
Als vor einem Jahr ein schweres Erdbeben Myanmar erschütterte, traf es eine Bevölkerung, die vom Bürgerkrieg schon tief traumatisiert war. Gebäude bekamen Risse, Möbel stürzten um, und Familien rannten angsterfüllt auf die Straße. Mindestens 3600 Personen kamen in der Region Mandalay ums Leben, die eigentliche Zahl könnte aber weit höher liegen.
Doch auch zum Jahrestag des Bebens an diesem Samstag ist den Bewohnern des südostasiatischen Lands keine Atempause vergönnt. Denn nun erschweren der Irankrieg und die Kürzung internationaler Mittel den Wiederaufbau. „Die Eskalation des Kriegs im Nahen Osten macht die Lage noch schlimmer“, sagt Henry Braun, Landesdirektor der Welthungerhilfe. „Die Treibstoffpreise sind auch in Myanmar stark gestiegen.“
Das Regime hat aufgrund der Benzinknappheit schon ein alternierendes Fahrverbot erlassen, an den Tankstellen bilden sich lange Schlangen. Nicht nur für die Hilfsorganisationen, sondern für die Bevölkerung allgemein werden zahlreiche Alltagserledigungen wie die Fahrt zum Markt oder zum Arzt teurer. Nach Angaben der Organisation Help leben nach dem Erdbeben rund 280.000 Menschen noch immer in provisorischen Unterkünften. Es mangele an sauberem Wasser, medizinischer Versorgung und Infrastruktur.
Weniger Gelder für Hilfsmittel stehen zur Verfügung
Nach Angaben des Welternährungsprogramms (WFP) der Vereinten Nationen ist in den Regionen Sagaing und Mandalay zudem noch jeder sechste Haushalt von Ernährungsunsicherheit betroffen. Jeder zusätzliche Schock mache sich sogleich bemerkbar. „Die Menschen, die das Erdbeben überlebt haben, haben gerade erst wieder Fuß gefasst, und nun wirft ein weiterer Schlag sie abermals zu Boden“, sagt Michael Dunford, Landesdirektor und Vertreter des WFP in Myanmar. „Diese neue Welle globaler Instabilität trifft Myanmar zum ungünstigsten Zeitpunkt.“
Die Menschen in Myanmar sind auch davon betroffen, dass bedeutende Geberländer wie die Vereinigten Staaten wesentlich weniger Geld für Entwicklungshilfe und humanitäre Projekte zur Verfügung stellen. Die katholische Caritas rechnet außerdem damit, dass sich die internationale Hilfe wegen des Kriegs weiter auf den Nahen Osten konzentrieren werde und andere Krisen aus dem Blickfeld geraten. „Aufgrund drastischer Mittelkürzungen konnten lebenswichtige Hilfsmaßnahmen im Jahr 2025 nur zu 17 Prozent finanziert werden“, sagt die Myanmar-Referentin der Caritas, Angela Gärtner. „Das bedeutet: Nur etwa jeder fünfte Mensch, der dringend auf Hilfe angewiesen ist, bekommt tatsächlich Unterstützung.“
Die Katastrophe verschärft sich außerdem dadurch, dass sie ein Land trifft, das von Militärherrschaft und Bürgerkrieg gezeichnet ist. UN-Organisationen schätzen, dass sich 3,6 Millionen Menschen innerhalb des Landes auf der Flucht befinden. Rund 16 Millionen Menschen sind auf humanitäre Hilfe angewiesen, zwölf Millionen sind akut von Hunger gefährdet. Die Zivilbevölkerung leidet unter den Kämpfen, die in vielen Landesteilen toben, und den Angriffen des Militärregimes. „Immer wieder kommt es zu Luftangriffen auf Dörfer, zu willkürlichen Verhaftungen, Folter und der Vertreibung ganzer Gemeinden“, schreibt die Caritas.
„Hilfsgüter werden mitunter nicht durchgelassen“
Nachdem das Beben die Region Mandalay am 28. März 2025 mit einer Stärke von 7,7 erschüttert hatte, öffneten die Militärmachthaber die Gebiete offiziell für Hilfe aus dem Ausland. Die Hilfslieferungen konzentrierten sich vor allem auf die Regionen, die von Regimetruppen kontrolliert werden.
„Myanmar macht klar, was es bedeutet, wenn eine Naturkatastrophe mit einem bewaffneten Konflikt zusammenfällt. Das Recht auf Hilfe für die Zivilbevölkerung wird militärischen und politischen Zielen untergeordnet“, kritisiert Martin Keßler, Leiter der Diakonie Katastrophenhilfe. „Hilfsgüter werden mitunter nicht durchgelassen, und der Transport von Medikamenten, Hygieneartikeln und Kraftstoff in die betroffenen Gebiete ist teilweise sogar verboten.“
Trotz zahlreicher Hürden haben die Hilfsorganisationen nach eigenen Angaben Hunderttausenden Menschen Lebensmittel, sauberes Wasser und Unterkünfte zur Verfügung gestellt. Laut der UN-Koordinierungsstelle für humanitäre Hilfe (OCHA) hat die Erdbebenhilfe ihrer Partner insgesamt 1,7 Millionen Menschen erreicht. Viele Menschen mussten sich selbst helfen. „Die betroffenen Dorfgemeinschaften zeigen eine beeindruckende Widerstandskraft. Menschen bauen ihre Häuser wieder auf und unterstützen sich gegenseitig“, sagt Henry Braun von der Welthungerhilfe.
Viele Familien hätten aber ihr Einkommen und ihr Zuhause verloren, ihr Land verkaufen oder beleihen müssen, sagt Mi Mi Kyaw, Regionalleiterin der Welthungerhilfe in Mandalay. Schon kleine zusätzliche Preissteigerungen könnten nach Angaben der Regionalleiterin dazu führen, dass sie Mahlzeiten ausfallen lassen oder Arztbesuche verschieben müssen. Das könnte zu noch größerer Not führen, so Mi Mi Kyaw weiter. Und so spricht der Landesdirektor Braun eine eindringliche Warnung aus: „Ohne verlässliche und ausreichende Finanzierung droht sich die Situation für Millionen Menschen weiter zu verschärfen.“
