
Seit das Festival South by Southwest im texanischen Austin im vergangenen Jahr zuletzt stattfand, hat es einige Erschütterungen gegeben. Das gilt im wörtlichen wie im übertragenen Sinn. Das Kongresszentrum in Austin, traditionell das Herzstück der auch als „Southby“ oder „SXSW“ bekannten Veranstaltung, wurde abgerissen. Es soll an gleicher Stelle für 1,6 Milliarden Dollar neu und mit fast doppelt so viel vermietbarer Fläche gebaut werden, 2029 soll es fertig sein.
Kurz nachdem die Abrissarbeiten am Kongresszentrum begonnen hatten, kam es zu einem personellen Beben bei den Organisatoren von South by Southwest, das Beobachter völlig unvorbereitet traf. Hugh Forrest, der langjährige Programmchef, der als so etwas wie ein Urgestein des Festivals galt, verließ das Unternehmen, neben ihm gingen auch einige andere Führungskräfte. Offiziell hieß es, Forrest sei freiwillig zurückgetreten, aber er selbst machte klar, er sei entlassen worden. „Es war definitiv nicht meine Entscheidung, SXSW zu verlassen“, sagte er damals.
Weg von reinen Digitalthemen
All das hat dazu beigetragen, dass die diesjährige Neuauflage von South by Southwest am Donnerstag in veränderter Ausgangsposition begann. Die Veranstaltung verteilt sich auf mehr Orte in der Innenstadt, sie wird einige Tage kürzer sein als früher, und die Programmpunkte der drei großen Säulen – Musik, Film und Technologiethemen – sind im Zeitplan nicht mehr gestaffelt, sondern parallel angesetzt.
Greg Rosenbaum, der neue Programmchef, sagte der F.A.Z., der Ausfall des Kongresszentrums habe den Veranstaltern „kreative Freiheit“ gegeben, South by Southwest nicht nur logistisch, sondern auch in seiner Struktur zu überdenken. Dazu gehört auch eine Umbenennung des technologielastigen Programmteils, der jetzt nicht mehr „Interactive“, sondern „Innovation“ heißt. Darin soll Rosenbaum zufolge zum Ausdruck kommen, dass es hier längst nicht mehr nur um reine Digitalthemen geht, sondern auch um Gebiete wie Gesundheit oder Nachhaltigkeit.
Einst feierte Twitter auf dem Festival seinen Durchbruch
South by Southwest wird in diesem Jahr zum 40. Mal veranstaltet. Es begann 1987 als kleine Musikkonferenz, im Laufe der Zeit kamen Film und Technologie als weitere Schwerpunkte hinzu. Das Festival ist auch zu einem wichtigen Treffpunkt für Start-up-Unternehmen geworden. Einst feierte hier die Onlineplattform Twitter, die heute X heißt, ihren Durchbruch. Es gibt einen Start-up-Wettbewerb, in dem Gründer in verschiedenen Kategorien gegeneinander antreten. South by Southwest hat auch international expandiert, wenngleich mit gemischter Bilanz. 2023 gab es erstmals einen Ableger in Sydney, 2025 folgte London. Die Veranstaltung in Sydney wurde nach drei Auflagen wieder aufgegeben, London steht auch in diesem Jahr wieder auf dem Programm. Rosenbaum sagt, es gebe keine weiteren „unmittelbaren“ Expansionspläne außerhalb Amerikas.
Eine Zäsur für das Festival war die Corona-Pandemie. South by Southwest war 2020 eine der ersten großen Konferenzen, die ihr zum Opfer fielen, und wurde auch 2021 nur in virtueller Form abgehalten. Das traf die Veranstalter finanziell so schwer, dass sie viele Mitarbeiter entlassen und einen neuen Großaktionär an Bord holen mussten. Das Medienunternehmen Penske, das Zeitschriften wie „Rolling Stone“ und „Variety“ herausgibt und Shows wie die Verleihung der Golden Globes produziert, übernahm einen 50-Prozent-Anteil. 2023 stockte es auf eine Mehrheit von 51 Prozent auf.
Die Besucherzahlen von South by Southwest konnten nie an das Niveau vor der Pandemie anknüpfen und waren zuletzt sogar weiter rückläufig. Nach offiziellen Angaben der Organisatoren waren 2025 knapp 38.000 Konferenzteilnehmer vor Ort in Austin, ein Minus von mehr als 20 Prozent gegenüber dem Jahr zuvor. 2019 waren es noch fast 74.000 Besucher. Die Veranstalter weisen allerdings auf steigende Zuschauerzahlen für ihre Onlineinhalte hin und werten dies als Zeichen für zunehmendes Interesse am SXSW-Programm.
