
Noelia Castillo geht im Zorn. Am Donnerstagabend erfüllte sich der einzige Wunsch der 25 Jahre alten Frau aus Barcelona. 601 Tage lang hatte die querschnittsgelähmte Spanierin darum gekämpft, sterben zu dürfen – in ihrem Bett, an das sie seit Jahren gefesselt war. „Allein und schön“, wollte sie ihren letzten Weg gehen, wie sie am Mittwoch in einem Fernsehinterview sagte. Wie die Anwälte ihres Vaters bestätigten, starb sie durch eine tödliche Injektion in einem Pflegeheim in Barcelona.
Bis vor den Europäischen Gerichtshof der Menschenrechte musste sie ziehen, um ihr Recht auf einen selbstbestimmten Tod durchzusetzen, das ihr die zuständigen katalanischen Behörden vor zwei Jahren zugestanden hatten. Fünf Gerichte befassten sich mit ihrem Fall, der Spanien bewegt. Denn ihr Vater, unterstützt von einer konservativen katholischen Organisation, wollte sie nicht sterben lassen.
„Ich hoffe, ich kann endlich zur Ruhe kommen, denn ich halte diese Familie nicht mehr aus, ich halte den Schmerz nicht mehr aus, ich halte all das, was mich quält, nicht mehr aus“, sagte Noelia Castillo in ihrem Gespräch mit dem Sender „Antenne 3“. „Ich will niemanden bei mir haben, ich will nicht, dass sie sehen, wie ich die Augen schließe“, hatte sie angekündigt; sie wollte ihr schönstes Kleid tragen und sich schminken. Besonders gegen ihren Vater erhob sie schwere Vorwürfe: Er habe sich nie für sie interessiert – bis sie ihren Entschluss mitteilte, an dem sie nach ihren eigenen Worten nie gezweifelt habe.
Nach einem Sprung aus dem Fenster war sie querschnittsgelähmt
Schon einmal hatte Noelia Castillo den Tod gesucht. Sie sprang aus einem Fenster im fünften Stockwerk. Seitdem war sie querschnittsgelähmt und litt an unerträglichen chronischen Schmerzen. Das geschah wenige Tage, nachdem sie drei junge Männer vergewaltigt hatten. In dem Interview berichtete sie, dass es schon zuvor zu sexuellem Missbrauch gekommen sei. Ihre Eltern, die zeitweise obdachlos waren, hatten sich getrennt, als sie 13 Jahre war. Die Sozialbehörden nahmen sie in Obhut, sie konsumierte Drogen und war in psychiatrischer Behandlung.
Ihr Vater und die Vereinigung der „Christlichen Anwälte“ sprachen ihr bis zuletzt die Fähigkeit ab, über ihr Leben zu entscheiden. Statt ihr eine Therapie gegen ihre behandelbare psychische Störung zu ermöglichen, biete ihr der Staat Sterbehilfe an, teilte die Organisation am Donnerstag mit. Das sei ein weiterer Beweis dafür, dass das Gesetz ein Fehlschlag sei. Spanier haben seit 2021 das Recht auf Hilfe bei einem „würdigen Tod“, wenn ihr Leben zur Qual wird. Spanien wurde nach drei anderen EU-Staaten das vierte Land mit einem Sterbehilfegesetz.
Die spanischen Anforderungen sind strenger gefasst als in den meisten anderen Ländern. Voraussetzung ist, dass der Patient unheilbar krank ist oder an schweren dauerhaften Behinderungen leidet, welche „die Person als unzumutbar erlebt“ und die „nicht durch andere Mittel gemildert werden“ können. Psychische Erkrankungen sind ausdrücklich ausgeschlossen.
Das Evaluierungsverfahren ist mehrstufig und dauert mehrere Wochen. Dabei muss der Patient den Wunsch bei Bewusstsein zweimal innerhalb von zwei Wochen schriftlich seinem behandelnden Arzt mitteilen. Dieser zieht dann einen Facharzt hinzu. Anschließend muss die regionale Evaluierungskommission zustimmen. In einem letzten Schritt muss der Patient seinen Wunsch noch einmal bestätigen.
Der Rechtsstreit begann im Jahr 2024
Doch ihr Vater, zu dem sie bis dahin keinen Kontakt hatte, akzeptierte die Entscheidung nicht. Ursprünglich sollte sich ihr Wunsch am 2. August 2024 erfüllen, stattdessen begann ein quälender Rechtsstreit. Noelia Castillo musste selbst vor Gericht aussagen. Die junge Frau wisse und verstehe, was sie wünsche und was sie tue, urteilte eine Richterin in Barcelona.
Jetzt stellt zum ersten Mal die europäische Justiz klar, dass sie keine Bedenken gegen das spanische Gesetz hat. Gegen das Vorhaben der linken Minderheitsregierung hatte die rechte Opposition und die katholische Kirche jahrelang erbitterten Widerstand geleistet; im Parlament erhielt es dank der Unterstützung linker und regionaler Parteien am Ende die nötige Mehrheit und auch das spanische Verfassungsgericht hatte keine Einwände. Die spanische Regierung registrierte zwischen Juni 2021 bis zum Beginn des vergangenen Jahres 2432 Anträge und 1123 Fälle von Tötungen auf Verlangen; Zahlen für 2025 gibt es bisher nicht.
Noelia Castillo hat ihren staatlich anerkannten Wunsch vor Gericht durchgesetzt. Der Streit darüber, ob Eltern das letzte Wort haben, wenn ihre erwachsenen Kinder ihrem Leben ein Ende setzen wollen und wie weit die Selbstbestimmung reicht, ist in Spanien damit nicht zu Ende. Auch der Katalane Francesc Augé sollte im Sommer 2024 sterben; damals war er 54 Jahre alt. Nach drei Schlaganfällen und zwei Infarkten war für ihn sein Leben unerträglich geworden. Sein Wunsch auf Sterbehilfe wurde anerkannt. Aber sein 94 Jahre alter Vater stoppte seinen letzten Schritt.
Noelia Castillo wollte keine Pionierin sein. „Ich möchte niemandem als Vorbild dienen“, hatte sie in ihrem letzten Interview betont, „es ist einfach mein Leben, das ist alles“.
