen. Sie könnten durch eine gezielte Prävention drastisch reduziert werden. Körperliche Inaktivität ist der vierthäufigste Risikofaktor für frühzeitige Sterblichkeit. Gleichzeitig wissen wir, dass nur 26 bis 29 Prozent der Deutschen den Empfehlungen der Weltgesundheitsorganisation für moderate Aktivität pro Woche nachkommen.

Ein Sportplan für Deutschland könnte auch dem Spitzensport helfen. Denn im Medaillenspiegel bei Olympischen Spielen rutscht die deutsche Mannschaft kontinuierlich ab: in Paris bei den Sommerspielen 2024 auf Rang zehn, bei den Winterspielen in Italien vor ein paar Wochen auf Rang fünf – obwohl die Fördergelder des Bundes zwischenzeitlich stiegen. Was muss getan werden, um eine bessere Volksgesundheit und die etwa von der Regierung gewünschten Erfolge im Leistungssport zu erreichen?
Studien zeigen, dass sowohl in der Medizin als auch im Sport freiwillige Selbstverpflichtungen und Appelle zu mehr Eigenverantwortung keine ausreichende Wirkung zeigen. Deshalb müssen die Voraussetzungen geändert werden, die Menschen zu Bewegung motivieren. Andere Nationen sind uns voraus. Sie haben die Kernfrage längst beantwortet: Was kann man mit Sport erreichen, was will man erreichen? Sie haben Ziele klar benannt und die entsprechenden Beschlüsse gefasst, Ressourcen zur Verfügung gestellt und sich angemessen Zeit genommen, um diese Ziele über eine kontinuierliche Entwicklung erreichen zu können.
Ein Mindestmaß an motorischen Fähigkeiten
Besonders wirksam waren dabei 60 Minuten qualifizierter, Freude an Bewegung auslösender Sportunterricht pro Tag. Das kann keine Absichtserklärung sein, sondern muss verbindlich festgelegt werden – in allen Bundesländern. Wir sollten dabei auch nicht davor zurückschrecken, Leistungsanforderungen im Sportunterricht durchzusetzen, die Freude an Leistung zu fördern.
Es geht dabei vordergründig nicht um den besonders schnellen Sprint, den weiten Sprung oder Wurf. Auch das muss gewürdigt werden. Aber vorerst geht es leider um Verlorenes, das uns teuer zu stehen kommen wird: um ein Mindestmaß an Schwimmfähigkeit, denn sie schwindet unter Grundschulkindern, oder um die Fähigkeit, rückwärts laufen zu können. Die Korrelation zwischen körperlicher und geistiger Entwicklung ist ja bekannt.
Entscheidend für die Begeisterung von Kindern an Bewegung, für eine bessere Volksgesundheit und – ja, auch für einen erfolgreicheren Spitzensport sind gut ausgebildete Sportlehrer und Trainer. Aber selbst den Besten sind die Hände gebunden, wenn es keine halbwegs geeigneten Sportstätten gibt, ihre Sanierung stagniert, die Weiterentwicklung und ein weitgehend ungehinderter Zugang ausbleibt. Zu hohe Kosten für eine regelmäßige Teilnahme etwa am Vereinssport sind eine Hürde für Kinder aus einkommensschwachen Familien – und das längst nicht mehr nur im Tennis. Schwimmbadbesuche müssen erschwinglich sein. Warum sind leichte Zugänge in anderen Ländern möglich, aber im reichen Deutschland kaum, jedenfalls viel zu selten?
Für die Volksgesundheit
In einem wirksamen Sportplan muss die Schule eine zentrale Bedeutung bekommen. Neben dem täglichen Sportunterricht ist es nötig, die Gesundheitskompetenz durch ein Fach Gesundheit mit den Schwerpunkten Gesundheitsaufklärung, gesunde Ernährung und Motivation zu lebenslanger Bewegung einzuführen. Das würde nach einigen Jahren auch ein paar Probleme des Spitzensports lösen. Leider hat die Akzeptanz für junge Menschen, die ihr Talent im Leistungssport entwickeln wollen, außerhalb der Eliteschulen des Sports in Deutschland nachgelassen. Es fehlt, um nur das Mindeste zu sagen, an Unterstützung durch Schul- Ausbildungs- und Universitätsleitungen; zumindest eine gewisse Flexibilität im Umgang mit Spitzensportlern wäre nicht zu viel verlangt.
In allen Punkten sollte die Kompetenz des organisierten Sports genutzt werden. Die Bundesregierung plant ein Sportfördergesetz und mit ihm den Aufbau einer Agentur für den Spitzensport, in der die Politik das Sagen haben will. Diese Agentur müsste aber eigenständig agieren oder unter dem Dach des Sports angesiedelt werden können – mit klarer Zielstellung und Entscheidungskompetenz, ohne Einfluss Dritter.
Wer die Gesundheit der Bürger und Bürgerinnen verbessern und dabei die Kosten signifikant senken will, wer eine Bewegungskultur schaffen möchte, die auch zu mehr Olympiasiegen führt, der muss bereit sein für einen langen Atem bei der Umsetzung eines „Sportplans für Deutschland“. Er müsste auf oberster Ebene vom Kanzler, den Ministerpräsidenten der Länder und vom Deutschen Olympischen Sportbund mit seinen Fachverbänden und Landessportbünden gemeinsam beschlossen werden. Sonst bleiben Gesundheit und Sportler auf der Strecke.
Der Autor ist Ärztlicher Direktor des Klinikums Osnabrück und leitet als Chefarzt die Klinik für Orthopädie, Unfall- und Handchirurgie. Ehrenamtlich führt er unter anderem als Präsident die Deutsche Triathlon-Union, zudem ist er Vizepräsident im Deutschen Olympischen Sportbund.
