Es gibt eine Disziplin, mit der man sich in der Finanzwelt zuverlässig unbeliebt macht. „Shortselling“ lautet der englische Fachbegriff dafür, der ins Deutsche übertragen schon etwas abenteuerlicher klingt: Es handelt sich um Wetten auf fallende Aktienkurse.
Dieses Geschäft wird von Menschen betrieben, die über gute Nerven und ein gewisses Selbstbewusstsein verfügen. Denn wer Zweifel am Geschäftsmodell einer Firma anmeldet und deswegen mit sinkenden Aktienkursen rechnet, muss gute Argumente auf seiner Seite haben. Die meisten dieser Angreifer sind Amerikaner, wo Wetten auf fallende Kurse eine lange Tradition haben.
Ausgerechnet am Tag der Hauptversammlung
Hierzulande ist das noch immer ungewöhnlich. In der vergangenen Woche allerdings machte plötzlich ein Deutscher auf diesem Feld von sich reden: Der Gummersbacher Siegfried Eggert hat sich mit seiner Investmentfirma Grizzly Research den Prothesenhersteller Ottobock vorgenommen. Eggert, der mit einem kleinen Team von Analysten und unterstützt durch einen Privatermittler sein Unternehmen in New York angesiedelt hat, nimmt gerne europäische Firmen in den Blick.

Die Attacke gegen Ottobock erfolgte ausgerechnet am Tag der Hauptversammlung: Eggert wirft dem Unternehmen in einer ausführlichen Analyse unter anderem „aggressive Bilanzierungspraktiken“ vor. Er behauptet außerdem, das Russlandgeschäft des Unternehmens sei größer als angegeben und unterstütze Russland bei seiner Kriegsführung. Gleich nach Veröffentlichung der Vorwürfe fiel der Aktienkurs von Ottobock um zeitweise mehr als zehn Prozent. Das Unternehmen wies all das als verleumderisch und in hohem Maße irreführend zurück. In Russland beispielsweise konzentriere man sich ausschließlich auf die Versorgung von Zivilisten, Eggerts Kennzahlen seien falsch. Vorstandschef Oliver Jakobi kündigte rechtliche Schritte gegen Grizzly Research und eine Anzeige bei der Finanzaufsicht Bafin an.
Den Deutschen aus New York scheint das bisher wenig zu beeindrucken. Ruft man ihn an, erreicht man einen gut gelaunten Investor, der gerne über sein Geschäft spricht. Sein Vorgehen sei immer ähnlich: „Wir schauen die Zahlen einer Firma kritisch durch. Wenn uns etwas Ungewöhnliches dabei auffällt, versuchen wir zunächst eine vernünftige Erklärung dafür zu finden. Wenn wir allerdings Anzeichen für Fehldarstellungen oder sogar Betrug finden, machen wir das Problem öffentlich.“ Eggert scheint gewillt, es auf einen Rechtsstreit mit Ottobock ankommen zu lassen.
Dieser Text stammt aus der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Das steckt hinter dem Namen „Grizzly Research“
Den 34-Jährigen hat es einst zum Studium in die Vereinigten Staaten gezogen, wo er zunächst für eine kleine Anlagefirma arbeitete, bevor er sich selbständig machte. Den Namen Grizzly Research hat er dabei bewusst gewählt. In der Börsenwelt werden fallende Kurse durch einen Bären symbolisiert, und Grizzlybären zählen nun einmal zu den beeindruckendsten ihrer Art. Ottobock ist nicht die erste Firma, die sich Eggert vornimmt. Zuletzt machte er beispielsweise mit Kritik an der Schweizer Beteiligungsgesellschaft Partners Group oder am Bewertungsportal Trustpilot auf sich aufmerksam. Der Deutsche findet sein Vorgehen nicht verwerflich, im Gegenteil: „Unsere Punkte helfen Anlegern dabei, sich Orientierung über den wahren Wert einer Aktie zu verschaffen. Das ist richtig und wichtig für die Märkte. Wir sind stolz auf das, was wir tun.“
Technisch funktioniert das Ganze so: Ein Investor wie Eggert leiht sich von anderen Anlegern zum Beispiel Ottobock-Aktien gegen eine Gebühr. Dann verkauft er die Aktien, nur um sie am Ende der Leihfrist wieder zurückzukaufen und sie den eigentlichen Besitzern zurückzugeben. Das Ziel des Spiels: Ist der Aktienkurs in diesem Zeitraum gefallen, hat der Investor daran gut verdient. Er hat zu einem hohen Kurs verkauft und zu einem niedrigen Kurs gekauft. Die Differenz abzüglich der Leihgebühr ist sein Gewinn.
Die betroffenen Unternehmen stellen ein solches Vorgehen gerne als verwerflich dar, was es im Einzelfall natürlich sein kann. Oft wird dabei allerdings übersehen, dass die ganze Angelegenheit auch für den Investor mit einem erheblichen Risiko einhergeht. Liegt er falsch oder kann er zumindest die übrigen Marktteilnehmer nicht von seiner Sichtweise überzeugen, steigt üblicherweise der Kurs der Aktie. Trotzdem muss der Investor sie ja zum Ende der Leihfrist zurückkaufen. Dabei macht er einen umso größeren Verlust, je stärker der Aktienkurs gestiegen ist.
Eggert gibt sich zuversichtlich: „Wir haben nicht immer recht, aber in vielen Fällen.“ Der Ottobock-Aktienkurs ist vor dem Wochenende allerdings wieder ein bisschen gestiegen.