Weniger Politiker vertreten
Die abrupten Personalwechsel im vergangenen Jahr wurden in einem Bericht der „New York Times“ damit in Verbindung gebracht, dass das Festival zuletzt die von Penske gesetzten Ziele verfehlt habe. Es gab auch Spekulationen, dass der Mehrheitsaktionär darauf dringt, die Veranstaltung politisch stärker in die Mitte zu rücken. South by Southwest hat sich nach außen hin in der Vergangenheit oft linksliberal gegeben.
Gerade Hugh Forrest hat diese Haltung verkörpert. Er sagte der F.A.Z. einmal in Anspielung auf die Farben der Demokratischen und der Republikanischen Partei, er sehe South by Southwest als „blauen Punkt in einem roten Bundesstaat“, ähnlich wie auch die Stadt Austin selbst im von Republikanern regierten Texas als linksliberale Oase gilt. Forrests Nachfolger Rosenbaum sagt jetzt: „Wir sehen uns nicht als politische Organisation. Wir stehen für einen offenen Austausch von Ideen.“
Politik war in der Vergangenheit oft ein wichtiger Teil der Konferenz. Viele prominente Politiker traten in Austin auf, mehrheitlich waren es Vertreter der Demokraten. Im vergangenen Jahr war das politische Programm dann aber auffällig dünn. Das ist auch diesmal so. Von den Demokraten wird der kalifornische Gouverneur Gavin Newsom erwartet, von den Republikanern der frühere texanische Gouverneur und US-Energieminister Rick Perry.
KI diskutiert mit menschlichen Rednern
Daneben gibt es eine überschaubare Zahl von Podiumsdiskussionen mit politischen Themen. In einer geht es um die Frage, inwiefern Budgetkürzungen in staatlichen Forschungseinrichtungen unter dem Präsidenten Donald Trump die Wettbewerbsfähigkeit der USA beeinträchtigen. Programmchef Rosenbaum sagt, es sei nie das Ziel der Veranstalter gewesen, „Politik nur um der Politik willen“ zum Teil der Konferenz zu machen. Vielmehr gehe es darum, politische Dimensionen von Themen zu diskutieren, die für in Austin vertretene Branchen relevant seien, etwa mit Blick auf Regulierung.
Ein dominierender Schwerpunkt wird auch in diesem Jahr wieder Künstliche Intelligenz sein. Beispielsweise werden Vertreter des ChatGPT-Entwicklers Open AI in Austin über den Aufbau von KI-Infrastruktur wie Rechenzentren sprechen. In einer Veranstaltung soll ein KI-System auf der Bühne mit menschlichen Rednern diskutieren. Rosenbaum sagt, allgemein werde in den Programmpunkten, die sich um KI drehen, das Spannungsfeld zwischen Menschen und Technologie eine bedeutende Rolle spielen, und es werde viele Diskussionen über den ethischen Einsatz von KI geben.
Rosenbaum ist selbst Southby-Veteran, er arbeitet seit 2010 für das Unternehmen und hat vor seinem Aufstieg zum Programmchef im vergangenen Jahr den auf Bildungsthemen spezialisierten Festivalteil SXSW Edu verantwortet. Er sagt, Hugh Forrest habe ihn einst eingestellt und sei auch ein Mentor gewesen, und an der grundsätzlichen inhaltlichen Ausrichtung des Festivals werde sich auch nach dessen Abschied nicht allzu viel ändern. „Es wird keine radikalen Kurswechsel geben.“ Die Leitlinie von South by Southwest werde es bleiben, ein Programm anzubieten, „das nach vorne schaut“.
Auch Deutschland wird in diesem Jahr wieder Flagge in Austin zeigen. Die Bar „Speakeasy“ wird während des Festivals zum „German Haus“. Es soll ein Treffpunkt für die deutsche Szene sein, darunter Start-up-Gründer und Musiker. Zum Programm gehören ein Start-up-Wettbewerb und diverse Podiumsdiskussionen zu Technologiethemen. Das „German Haus“ wird vom Wirtschaftsministerium unterstützt und von der Initiative Musik organisiert, die im Auftrag der Bundesregierung deutsche Musik fördert.
